Dr. Nikolaus Särchen, Chefarzt und Ärztlicher Direktor an der Klinik Bosse in Wittenberg, beschäftigt sich auch aus beruflichen Gründen mit dem Thema Hass. Foto: Wolfgang Marchewka

Dr. Nikolaus Särchen, Chefarzt und Ärztlicher Direktor an der Klinik Bosse in Wittenberg, beschäftigt sich auch aus beruflichen Gründen mit dem Thema Hass. Foto: Wolfgang Marchewka

23.11.2015

Gespräch mit Chefarzt Dr. Särchen über Fanatismus und Hass

Menschen tief in der Hass-Falle

Wittenberg (wm). Er hat mit Freunden einen privaten Unterstützerkreis für Flüchtlinge gegründet und freut sich über die zahlreichen Bürgerinnen und Bürger, die in Griebo, Holzdorf und anderswo ehrenamtliche Hilfe leisten, doch nach den Terroranschlägen von Paris ist die andere Seite menschlicher Verhaltensweisen ein aktuelles Thema: Dr. Nikolaus Särchen beschäftigt sich als Chefarzt der Klinik für psychische Erkrankungen auch beruflich mit den Themen Fanatismus und Hass in Deutschland.

Die von den Terroristen wahllos ermordeten Menschen sind noch nicht einmal beerdigt, da nutzen manche Bundesbürger diese schrecklichen Ereignisse, um ihren Hass auf die Asylbewerber zu projizieren, die vor dem Terror in ihren Heimatländern zu uns geflohen sind. Wie ist das möglich? 

Der Chefarzt sieht das als weit verbreitetes Problem der gesamten Menschheit : „Ich glaube nicht, dass wir vernünftig sind“, sinniert Särchen im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag, „das Phänomen, den Fremden unfreundlich gegenüber zu treten, steckt in uns drin.“ Schon in den ganz alten Bibeltexten gebe es Ratschläge, man solle freundlich zu Fremden sein – leider seien solche Mahnungen oft vergeblich.

„Heute gibt es bei uns zwei wesentliche Lebenskonzepte: Viele Menschen können Zuwanderer als Bereicherung der eigenen Kultur empfinden, andere machen da nicht mit und wollen sich abgrenzen.“ Und die „Abgegrenzten“ seien besonders gefährdet, in der Flüchtlingsfrage Fanatismus und Hass zu entwickeln, soziale Netzwerke können diese Tendenz noch verstärken, es gebe Gruppen, die sich im Hass ihre Selbstbestätigung suchen – und je mehr Leute Hass verbreiten, desto tiefer stecken sie in der Hass-Falle.

 „So entstehen verfestigte Denksysteme, in der Psychologie dysfunktionale Gedanken genannt.“ Beispiel negatives Denken: Man geht grundsätzlich von etwas Schlechtem aus. Beispiel dichotomes Denken: Man denkt nur in Schwarz-Weiß-Kategorien, das gesamte Spektrum dazwischen wird einfach ausgeblendet. Beispiel emotionale Beweisführung: Das eigene Gefühl wird als Beweis für die Richtigkeit der eigenen Befürchtungen herangezogen.

„Hinzu kommt die Bereitschaft mancher Menschen, unlogische Gedanken zu favorisieren und einfache logische abzulehnen – das ist in der Psychiatrie seit 60 Jahren nachgewiesen“, berichtet Dr. Särchen und ergänzt: „Es ist sehr schwer, verfestigte Meinungen mit logischen Argumenten zu korrigieren.“ 

Auf ein weiteres interessantes Detail weist der Chefarzt hin: „Ein Element des Hasses ist der Egoismus: In manchen Menschen stecken die egoistischen Ängste, Flüchtlinge könnten uns etwas wegnehmen – im Gegensatz zu solchen Ausländern, die als ‚nützlich‘ empfunden werden.“

Särchen bedauert, dass in Deutschland die Kultur, das Miteinanderleben von Menschen aus verschiedenen Nationen und Kulturkreisen nicht weit genug entwickelt sei. Dabei habe besonders der Osten Deutschlands Nachholbedarf: „Die in der DDR lebenden Menschen haben nahtlos zwei Diktaturen erlebt, die in der Abgrenzung anderen gegenüber ähnlich strukturiert waren. So wurden die Vorurteile geprägt mit dem Ergebnis, in zwei Generationen war differenziertes Denken kaum möglich.“ Und dann kam die Wende, dann wurde es plötzlich international: „Das kann Stress erzeugen“, so Särchen, und der spiegele sich auch im radikalen Teil der Pegida-Bewegung wider: „Diese Leute hatten noch keine Gelegenheit des Kennenlernens.“

Die jungen Leute heute würden das ganz anders sehen: Sie reisen viel und lernen Menschen anderer Nationen kennen – verbunden meist mit positiven Erlebnissen.

Positive Erfahrungen mit Ausländern hat Dr. Särchen auch beruflich gemacht: In der Klinik Bosse arbeiten derzeit 13 Ärzte aus zehn verschiedenen Nationen, darunter drei Ägypter, ein Syrer, einer aus Algerien und einer aus Pakistan.




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