10.09.2021

Cranach-Stiftung widmet sich einem Künstler der „verschollenen Generation“

Carl Rabus: Im Ausland anerkannt, in Deutschland fast unbekannt

Wittenberg (wg). 36 Werke eines in Deutschland fast unbekannten Künstlers zeigt die Cranach-Stiftung in ihrer neuen Ausstellung „Carl Rabus – Ein Meister der Moderne“. Die Linolschnitte, eine Zeichnung sowie Bücher mit Illustrationen des Künstlers stammen aus der bedeutenden Sammlung von Dr. Gerd Gruber, die 2006 als einzige aus Sachsen-Anhalt in das Gesamtverzeichnis national wertvollen Kulturgutes in Deutschland aufgenommen wurde. 

Die Cranach-Stiftung und der Sammler gestalten immer wieder Sonderausstellungen zu Künstlern, die der „verschollenen Generation“ zugerechnet werden, Künstler, „die aus der Zeit gefallen sind“, wie die Kunsthistorikerin Dr. Marlies Schmidt erläutert: „Damit werden Künstler bezeichnet, die von den Nazis verfolgt, verfemt und vertrieben wurden, bevor sie sich in der Kunstszene fest etablieren konnten. Nach 1945 gelang es ihnen nicht, an ihre Erfolge anzuknüpfen.“ Auch Rabus konnte seine früh begonnene und alsbald erfolgreiche künstlerische Arbeit nach 1945 nicht fortsetzen. Er hatte zwar anerkannte Ausstellungen in Europa und in den USA und erhielt in Belgien einen großen Auftrag für die Weltausstellung in Brüssel, in seinem Heimatland, in das er erst 1974 zurückkehrte, blieb er bis heute nahezu unbekannt. 

Circa 1.600 Künstler standen auf den Listen der Nazis, mehr als 20.000 Arbeiten wurden konfisziert, zu den Betroffenen gehörte auch Carl Rabus. Vor 12 Jahren zeigten die Cranach-Stiftung und Gruber die Ausstellung „Aufbruch in die Moderne“, zu den Kunstwerken gehörten auch zwei frühe Linolschnitte von Rabus, die sich mit ihrer Kraft und Monumentalität mühelos gegen die anderen Expressionisten durchsetzen konnten. 

Aufmerksam wurde der Wittenberger Gruber auf die engagierten Arbeiten des Künstlers durch den Katalog „Arte e Resitenza in Europa“, der 1965 zu einer Ausstellung in Bologna erschienen war. 1974 nahm Gruber zum ersten Mal über die innerdeutsche Grenze hinweg brieflich Kontakt zu dem in Belgien lebenden Rabus auf. Im selben Jahr schickte Rabus einen Linolschnitt aus der „Passion“, weitere Grafiken folgten, unter anderem auch eine Zeichnung des Lagers Saint Cyprien in Südfrankreich, in dem Rabus als „feindlicher Ausländer“ nach dem Angriff von Nazi-Deutschland auf Belgien von Mai bis September 1940 interniert war. 

„Ein sehr persönliches Geschenk und eine große Auszeichnung für jeden Sammler“, betont Gruber. Diese mit Bleistift gezeichneten und mit Rotwein kolorierten Skizzen seien überaus authentisch und zeigten eindrücklich verdichtete Szenen aus dem Lagerleben. Weitere Skizzen befänden sich im Besitz des Buchheim-Museums, die Erna Rabus dem Gründer Lothar-Günther Buchheim geschenkt habe. 

„Die ‚Passion’, ein Zyklus mit 15 großformatigen Linolschnitten, zählen zum Hauptwerk, in ihnen verarbeitet Rabus seine Erfahrungen der Verfolgung und Internierung“, so Gruber. Auf den Bildern ist nicht die Passion Christi dargestellt, sondern das Leiden der Opfer des Nationalsozialismus, die Rabus am eigenen Leib erfahren hatte. Drei Arbeiten aus dem Zyklus sind in der Ausstellung zu sehen. 

Gruber hat seine Sammlung systematisch erweitert und konnte bereits in 18 Ausstellungen im In- und Ausland Kunstwerke von Carl Rabus zeigen. In Wittenberg sind auch die frühen Illustrationen zu Ernst Tollers „Hinkemann“ (1925) zu sehen. Das Motiv der Pinselzeichnung „Exilanten an der Mole von Ostende“ (1938/40) hat Rabus in einem Aquarell, einem Linolschnitt und einem Ölgemälde verarbeitet. 

Als „Höhepunkte“ aus Rabus’ frühem expressionistischen Schaffen bezeichnet Gruber, drei Werke von 1923, die nebeneinander in der Ausstellung zu sehen sind: „Selbstbildnis vor dem Spiegel“, „Aufschrei“ und „Hiob“. Die ebenfalls gezeigten Linolschnitte „Frau mit aufgestütztem Arm“ (1949) und „Familie“ (1950) zeigen, wie sich Rabus nach dem Krieg mit besonderer Intensität abstrakten Ausdrucksformen zuwendet. 

Mit Lea Grundig fing die Sammelleidenschaft Gerd Grubers an: Als 15-Jähriger sollte seine Klasse eine Hausarbeit über bildende Künstler schreiben, er bekam Lea Grundig. Gruber schrieb der Künstlerin, die Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler in der DDR war und in der NS-Zeit als Jüdin und Kommunistin verfolgt wurde, einen Brief – und er bekam eine Antwort, der eine Skizze beigefügt war: Sie bildete den Grundstein für Grubers Sammlung, außerdem gab sie dem Jugendlichen den Rat, auch Werke unbekannter Künstler zu sammeln. 

Verschollene Generation 

Der 1898 in Kempten geborene, in München aufgewachsene und 1983 in Murnau gestorbene expressionistische Künstler Carl Rabus wurde unter anderem von den Künstlern der „Brücke“ geprägt. In den 1920er Jahren arbeitete als Buchillustrator, seine Arbeiten präsentiere er in renommierten Galerien. Ab 1933 massiven Anfeindungen ausgesetzt, emigrierte er 1934 nach Wien. Aufgrund seiner Kontakte zur jüdischen Fotografin Erna Adler in antifaschistische Kreise wurde er von der Gestapo bespitzelt. 

Im Februar 1938 floh er nach Belgien, wo Erna Adler bereits auf ihn wartete. Das Exilland wurde zur neuen Heimat. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen 1940 wurde er als „potenziell feindlicher Ausländer“ in Südfrankreich interniert. Nach seiner Freilassung lebte er in Brüssel unter Beobachtung der Gestapo und wurde 1942 wegen „Rassenschande“ erneut verhaftet. Nach dem Krieg blieb er in Belgien und kehrte erst 1974 in seine Heimat nach Bayern zurück. 

Hinweis 

Die Ausstellung „Carl Rabus – Ein Meister der Moderne“ ist bis zum 14. November 2021 im Cranach-Haus, Markt 4, zu sehen. Am 16. Oktober gibt es einen öffentlichen Ausstellungsrundgang, Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Kasse. Öffnungszeiten: Bis Ende Oktober von Montag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr, Sonntag von 13 bis 17 Uhr, ab dem 1. November ist montags geschlossen. 

Bild: Die Kunsthistorikerin Dr. Marlies Schmidt vor den abstrakt-expressiven Kunstwerken „Frau mit aufgestütztem Arm“ und „Familie“. Foto: Wolfgang Gorsboth





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