Yadegar Asisi (m.) und Oberbürgermeister Torsten Zugehör (l.) im von Camilo Seifert moderierten Gespräch. Foto: Wolfgang Gorsboth

Yadegar Asisi (m.) und Oberbürgermeister Torsten Zugehör (l.) im von Camilo Seifert moderierten Gespräch. Foto: Wolfgang Gorsboth

30.10.2021

Das Kunstwerk feierte 5. Geburtstag, Verlängerung über 2024 hinaus?

Reformationspanorama Luther 1517: Trotz Corona ein Touristenmagnet

Wittenberg (wg). Trotz der durch die Corona-Pandemie verursachten schwierigen Rahmenbedingungen ist das Asisi-Panorama ein großes Geschenk und für viele Wittenberger auch zu einem Ort der Identifikation mit ihrer Stadt geworden, betonte Oberbürgermeister Torsten Zugehör aus Anlass der Jubiläumsveranstaltung mit geladenen Gästen in der Rotunde. Wittenbergs Stadtoberhaupt und der in Berlin lebende Künstler Yadegar Asisi blickten in einem anregenden Gespräch zurück – aber auch nach vorn, moderiert von Camilo Seifert, kaufmännischer Leiter der Luther 1517 gGmbH, für die musikalische Umrahmung sorgte Konstanze Kuss an der Harfe. 

Ursprünglich, so der OB, sei das Projekt auf fünf Jahre befristet gewesen, sodass heute eigentlich die Abrissparty gefeiert werden müsste. Da man sich aber auf eine Verlängerung bis zum 31. Oktober 2024 verständigt habe, feiere man heute Geburtstag. Auch wenn Ende 2024 die Genehmigung für das temporäre Bauwerk, welches die kommunale Wigewe für 2,5 Millionen Euro errichtet habe, auslaufe, sei eine nochmalige Verlängerung keineswegs ausgeschlossen. 

Eine Idee, die bei Yadegar Asisi auf viel Gegenliebe stieß und ihn eine Brücke zu einem anderen großen Projekt schlagen ließ, welches im Frühjahr 2023 in Konstanz am Bodensee eröffnet werden soll: Ein riesiges Panoramabild, welches die Stadt zur Zeit des Konstanzer Konzils von 1414 bis 1418 zeigen wird, als sie zum Mittelpunkt der christlichen Welt wurde. Damals, erinnerte Asisi, habe es drei Päpste gegeben, das Konzil sollte die fünfzigjährige Spaltung der römischen Kirche beenden. Einer der Konzilbesucher war Jan Hus, den man trotz freien Geleits als Ketzer verbrannt habe. 

„Es ist eine faszinierende Idee, die Brücke von Konstanz quer durch Deutschland bis nach Wittenberg zu schlagen, vom Konstanzer Konzil bis zur Reformation“, erklärte Asisi. Beide Panoramen würden zusammen mit dem Panorama „Rom 312“ (Panometer Leipzig, 2005-2009), als Kaiser Konstantin das Christentum zur neuen Staatsreligion machte, als Parabel einen Weg beschreiben – den Aufstieg und die Wende der römischen Kirche, die man als geistige Klammer der abendländischen Geschichte interpretieren könne. 

„Aus dem Glauben wurde ein Machtkonstrukt, aus einer guten Sache entwickelten sich Scheiterhaufen für Ketzer und der Ablasshandel“, so Asisi. „Mit Luther beginnt 1517 eine neue Parabel, die bis zu ‚New York 9/11’ führt.“ Das neue Panorama, welches Mitte März 2022 im Panometer Leipzig eröffnet werden soll, zeigt New York kurz vor dem Terroranschlag auf die weltbekannte Twin Towers und bildet zusammen mit „Leipzig 1813“ und Dresden 1945“ das dritte Anti-Kriegsprojekt des Künstlers. 

Das neue Panorama hätte ursprünglich zum 20. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center eröffnet werden sollen – in zeitlicher Nähe zum überstürzten Abzug aus Afghanistan. Die durch den Terroranschlag ausgelösten Vergeltungskriege hätten die Welt ins Chaos gestürzt und die Konflikte zwischen den Religionen und Kulturen verstärkt. Diese Konflikte seien nicht nur ein zentraler Bestandteil der Gegenwart, sondern auch vieler seiner Panoramen: „Der Mensch hat einen tragischen Konstruktionsfehler, weil er nicht in der Lage ist, eine gute Idee positiv in die Zukunft zu führen, die Geschichte ist voller Beispiele.“ 

Gegenwärtig sei auch sein Panorama „Luther 1517“ und das nicht nur, weil man viele Altstadt-Details wiedererkenne, ebenso Wittenberger Bürger, die als Statisten mitgewirkt hätten. „Die Bibel behandelt Themen, die uns heute noch beschäftigen, ebenso die griechische Mythologie“, so Asisi, „Was uns aber heute fehlt, ist die Fähigkeit zur genauen Beobachtung.“ Luther sei es um den selbstbestimmten Menschen gegangen, eine geniale Utopie. 

Als „Wimmelbilder“ will der Künstler seine Werke nicht verstanden wissen, eher als eine Art Film, in dem die dargestellten Menschen intensiv interagieren und nennt dafür ein Beispiel aus dem Wittenberger Panorama – die Szene, in der Martin Luther Thomas Müntzer zurückhält, der auf den ausreitenden Kurfürsten losstürmen will, drum herum stehen Bauern in unterwürfiger Haltung mit einer Ausnahme. „Hier befinden sich Szenen direkt nebeneinander, die Inhalte beschreiben, die jahrelang auseinander liegen“, erklärte Asisi, „der Betrachter soll aber die zugrunde liegende Choreographie nicht spüren.“ 

Das Panorama, so OB Zugehör, biete keine Momentaufnahme des 31. Oktober 1517, vielmehr würden Geschichten zur Geschichte der Reformation erzählt. Das große Jubiläum 2017, welches das Luther-Panorama überhaupt erst ermöglicht habe, sei vorbei, die Reformation gehe aber immer weiter. Ebenso habe das Schisma der Kirche Wunden gerissen, die bis heute nicht verheilt seien. „Der Mensch ist unvollkommen, aber es gibt einige wenige, die sich für vollkommen halten, und wenn sich dies mit Macht paart, kommt es zum Desaster“, warnte Zugehör, designierter Präsident des 40. Deutschen Evangelischen Kirchentages in 2027. 

620.000 Besucher 

„In nur 15 Monaten seit der Eröffnung des Panoramas im Oktober 2016 verzeichneten wir 400.000 Besucher“, blickte Ulrich Schneider, Geschäftsführer der Luther 1517 gGmbH und mit Hartwig Bodmann einer der Geschäftsführer des Vereins Reformationsjubiläum 2017 e.V., zurück. In den beiden Folgejahren habe man je 80.000 Besucher zählen können – und dann habe die Corona-Pandemie in zwei Etappen zu einer insgesamt acht Monate dauernden Schließzeit geführt. Inzwischen zähle man 620.000 Besucher und gehe davon aus, bis Jahresende auf 635.000 zu kommen. 

Bild: Yadegar Asisi (m.) und Oberbürgermeister Torsten Zugehör (l.) im von Camilo Seifert moderierten Gespräch. Foto: Wolfgang Gorsboth





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