Tobias Ulbrich nach seinem Rücktritt als Vorsitzender der Landeselternvertretung in der Geschäftsstelle des Wittenberger Sonntag im Gespräch mit Ellen Rinke, Repräsentantin des Wittenberger Sonntag. Foto: Wolfgang Marchewka�

Tobias Ulbrich nach seinem Rücktritt als Vorsitzender der Landeselternvertretung in der Geschäftsstelle des Wittenberger Sonntag im Gespräch mit Ellen Rinke, Repräsentantin des Wittenberger Sonntag. Foto: Wolfgang Marchewka�

10.12.2017

Tobias Ulbrich: „Sachsen-Anhalt erzieht heute die Sozialhilfeempfänger von morgen!”

Denn sie wissen nicht was sie tun...

Wittenberg (wm). Drei Jahre lang hat er sich in der Landeselternvertretung als deren ehrenamtlicher Vorsitzender engagiert und in zahlreichen Gesprächen mit den zuständigen Landespolitikern verschiedener Parteien versucht, das Bildungs- und Betreuungsangebot der Kinder in Sachsen-Anhalt zu verbessern. Doch nach der jüngsten Anhörung im Landtag zur sogenannten „Kleinen Novelle“ des Kinderförderungsgesetzes (KiFöG) ist Schluss für Tobias Ulbrich: „Manche Politiker betrachten die Landeselternvertretung lediglich als eine Art Marionette, die pro forma gefragt werden muss, anschließend entscheiden sie gegen den Rat der Landeselternvertretung und damit gegen die Interessen der Kinder und ihrer Eltern. Ich kann es mit meinem Gewissen nicht länger verantworten, dabei weiter mitzumachen“, begründet Ulbrich im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag seinen Rücktritt. 

Als generelles Problem nennt der Wittenberger Software-Spezialist, der sogar auf eigene Kosten für den Bundestag kandidierte, um auf das Bildungsproblem aufmerksam zu machen, die Neigung zu vieler Politiker, „von heute höchstens bis zum nächsten Wahltermin“ denken zu wollen und die langfristigen Folgen ihres Handelns zu missachten. Beispiel: Finanzpolitik gegen Bildungspolitik. „Sachsen-Anhalt spart heute auch beim KiFöG und verschweigt dabei, was in einigen Jahren kommen wird: Wir erziehen uns heute die Sozialhilfeempfänger von morgen – und das wird teuer!“ 

Tobias Ulbrich kann seine düstere Prognose mit harten Fakten untermauern: „Wir haben schon heute zu wenig Erzieher und in drei bis vier Jahren gehen weitere 20 bis 25 Prozent in Rente, aber höchstens die Hälfte rückt nach. Das ist ein hausgemachtes Problem, die Landespolitiker sehen es, aber sie tun viel zu wenig, um es zu lösen.“

Bereits heute würden manche Kitas unter Personalmangel leiden – auch weil in der alltäglichen Praxis weniger Betreuer arbeiten, als auf dem Papier vorhanden sind. Als einen Grund dafür nennt Ulbrich die Tatsache, dass besonders ältere Erzieher häufiger krank sind. „Ursache sind in vielen Fällen die Folgen der anhaltenden beruflichen Überlastung“, meint Ulbrich und stellt eine Frage in Richtung Landespolitik: „Wann will man mit der bedarfsgerechten Ausbildung von Erziehern anfangen? Die dauert insgesamt fünf Jahre, die Probleme werden also weiter zunehmen.“ 

Eine weitere Folge falscher Politik sieht Ulbrich in dem Umstand, dass inzwischen manche am Beruf des Erziehers interessierte junge Talente dem Bundesland Sachsen-Anhalt verloren gehen: „Manche besuchen auf eigene Kosten eine Privatschule in Leipzig und werden vermutlich dort bleiben.“ Bitter sei auch, dass die Landesregierung weiterhin auf dem „Kooperationsverbot“ bestehen wolle, das die Bundesregierung weitgehend aus der Bildungspolitik der Länder heraushält. „Bundesmittel waren zum Beispiel für das Programm ‘Qualität vor Ort‘ im Bundeshaushalt vorgesehen, doch es konnte nicht beschlossen werden, bedauert Ulbrich. Er fürchtet, dass als Folge politischer Fehlentscheidungen die Kommunen in Sachsen-Anhalt weitere Kosten auf die Eltern umlegen werden. „Andere Bundesländer steigen in die Beitragsfreiheit ein, und bei uns gibt es einen Rückschritt“, kritisiert Ulbrich, „damit und mit den Mangel an Erziehern geht ein Standortvorteil für Sachsen-Anhalt – die gute Bildung – verloren.“ 

Und das hat auch Auswirkungen auf die Wirtschaft, Stichwort Fachkräftemangel: „Durch meine berufliche Arbeit kenne ich Unternehmen, die ihre Schichten nicht mehr vollständig besetzen können und weitere Unternehmen, die nicht genügend geeignete Azubis bekommen.“ Ulbrich hat versucht, die längerfristigen Folgen der Bildungspolitik auf Landesebene zu besprechen, doch: „Es ist mir in drei Jahren noch nicht einmal gelungen, Vertreter des Sozialministeriums und des für die demografische Entwicklung zuständigen Ministeriums für Landesentwicklung und Verkehr an einen Tisch zu bringen. Besonders die CDU bremst und liefert oberflächliche Sprüche, die nicht zu Ende gedacht sind.“ 

Als Fazit fällt Tobias Ulbrich zu den Handlungsweisen der verantwortlichen Politiker in Sachsen-Anhalt nur ein berühmt gewordener Filmtitel ein: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“




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