Pfarrer Christoph Krause hat die Wanderausstellung „All you need is beat“ in die Bad Schmiedeberger Stadtkirche geholt. Foto: Wolfgang Gorsboth

Pfarrer Christoph Krause hat die Wanderausstellung „All you need is beat“ in die Bad Schmiedeberger Stadtkirche geholt. Foto: Wolfgang Gorsboth

07.11.2016

Wanderausstellung zur Jugend, Musik und Politik in der DDR

„All you need is beat“ in der Bad Schmiedeberger Stadtkirche

Bad Schmiedeberg (wg). Wie jede Diktatur wollte auch das SED-System die Köpfe der Menschen, insbesondere der Jugendlichen, kontrollieren. Anhänger der Beatmusik wurden als Gammler oder Rowdys diffamiert, das System hatte Angst vor Lebensentwürfen, die sich der allgegenwärtigen Reglementierung entzogen. Mit welcher Härte das System dabei vorging, wie aus Beatfans Feinde einer vermeintlich sozialistischen Nationalkultur wurden, das zeigt die Ausstellung „All you need is beat“, die bis zum 30. November in der Evangelischen Stadtkirche in Bad Schmiedeberg zu sehen ist.

Der Titel der vom Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. erarbeiteten Ausstellung wurde von Falk Johne, einem Musiker der legendären Leipziger Beatcombo „The Butlers“ vorgeschlagen in Anlehnung an den bekannten „Beatles“-Hit „All you need is love“. Die Entwicklung der Beatmusik in Leipzig steht im Mittelpunkt der Ausstellung, wobei die „Butlers“ zu den führenden Lokalmatadoren gehörten.

„Als diese und andere Bands von der SED-Bezirksleitung mit Spielverbot belegt wurden, kam es am 31. Oktober 1965 zur Beatdemonstration in Leipzig“, berichtet Pfarrer Christoph Krause im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag. Der Pfarrer hat die Ausstellung in die Kurstadt geholt.

 Die  Schau zeigt nicht nur die Hintergründe dieses Ereignisses auf, sondern auch andere Kontinuitäten: Als im Herbst 1989 in Leipzig immer mehr Demonstranten auf die Straßen gingen, sprach Staatsratsvorsitzender Erich Honecker von „Rowdys“ und die linientreue Leipziger Volkszeitung schrieb: „Rowdys beeinträchtigen ein normales Leben.“

Dieser Begriff hat in der Geschichte der SED-Diktatur eine lange Tradition und ist eng mit einem musikalischen Phänomen verbunden: dem Rock'n'Roll, der als internationale Musikwelle die DDR-Systemgrenze sprengte und dazu führte, dass bereits Mitte der 50er Jahre der Tatbestand des Rowdytums eingeführt wurde.

Wenig später verfuhr die Obrigkeit genauso auch mit der zweiten Musikwelle, dem Beat. In der DDR galt das „sowjetische Kulturmodell“, Kunst wurde als Waffe im Klassenkampf betrachtet, die Künstler und ihre Milieus wurden überwacht.

Im Westen verlief die Entwicklung anders: Es gab zwar Auseinandersetzungen zwischen den Generationen, welche Musik erträglich sei, der Staat hatte sich aber völlig heraus gehalten. Die Musikindustrie im Westen entdeckte die wirtschaftlichen Potenziale von Rock'n'Roll und Beat und etablierte ein kommerzielles Netzwerk.

Während im Westen das Abweichen vom Mainstream, die Suche nach alternativen Lebensstilen alltäglich war, erforderte in einer Diktatur abweichendes Verhalten Mut, weil es immer mit Gefährdungen verbunden ist. Dabei reichte es völlig aus, der FDJ nicht beizutreten oder einer so genannten aufmüpfigen Jugendsubkultur anzugehören: Durch ihre Kleidung, Haarlänge und Verhaltensweisen brachen die Jugendlichen aus der vorgegebenen Konformität aus.

Elvis-Tolle und wilde Mähnen galten als westliches Erscheinungsbild, als Merkmale des Klassenfeinds und deshalb als Sicherheitsrisiko. Die Beatniks trampten durch die gesamte DDR zu angesagten Beatschuppen und Konzerten als Form des Protestes gegen die durch Mauer und Stacheldraht sowie totaler Überregulierung eingeengten Lebensverhältnisse.

Die Jugendlichen schufen sich ihre eigenen Freiräume, was der DDR-Obrigkeit zunehmend suspekt erscheinen musste: Sie wollte den „Neuen Menschen“ schaffen und setzte dabei besonders auf die Jugend. Deshalb grenzte sich die SED scharf von der westlichen Musik ab: Sender wie RIAS Berlin wurden als „Rattenfänger“ beschimpft, der Beat als „Hottentottenmusik“ diffamiert.

1965, auf dem „Kahlschlag-Plenum“ des SED-Zentralkomitees, wurde der verhassten West-Musik der Kampf angesagt: Von nun an hieß die staatliche Strategie Ausgrenzung, Überwachung und strafrechtliche Verfolgung. Eine Vielzahl von Bands wurde verboten, darunter auch die „Butlers“, deren Chef Klaus Renft war. So kam es am 31. Oktober 1965 auf dem Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz zu einer Demonstration, zu der sich circa 500 Beat-Fans versammelten sowie 2.000 Polizisten und Stasi-Leute, teils in Uniform, teils in Zivil

„Die geballte Staatsmacht marschierte auf mit Wasserwerfern und Hundestaffeln“, so Pfarrer Krause. Über diese Protestaktion lagen bislang kaum gesicherte Kenntnisse vor, und es ist das Verdienst von Yvonne Liebing, Akten und Quellen für die Ausstellung aufgearbeitet zu haben und damit eindrucksvoll deutlich zu machen, wie die SED-Jugendpolitik gescheitert ist.

Erstmals befasst sich damit eine Ausstellung umfassend mit der Rolle der subkulturellen Jugendgruppen in der DDR, wodurch die Sicht auf das Alltagsleben in der SED-Diktatur für den Betrachter an Schärfe gewinnt.

Hinweis:

Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 16 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter 034925/70282 und 70370.




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