Zahl der in den vergangenen Jahren beim Deutschen Presserat eingegangenen Beschwerden. Statistik: Deutscher Presserat

Zahl der in den vergangenen Jahren beim Deutschen Presserat eingegangenen Beschwerden. Statistik: Deutscher Presserat

04.11.2017

Ein Leitartikel von Wolfgang Marchewka

Der Deutsche Presserat und das Diskriminierungsverbot

Der Deutsche Presserat hat im vergangenen Dezember seinen 60. Geburtstag mit einem festlichen Akt gefeiert; immerhin ein Ereignis, zu dem der damalige Bundespräsident Joachim Gauck die Festrede gehalten hat. 

Das war auch angemessen, schließlich hat dieses Gremium auf der Basis des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland einen Verhaltenskodex entwickelt, den nicht nur die Tageszeitungen bei ihrer Arbeit beachten sollen. Was natürlich nicht immer gelingt: Der Presserat reklamiert pro Jahr mehrere 100 Verstöße gegen die branchenüblichen Richtlinien, und oft waren es jene Zeitungen, bei denen die Überschrift auf der Titelseite gewöhnlich wesentlich größer ist als der nachfolgende Inhalt. Und so gab es in den vergangenen Jahrzehnten vor allen Dingen für solche Blätter reichlich Rügen. 

Leider scheint sich dieses Problem ausgeweitet zu haben auf solche Tageszeitungen, die sich selbst gerne mit dem Attribut „seriös“ schmücken. Der Grund dafür scheint in der bedauerlichen Tatsache zu liegen, dass mit der Missachtung von bestimmten Regeln mehr Leserinnen und Leser erreicht werden können als mit seriöser Arbeit.

Das gilt besonders für solche Fälle, in denen Ausländer im Allgemeinen und Flüchtlinge im Besonderen negativ dargestellt werden können. Ein Beispiel für derart den Grundsätzen seriöser Pressearbeit widersprechenden populistischen Verhaltens lieferte in der vergangenen Woche leider auch die Mitteldeutsche Zeitung in ihrer Wittenberger Ausgabe. Unter der fetten Schlagzeile „Krach im Mietshaus“ beschrieb Redakteur Michael Hübner in zahlreichen Zeilen eigentlich nichts. Jedenfalls nichts Erwähnenswertes, denn in einem Wohnblock, in dem mehrere Mieter neben- und übereinander wohnen, ist ein gelegentlicher Streit unter Nachbarn „Alltagsgeschäft“, wie es WIWOG-Vorstand Rando Gießmann treffend formuliert. Die eine Familie möchte ihre Ruhe, die andere lebt etwas lauter und schon ist die Differenz da. 

Im Regelfall ist so etwas nicht der Rede Wert, und erst recht nicht ein Bericht in der Zeitung, vernünftige Menschen können sich untereinander einigen, und wo das nicht funktioniert gibt es Hilfen seitens der Wohnungsgesellschaft. 

Warum also sah sich die Mitteldeutsche Zeitung zu einem Bericht veranlasst? Nun, die Geschichte war scheinbar aus Aufmerksamkeit heischender Sicht einfach zu schön, um nicht gedruckt zu werden, denn die Rollen konnten fast wie in einem üblichen Western klar zugeordnet werden: Auf der einen Seite die guten Deutschen, die weibliche Hauptrolle laut MZ auch noch mit einer „Königin“ besetzt, auf der anderen Seite die bösen Ausländer in ihrer derzeit schlimmsten Form: Flüchtlinge, und dann auch noch solche, für deren Verhalten „das Volk“ gewöhnlicherweise Bundeskanzlerin Angela Merkel schmähen kann. 

Die fünf Kinder jener Flüchtlingsfamilie aus Syrien machten das, was Kinder häufiger tun: Krach. Nichts Erwähnenswertes also, jedenfalls nicht für eine seriöse Tageszeitung. 

Der Deutsche Presserat hat in seinen Richtlinien auch die Ziffer 12 – Diskriminierungen. Wörtlich heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.“ In der Erläuterung des Presserates zu diesem Diskriminierungsverbot heißt es ebenfalls wörtlich: „In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ 

Das gilt selbst für Straftaten. Nun sind wir uns sicherlich einig, dass Kinderlärm keine Straftat ist und es für den von Lärm belästigten Bürger keine Rolle spielt, ob der Lärm deutschen oder syrischen Ursprungs ist. Wozu also dieser Bericht unter der Schlagzeile „Krach im Mietshaus“? Richtig, damit werden die Vorurteile der „besorgten Bürger“ in Sachen Flüchtlinge trefflich bestätigt – ein glatter Verstoß gegen die Richtlinien des Deutschen Presserates. 

Vielleicht kommt es aber anders, als MZ-Redakteur Michael Hübner gedacht hat, denn es gibt auch noch vernünftige Leser, denen solch einfältige Berichte gehörig auf die Nerven gehen. Wir zitieren zwei Leser, die ihre Meinung auf der Facebook-Seite der MZ veröffentlicht haben. Leser 1: „MZ Wittenberg. Ihr seid absolut nicht mehr ernst zu nehmen, geschweige denn anständige Journalisten. Man könnte glauben, ihr seid mit der Bild fusioniert. Was ist da los? Keine Fachkräfte mehr? Wer ist es denn, für den ihr euch schon in so vielen Artikeln zur Propagandamaschine/Hure machen lassen habt?“ 

Leser 2: „So ein Quark! Im Nachbarhaus wohnen ganz normale deutsche Mitbürger und bei denen ist regelmäßig nachts lautes Halli Galli angesagt! Wieso regt ihr euch da nicht auf??? Echt mal, ihr habt doch nicht mehr alle Nadeln an der Tanne!“ 

Auf Anfrage der Redaktion des Wittenberger Sonntag bestätigte WIWOG-Geschäftsführer Rando Gießmann seine Aussage, die er schon vor 1 1/2 Jahren dem Wittenberger Sonntag mitgeteilt hatte: „Wir haben mit manchen deutschen Familien mehr Probleme als mit Flüchtlingsfamilien. Das gilt besonders für junge Familien im Alter von unter 25 Jahren.”





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