Der Wittenberger Autor Reinhard Pester (2.v.r.) zu Besuch bei Ruthy Friedman (l.) in Tel Aviv. Foto: privat

Der Wittenberger Autor Reinhard Pester (2.v.r.) zu Besuch bei Ruthy Friedman (l.) in Tel Aviv. Foto: privat

11.02.2016

Broschüre als Wegbegleiter zu 29 Mahnmalen auf Bürgersteigen

Stolpersteine erinnern an jüdische Opfer

Wittenberg (wg). Zwei weitere Stolpersteine werden in diesem Jahr verlegt, dann befinden sich insgesamt 29 dieser dezentralen vom Kölner Künstler Gunter Demnig entwickelten Mahnmale zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Wittenberg.

„Dazu wird im Herbst eine 64-seitige Broschüre im Drei Kastanien Verlag erscheinen“, kündigt Reinhard Pester an. Der Autor engagiert sich seit zehn Jahren gemeinsam mit Renate Gruber-Lieblich und Mario Dittrich dafür, dass die Erinnerung an die ermordeten Juden vor Ort wachgehalten wird.

„Die Broschüre setzt einen vorläufigen Schlusspunkt“, sagt Pester, „denn derzeit lässt es die Recherchelage nicht zu, weitere Stolpersteine in Erinnerung an die Opfer zu verlegen.“ Die dazu erforderlichen biografischen Eckdaten fehlten, Quellen sprudelten trotz enormen Aufwands in den Archiven nur spärlich: „Wenn neue Erkenntnisse auftauchen, werden wir die Aktion fortsetzen.“

Grundlegende Quelle war das Buch des Historikers Ronny Kabus mit dem Titel „Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich“, das nach der Exposition von 1988 in der Lutherhalle entstanden ist. Kabus arbeitete elf Jahre lang bis zu seiner Ausreise aus der DDR 1989 im reformationsgeschichtlichen Museum „Staatliche Lutherhalle Wittenberg“. Die Zusammenarbeit mit Kabus, so Pester, sei gut, der Historiker habe mit der Ausstellung und der Publikation Pionierarbeit geleistet.

Das Trio um Reinhard Pester hat in den vergangenen Jahren weiter recherchiert, in Archiven ebenso wie in den elektronischen Medien. Auch wurden Nachfahren ausfindig gemacht: „Von den Ermordeten soll mehr übrig bleiben als nur die Daten von Geburt und Tod, wie sie auf den Stolpersteinen vermerkt sind“, betont Pester, denn es gehe darum, Geschichte lebendig werden zu lassen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Pester ein Besuch bei Ruthy Friedman im Oktober 2015 in Tel Aviv, sie ist die Enkelin von Richard Hirschfeldt, der in der Collegienstraße ein Geschäft besaß. Hirschfeldt hatte vier Kinder – Eva, Günther sowie die Zwillinge Milly und Lilly. 1938 bekam die Familie die volle Wucht des Nazihasses zu spüren: Das Geschäft wird „arisiert“ und vom 15. Oktober an durch Arthur Höller geführt.

Was der Familie in der Reichspogromnacht widerfuhr, ist bei Kabus beschrieben, auch wie die Mutter und eine der beiden Zwillingstöchter vom Nazi-Pöbel durch die Collegienstraße getrieben wurden, dabei mussten sie ein Schild mit der Aufschrift tragen „Ich bin eine Judensau! Bitte spuckt auf mich!“. Richard Hirschfeldt wurde zuvor verhaftet, ins KZ Buchenwald gebracht und Ende 1938 unter der Auflage entlassen, Deutschland sofort zu verlassen.

Der Familie gelang es, nach Palästina auszureisen, wo Richard Hirschfeldt am 28. Juni 1945 verstarb. Tochter Milly heiratete 1941 Jehuda Julius Friedman, ihre Tochter Ruthy suchte im Herbst 2014 den Kontakt zur Wittenberger Stolperstein-Initiative. „Es ergaben sich durch das Treffen viele neue Details zur Familiengeschichte der Hirschfeldts“, erinnert sich Pester, der sich über eines besonders wunderte: „Ruthy Friedman wurde in Israel geboren, aber sie sprach Deutsch mit Wittenberger Akzent.“

Zwei weitere Stolpersteine werden in diesem Jahr verlegt, einer am Markt 25 im Gedenken an Isidor Preminger, dem das dortige Haus ab 1929 gehörte und wo er ein Geschäft betrieb. 1932 muss er Insolvenz anmelden, 1933 weisen die Nazis ihn nach Polen aus. „Aus einem Zeitzeugenbericht seines Neffen Bernhard wissen wir, dass er sich in Kattowitz in Oberschlesien angesiedelt hat“, berichtet Pester. Dorthin sei auch sein Bruder Samuel nach der Pogromnacht 1938 geflohen. Während Letzterer in der Sowjetunion überlebt, ist Isidor Preminger nach Kriegsbeginn zu Verwandten nach Ostgalizien geflüchtet, wo er am 12. Oktober 1941 nach Recherchen Pesters beim sogenannten Blutsonntag von Stanislau mit 12.000 anderen Juden erschossen wurde.

Der zweite Stolperstein wird in der Lutherstraße 17 an Berta Wiener erinnern, die am 30. Mai 1942 im Ghetto in Riga ermordet wurde. Die ersten Stolpersteine in Wittenberg wurden im Mai 2008 am Markt 3 und in der Schlossstraße 9 von Gunter Demnig verlegt. Möglich wurde diese Aktion durch Hildegard Vibrans, die 2007 verstarb. Ihre Angehörigen sorgten dafür, dass der Herzenswunsch der Wittenbergerin, die sich Zeit ihres Lebens für die deutsch-jüdische Versöhnung engagierte, in Erfüllung ging.

Broschüre 

Die Broschüre erscheint im Oktober und enthält alles das, was Pester und seine Mitstreiter in den vergangenen Jahren zu den 29 von den Nazis ermordeten Juden in ihren akribischen Recherchen in den Archiven zu Tage befördert haben. „Wir wollen die Geschichten dieser Menschen erzählen“, so Pester. Ergänzt wird die Broschüre mit einem Stadtplan, auf dem alle 29 Stolpersteine verzeichnet sind: „Die Broschüre richtet sich an alle, die sich tiefer mit dem Thema befassen und sich auf den Spuren des jüdischen Wittenberg begeben wollen.“

Das Aktionsbündnis „Wittenberg weltoffen“ plant, Informationen zu den Stolpersteinen als App auf seiner Internetseite zu veröffentlichen.






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