Pfarrer Dr. Johannes Block vor dem Reformationsaltar in der Wittenberger Stadtkirche. Foto: Oleg Alimov

Pfarrer Dr. Johannes Block vor dem Reformationsaltar in der Wittenberger Stadtkirche. Foto: Oleg Alimov

10.10.2021

Stadtkirchenpfarrer Johannes Block nimmt Dienst am Fraumünster Zürich auf

Von der Lutherstadt Wittenberg in die Stadt Zwinglis

Wittenberg (wg). „Ich wäre gerne länger geblieben, aber solche Türen öffnen sich nicht immer“, erklärt Stadtkirchenpfarrer Dr. Johannes Block weil er nun seinen Dienst am berühmten Fraumünster in Zürich verrichtet: Ein deutscher Lutheraner, der in einer reformierten Gemeinde für Predigt und Liturgie, Bildungskonzepte und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Der Begrüßungsgottesdienst im Fraumünster findet am 7. November statt. 

Er schlage nun die Brücke von der Lutherstadt Wittenberg in die Reformationsstadt Zürich und hoffe, dass auch die jeweiligen Landeskirchen, Städte und Kirchgemeinden über diese Brücke gehen. Sowohl Landesbischof Friedrich Kramer als auch Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör hätten großes Interesse bekundet.

Zwischen der Stadtkirchgemeinde Sankt Marien und dem Großmünster bestehen seit Jahren gute Kontakte. In Zürich begann die Reformation in der Schweiz mit Ulrich Zwingli und Heinrich Bullinger. „Das Großmünster Zürich ist wie St. Marien in Wittenberg eine ‚Mutterkirche der Reformation’“, betont Block. Allerdings standen Zwingli und Luther im Widerspruch, 1529 scheiterten die „Marburger Reformationsgespräche“ an unterschiedlichen Vorstellungen zum Abendmahl und erst seit 1973 feiern Lutheraner und Reformierte das Abendmahl gemeinsam – Unterschiede gibt es aber weiterhin. 

„Zehn Jahre in Wittenberg waren ein Jahrzehnt voller Höhepunkte“, resümiert Block, der größte Teil der Zeit wurde vom Reformationsjubiläum in 2017 und die Vorbereitung darauf geprägt.“ Zu den bewegenden Momenten gehörten die Prominenten, die Block durch die Stadtkirche führte, dabei waren Königin von Dänemark Margrethe II. und den König von Schweden Carl XVI. Gustaf. Von ihm bekam Block den Orden „Royal Oder of the North Star“ verliehen. 

Zu den großen Herausforderungen gehörte die Generalsanierung der Stadtkirche, das aus dem Mittelalter stammende Taufbecken erhielt einen neuen Standort, die Gemäldetafeln des Reformationsaltars wurden restauriert und die Stadtkircheninformation neu konzipiert. Zur Finanzierung des Eigenanteils der Generalsanierung gab es mehrere Spendenaktionen wie die mit Gunther Emmerlich als Schirmherr und dem Bundespräsidenten a.D. Christian Wulff. 

Zum Cranach-Jubiläum in 2015 erschien der Ausstellungs-Katalog „Cranachs Kirche“ und es wurde die Kalenderreihe „Cranach im Detail“ herausgegeben. Es gab zwei ZDF-Fernsehgottesdienste in 2012 und 2015, neue Formate wurden ebenfalls aufgelegt wie „Musik für die Seele“ mit Prof. Dr. Peter Jehle und „Blue Church“ mit der Jazzband „Whreeds“. 

„Die Stadtkirchengemeinde ist gut mit der Stadtgesellschaft vernetzt“, meint Block und verweist auf die Gottesdienste zum Töpfermarkt und Weinfest, die gemeinsame Eröffnung des Weihnachtsmarktes mit dem Aufleuchten des Herrnhuter Sterns zwischen den Türmen der Stadtkirche, Kunstausstellungen in Kooperation mit der Cranach-Stiftung, der Stiftung Christliche Kunst und der Stadt Wittenberg, die Wittenberger Kanzelreden sowie besondere Andachten wie zum Weltfriedenstag, dem 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus sowie dem 9. November zum Gedenken an die Pogromnacht 1938. 

Eine weitere Herausforderung waren die Gerichtsprozesse um die als „Judensau“ bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur an der Außenwand. Zuletzt hatte das Oberlandesgericht Naumburg entschieden, dass das Relief hängen bleiben darf, weil es im strafrechtlichen Sinne keine Beleidigung heute lebender Juden darstellt. Aber mit dem Strafrecht könne man nicht fassen, was an historischer Schuld in die Gegenwart rage, so Block. Es sei richtig, die Skulptur an ihrem traditionellen Standort zu zeigen, aber die Bodenplatte als ergänzende Mahnmal müsse weiterentwickelt werden, dann könne ein neues Kapitel im jüdisch-christlichen Dialog aufgeschlagen werden, welches Strahlkraft über Wittenberg hinaus hätte. 

Der Umzug in die Schweiz als nicht EU-Land gestaltet sich für Block bürokratisch, berichtet der Pfarrer, jede Umzugskiste musste für den Zoll deklariert werden und für den alten, kleinen Flügel mit Elfenbeintasten bedurfte es gar einer Extrabescheinigung des Bundesamtes für Naturschutz in Bonn. 

Zur Person 

Johannes Block, Jahrgang 1965, ist in einer Pfarrfamilie in Bad Pyrmont aufgewachsen und hat Theologie in Bonn, Heidelberg und Zürich studiert. In 2000 wurde er mit dem Dissertationspreis der Hans-Werner-Surkau-Stiftung ausgezeichnet. In 2009 erfolgte an der Universität Leipzig die Habilitation, dort lehrte er auch als Privatdozent für Praktische Theologie. 

Hintergrund

Das Fraumünster in Zürich wurde ab Mitte des 9. Jahrhunderts erbaut, in 874 eingeweiht und ist heute eine von vier reformierten Altstadtkirchen. Touristen kommen gerne wegen der sechs Glasfenster von Marc Chagall und einem bedeutenden Glasfenster von Augusto Giacometti. Mit 5.793 Pfeifen ist die Orgel die größte im Kanton Zürich. 

Mit circa 200 Mitgliedern zählt die Kirchgemeinde Fraumünster zur kleinsten der 34 evangelisch-reformierten Gemeinden der Stadt Zürich. Als Predigtgemeinde erreicht sie weitaus mehr Gottesdienstbesucher, zu den auch die circa 1.100 Mitglieder des Fraumünstervereins gehören, die nicht im Gemeindegebiet wohnen. Bekannt ist die Kirche für ihre seit dem 19. Jahrhundert gepflegte hochstehende Predigttradition, zu der auch die in der Gemeinde lebenden Theologieprofessoren der Universität Zürich beitrugen. 

Bild: Pfarrer Dr. Johannes Block vor dem Reformationsaltar in der Wittenberger Stadtkirche. Foto: Oleg Alimov




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