Dieser aus Göttingen stammende „Rattenkönig“ galt als schlechtes Omen für eine bevorstehende Pestwelle. Foto: Stiftung Luthergedenkstätten

Dieser aus Göttingen stammende „Rattenkönig“ galt als schlechtes Omen für eine bevorstehende Pestwelle. Foto: Stiftung Luthergedenkstätten

11.08.2021

Neue Sonderausstellung im Augusteum widmet sich der Pest

Luther, die Reformation und der „Schwarze Tod“

Wittenberg (wg). „Pest – Eine Seuche verändert die Welt“ ist der Titel einer Sonderausstellung, die die Stiftung Luthergedenkstätten vom 20. August 2021 bis zum 20. Februar 2022 im Augusteum zeigen wird. „Wir schlagen einen Bogen von 5.000 vor Christus bis heute“, erklärt Stiftungsdirektor Dr. Stefan Rhein im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. „Die Sonderschau baut in weiten Teilen auf das Konzept der Pest-Ausstellung des Museums für Archäologie des Landesverbandes Westfalen-Lippe in Herne von 2019 auf, wird aber mit einem exklusiven Blick auf die Wittenberger Reformation und ihrem Umgang mit der Pest ergänzt.“ 

Besucher können sich auf Exponate freuen, die nie zuvor in Ausstellungen zu sehen waren, wie ein aufklappbarer Plan des Wittenberger Pestlazarettes, Amulette zum Schutz vor der Pest sowie archäologische Funde aus der Lutherstadt. Originalgetreue Faksimile, aufwendige Inszenierungen und digitale Medien werden die Ausstellung ergänzen. „Vorgestellt werden auch Pestrezepte der damaligen Zeit, die, wie wir heute wissen, alle wirkungslos waren“, sagt Dr. Rhein. Luther selbst sei möglicherweise gegen die Pest immun gewesen. 

Die Quarantena

Auch wenn die Pestepidemien des Mittelalters und der Frühen Neuzeit medizinisch mit der aktuellen Corona-Pandemie wenig gemeinsam haben, gibt es Ähnlichkeiten im Hinblick auf Reaktionen und Gegenmaßnahmen: Die Idee, potenziell erkrankte Menschen aus Risikogebieten zu isolieren, wurde bereits 1377 in Raguza (heute: Dubrovnik) erfunden: Reisende und Händler mussten 30 Tage auf einer vorgelagerten Insel in Isolation, bis sie in die Stadt durften. 1448 verlängerte Venedig diese Zeit auf 40 Tage – auf die „Quarantena“, die der heutigen „Quarantäne“ ihren Namen ab. Aller Reichtum konnte Venedig nicht vor der Pest schützen – auch nicht die Pestnasen, Masken mit überlangen, schnabelartigen Zinken voller Anti-Pest-Gewürzen, Vorläufer des heutigen Mundschutzes. 

„Von 1506 bis 1598 gab es zwölf Pestausbrüche in Wittenberg, weitere im 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts“, berichtet Dr. Rhein. Dreimal hatte die Wittenberger Universität wegen der Pest die Stadt verlassen, wer wohlhabend war, floh aufs Land. Martin Luther weigerte sich zu gehen, stattdessen entschied er sich, für Kranke und Strebende zu sorgen und sein Zuhause – das Lutherhaus – in ein provisorisches Krankenhaus zu verwandeln. 1527 entstand anlässlich einer Anfrage der Breslauer Gemeinde Luthers einflussreiche Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“. 

Die Verantwortungslosigkeit 

Flucht, so Luther, sei keine Sünde, aber Amtspersonen, Priester, Ärzte und Angehörige Erkrankter seien zum Bleiben verpflichtet. Die Krankheit sei keine Strafe Gottes, sondern komme vom Teufel, deshalb sei die Pest eine Bewährungsprobe im Glauben. Ganz aktuell wirkt Luthers scharfe Verurteilung der Verantwortungslosigkeit von leicht Erkrankten, die sich unter Gesunde mischten und sie dadurch ansteckten. „Luthers Wort hatte damals Gewicht“, betont Dr. Rhein, „was er von der Kanzel verkündete, hatte mehr Wirkung als offizielle Verlautbarungen der Obrigkeit.“ Ein bis heute nachwirkendes Zeugnis für Luthers Eintreten für medizinische Belange während der Pest ist sein Ratschlag, Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern zu verlegen – in Wittenberg von der Stadtkirche in die heutige Dresdner Straße, ein wichtiger Beitrag zur kommunalen Hygiene. 

„In der Sonderausstellung geht es auch um die Frage, wie die Pest heute noch im kulturellen Bewusstsein verankert ist“, erklärt Dr. Rhein. Zwar liege der letzte große Ausbruch in Europa drei Jahrhunderte zurück, doch der „Schwarze Tod“ sei immer noch präsent: „Noch heute drücken wir unsere tiefste Verachtung damit aus, dass wir etwas ‚hassen wie die Pest’“. Auch der nach einem Niesen geäußerte Segenswunsch „Gesundheit!“ geht auf die Pest zurück. 

Neue Handelsbeziehungen und die Seuche

Nicht minder aktuell ist die Tatsache, dass die Pest, die seit ihrem ersten großen, historisch belegten Ausbruch im Frühmittelalter weltweit Millionen Menschen dahinraffte, begünstigt wurde durch Klimawandel und neue Handelsbeziehungen, die man heute Globalisierung nennt. „Anfangs“, so Dr. Rhein, „stand man der Seuche hilflos gegenüber, doch nach und nach etablierten sich Gegenmaßnahmen wie die Isolation von Erkrankten, die zum Teil auch als Angstbewältigungsstrategien funktionierten.“ 

Die Ausstellung schlage nicht nur ein Bogen von den ältesten Nachweisen der Seuche anhand archäologischer Funde aus Pestgräbern der Steinzeit bis in das Seuchengeschehen zur Zeit Luthers und der Reformation, sondern sie zeige auch Parallelen zum aktuellen Pandemiegeschehen auf. 

Hinweis: Umfangreiches Begleitprogramm

Zur Sonderausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen und Gesprächsrunden, in denen sich namhafte Historiker und Naturwissenschaftler unterschiedlichen Aspekten zu den Themen Pest und Pandemie widmen, unter anderem auch den Verschwörungstheorien und deren jeweiligen Folgen für die Gesellschaft.

Hinweis: Gruppenprogramm für Schüler

Für Schüler ab Klasse 5 gibt es ein buchbares Gruppenprogramm, welches in einer interaktiven Führung durch die Ausstellung neue Erkenntnisse im Bereich Biologie und Geschichte vermittelt, die anschließend in einem Action-Quiz getestet werden. Buchungen für Schulen und Familien sind unter Tel.: 03491/42 03 116 und per Mail an möglich. 

Bild: Dieser aus Göttingen stammende „Rattenkönig“ galt als schlechtes Omen für eine bevorstehende Pestwelle. Foto: Stiftung Luthergedenkstätten





Videos Stimmen aus der Region

Oberbürgermeister Zugehör

Videos Kultur

Schlosskirche Wittenberg Sarah Herzer an der Orgel
Schlosskirche
Alaris Schmetterlingspark
Kommunaler Bildungsbericht im Kreistag vorgestellt
Kreistag beschließt mehr Geld für die Sporthalle im Volkspark


FIW mbH & Co. KG, Wittenberger Sonntag/Freizeit Magazin, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Coswiger Straße 30 A, E-Mail: