Im Dezember 2014 wurde vor der ehemaligen Klinik Bosse ein Stolperstein für die von den Nazis ermordete Käthe Bosse, geborene Levin, im Beisein von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verlegt. Foto: Wolfgang Gorsboth

Im Dezember 2014 wurde vor der ehemaligen Klinik Bosse ein Stolperstein für die von den Nazis ermordete Käthe Bosse, geborene Levin, im Beisein von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verlegt. Foto: Wolfgang Gorsboth

09.12.2015

Kulturausschuss bewilligt Zuwendung für das Projekt

Buch über das Schicksal der Familie Bosse

Wittenberg (wg). Prof. Dr. Hans-Jürgen Grabbe wird das Buch „A Haven from Hitler“ („Zuflucht vor Hitler“) übersetzen, für den Druck in einer Auflage von 1.000 Exemplaren hat der Kulturausschuss der Lutherstadt einen Kostenzuschuss in Höhe von 4.000 Euro mehrheitlich bewilligt. Empfänger ist der Förderverein „Wittenberger Bücherfreunde e.V.“, der sich zur Unterstützung der Wittenberger Stadtbibliothek gegründet hatte.

Mit der Übersetzung und der Publikation wird ein Stück der verhängnisvollsten Geschichte der Stadt Wittenberg während der Zeit der Nazi-Herrschaft erschlossen. „A Haven from Hitler“ wurde von Heini Gruffudd, Sohn von Kate Bosse-Griffith, Tochter des Wittenberger Arztes Dr. Paul Bosse und seiner jüdischen Ehefrau Käthe, geschrieben. Das Werk erschien 2013 in walisischer Sprache, war dort „Buch des Jahres“ und wurde 2014 ins Englische übersetzt.

„Das Schicksal der Familie Bosse geht nicht nur die Bürger der Stadt Wittenberg etwas an“, betonte Prof. Grabbe. Vielmehr lasse sich anhand der geschilderten Biografien exemplarisch die grausame Umsetzung einer verbrecherischen Ideologie nachvollziehen. „Das Buch, das auf der Grundlage von Tagebüchern und Briefen aus dem Familienarchiv entstanden ist, stellt ein wichtiges Zeugnis zum Dritten Reich dar“, so Grabbe.

Dem komme auch deshalb besondere Bedeutung zu, weil bald die letzten Zeugen der damaligen Zeit verstorben sein werden: „Authentische Informationen sind vor allem für die junge Generation wichtiger als Schul- und Lehrbücher.“

Dem Werk komme zudem eine europäische Dimension zu, weil es zeige, wie Wales zum Zufluchtsort vor Hitlers Schreckensherrschaft wurde und welcher geistigen und moralischen Stärke es bedurfte, in der Fremde eine neue Heimat zu finden.

Erzählt wird vom Schicksal der Eheleute Bosse und ihrer Kinder, insbesondere vom Leben der Tochter Kate Bosse, einer Ägyptologin, die aufgrund der Rassegesetze aus den Staatlichen Museen zu Berlin entlassen wurde und nach England floh. Dort begeisterte sie sich für die walisische Sprache, was sich auch in der Namensänderung von Griffith zu Gruffudd niederschlug. Käthe Bosse wurde 1944 im KZ Ravensbrück ermordet, Paul Bosse starb 1947.

Weitere Schicksale werden ebenfalls behandelt wie das von Käthe Bosses Schwester Eva, die einen General der Wehrmacht heiratete, der sich 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft das Leben nahm. Ein Onkel und eine Nichte waren in einer Hamburger Widerstandsgruppe aktiv, der Onkel wurde 1945 im KZ Neuengamme hingerichtet. Paul Bosses Sohn Günther durfte nicht als Arzt arbeiten und war in einem Straflager interniert. Als er auch nach 1945 (!) keine Möglichkeit sah, als Gynäkologe in der Klinik seines Vaters zu arbeiten, emigrierte er nach Schweden.

„Dieses Buch dürfte alle zeitgeschichtlich und politisch interessierten Menschen ansprechen“, berichtete Grabbe. Für den deutschen Leser strebt er eine adaptierte Fassung an, dazu sind Recherchen in Archiven erforderlich. Diese Arbeiten will der emeritierte Neuzeithistoriker unentgeltlich leisten.

„Flucht und Vertreibung sind Themen, die heute wieder brennend aktuell sind“, erklärt SPD-Stadtrat Bernhard Naumann, das Werk sei aber auch deshalb förderwürdig, weil es von einer Zeit handele, die von zu vielen verdrängt werde. Ob die Übersetzung mehr Licht in das fragwürdige Verhalten des Paul-Gerhardt-Stifts bringt, bleibt abzuwarten: Das Stift hatte Paul Bosse 1936 als Chefarzt entlassen. 

Hinweis:

Von der beantragten Zuwendung in Höhe von 6.350 Euro hat der Kulturausschuss mehrheitlich 4.000 Euro genehmigt, bei zwei Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen.

Von den 1.000 gedruckten Exemplaren erhält der Förderverein „Wittenberger Bücherfreunde e.V.“ 50 Freiexemplare und die Stadtbibliothek einen Klassensatz von 30 Stück. Diese sollen zusammen mit Buchlesungen und Angeboten für Schulklassen dazu beitragen, diesen Teil der Stadtgeschichte nachvollziehbar zu machen.




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