Heinz Wehmeier, Projektleiter der Deutsch-Russländischen Gesellschaft, bekommt für sein Engagement für die Völkerverständigung das Bundesverdienstkreuz. Foto: Wolfgang Gorsboth

Heinz Wehmeier, Projektleiter der Deutsch-Russländischen Gesellschaft, bekommt für sein Engagement für die Völkerverständigung das Bundesverdienstkreuz. Foto: Wolfgang Gorsboth

05.02.2017

Projektleiter der DRG erhält das Bundesverdienstkreuz

Heinz Wehmeier: Sanktionen schaden nur dem Volk

Wittenberg (wg). Als er den Brief erhalten und gelesen habe, seien die Augen „leicht feucht“ geworden. Heinz Wehmeier, Projektleiter der Deutsch-Russländischen Gesellschaft (DRG), bekommt auf Vorschlag von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) von Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz verliehen. Die Übergabe der Ordensinsignien und der Verleihungsurkunde erfolgt am 7. März in Palais am Fürstenwall in Magdeburg durch den MP – „ein Bülziger zeichnet einen anderen Bülziger aus“, schmunzelt Wehmeier.

Die Auszeichnung habe ihn sehr gerührt, bekennt der Projektleiter, am wichtigsten sei jedoch, dass damit die Arbeit des Vereins gewürdigt werde und dies in einer Zeit, in der die Vorbehalte gegenüber Russland und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion groß seien. „Wir sind keine Politiker, wir arbeiten weder mit Sanktionen noch mit Appellen, sondern mit Projekten, in denen sich Menschen aus Ost und West auf Augenhöhe begegnen und kennenlernen können“, beschreibt Wehmeier im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag die Mittlerrolle von Nichtregierungsorganisationen wie der DRG. 

Für den Frieden gegen Rassismus

 „Mit der Auszeichnung werden Ihr langjähriges außerordentliches gesellschaftliches Engagement für den Deutsch-Russischen Kulturaustausch, die Förderung des Erlernens der russischen Sprache sowie Ihr herausragender Beitrag zur interkulturellen Verständigung gewürdigt, heißt es im Schreiben der Staatskanzlei. Seit mehr als 20 Jahren setze er sich für Frieden, Völkerverständigung, Kulturaustausch und den Abbau von Rassismus und Gewalt ein. Er sei ein Mensch, der Werte und Traditionen vorlebe, mithin ein Vorbild insbesondere für die junge Generation. Mit seiner Ausstrahlungskraft und seinem Engagement habe er beispielgebend zum positiven Image des Landes beigetragen. 

„Wir sind Optimisten“, sagt Wehmeier, spricht man ihn auf die Zukunft der Ost-West-Beziehungen an. Am wichtigsten sei die Abschaffung aller Sanktionen, sie träfen in erster Linie die Bevölkerung und erreichten letztlich nur das Gegenteil: „Heute steht die Bevölkerung mehr denn je hinter Putin.“ Es brauche normale Beziehungen, da gingen zivilgesellschaftliche Einrichtungen wie Vereine und Kirchen mit gutem Beispiel voran. 

Beziehungen lebten aber vor allem vom Dialog der Menschen und dieser setze Reisefreiheit voraus. Während der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko Anfang des Jahres in einem Erlass anordnete, dass für Bürger aus 80 Staaten, darunter Deutschland, ein visafreier fünftägiger Aufenthalt eingeführt wird, schotten sich die Staaten der EU ab. Ab einem Alter von 12 Jahren werden von Angehörigen von Nicht-Schengen-Staaten Fingerabdrücke verlangt, Krim-Bürger bekommen gar kein Visum.

„Reisefreiheit gehört zu den Menschenrechten, diese haben Priorität“, fordert Wehmeier. Fünf- bis sechsmal im Jahr fährt Wehmeier nach Russland und angrenzende Staaten, und das seit mehr als 45 Jahren. Erzählungen des Großvaters, Betriebsleiter einer Ziegelei, in der russische und britische Kriegsgefangene arbeiteten sowie eigenes Erleben mit sowjetischen Soldaten legten die Saat für die Russlandbegeisterung. 

An der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studierte Wehmeier Russisch und Englisch. Entscheidend war das dritte Studienjahr 1970/71, als er ein einjähriges Teilstudium in Woronesch absolvieren durfte. Im Wohnheim lebten Studenten aus 71 Nationen. Er lernte seine Ehefrau kennen - Albina, eine Germanistin aus Ufa, die er 1971 ebendort heiratete, der Trauzeuge kam aus dem Jemen. Seine Doktorarbeit widmete er einem grammatikalischen Thema, einige Jahre arbeitete er an der MLU als Assistent für Sprachwissenschaft, danach als Dozent für Landeskunde im Bereich Slawistik. Zwischendurch war er vier Jahre im Bezirksvorstand Halle der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft tätig.

Plötzlich war alles Makulatur

„Dann kam die Perestroika, die spannendste und wertvollste Zeit“, blickt Wehmeier zurück. Plötzlich geriet alles ins Wanken, dank Glasnost: Was mit großem Propaganda-Aufwand bis dato über den „großen Bruder“ verkündet wurde, war Makulatur. Der Gulag wurde ebenso diskutiert, wie der Hitler-Stalin-Pakt, der rote Terror gegen die Kirche, die sozialen Missstände und der wirtschaftliche Abgrund. Man konnte über Dinge reden, die in der DDR äußerst unerwünscht waren.

„Nach der Wende kam ein Brief aus Mogiljow im Rathaus an mit der Bitte, dass wir Tschernobyl-Kinder aufnehmen“, so Wehmeier. „Wir haben die Kinder betreut und 1992 auf Anregung des damaligen Sozialreferenten Engelbert Pennenkamp unseren Verein gegründet.“ Auch bei der Gründung des Bundesverbandes Deutscher West-Ost-Gesellschaften vor 20 Jahren war Wehmeier aktiv.

Mit Baschkiren und Tartaren

In all den Jahren hat Wehmeier unzählige Kontakte zu den Menschen in Osteuropa geknüpft, mit Baschkiren Hochzeit gefeiert, mit Tataren den „Sebantuj“ erlebt, in Georgien Trinksprüche erhoben und in Taschkent auf den Frauentag angestoßen. Unvergessen die vielen Gespräche mit Menschen unterschiedlicher Schicksale, Nationalitäten und Religionen: „In diesen Jahren bin ich nicht einem einzigen Menschen begegnet, der uns Deutschen feindselig gegenüberstand, im Gegenteil. Trotz des unermesslichen Leides, das Deutsche den dort lebenden Menschen im Krieg und der Besatzung zufügten, sprechen diese mit Hochachtung von unseren kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen.“ 

Das Bundesverdienstkreuz zeichnet ein ebenso aufwendiges wie dankbares Lebenswerk aus, das noch lange nicht beendet ist: „Wir wollen ein Europa, in dem alle Völker in Frieden miteinander leben können“, sagt Wehmeier, dessen Vorbilder Willy Brandt und Egon Bahr zu den Architekten der Entspannungspolitik zählen. „Auch wenn viele ein geeintes Europa angesichts der Konflikte und des Wohlstandgefälles für eine Illusion halten, so bietet nur diese Idee die dauerhafte Chance auf Frieden und Versöhnung.“




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