Sonderbauausschuss mit Exkursion zur geplanten Erdbeerplantage im Wald zwischen Braunsdorf und Nudersdorf. Foto: Wolfgang Gorsboth

Sonderbauausschuss mit Exkursion zur geplanten Erdbeerplantage  im Wald zwischen Braunsdorf und Nudersdorf. Foto: Wolfgang Gorsboth

03.08.2021

Sonderbauausschuss gibt Vorlage „Wegenutzung“ für den Stadtrat frei

Die im intakten Naturareal geplante Erdbeerplantage bleibt umstritten

Wittenberg (wg). Denkbar knapp mit fünf Ja und vier Nein gab der Bauausschuss auf seiner Sondersitzung am Montagabend die Vorlage „Gestattungsvertrag zur Wegenutzung“ für den Stadtrat frei - aber entschieden ist in Sachen Erdbeerplantage im Wald nichts, denn viele Fragen sind noch immer offen. 

Die Freigabe bedeutet keine inhaltliche Zustimmung zum Gesamtvorhaben: Es geht um den Braunsdorfer Weg als Zufahrt zu einer geplanten Erdbeerplantage im Wald zwischen Nudersdorf und Braunsdorf. Ohne gesicherte Erschließung kann die Baubehörde beim Landkreis für die Erdbeerplantage keine Genehmigung erteilen. 

„Es gibt zu Standort, Größe, Auswirkungen auf Klima, Grundwasser, Mensch und Natur immer noch viele Fragen, aber kaum Antworten“, kritisierte Horst Dübner, Fraktionschef der Linken und verwies auf Ungereimtheiten in der Vergangenheit: So sei der Waldweg zum Zankapfel geworden, weil die Wichard Schrieks Gemüse GmbH als Investor mit dem Ausbau des Waldweges ohne Baugenehmigung begonnen habe. Weil nicht zertifiziertes Material mit einem hohen Plastikanteil verwendet wurde, sei ein Baustopp angeordnet und der Rückbau verfügt worden. 

„Einige Antworten des Investors auf unsere Fragen sind eine Zumutung für den Stadtrat und stellen schlichtweg die Unwahrheit dar“, betonte Dübner. Außerdem sei das Vertrauensverhältnis zwischen Verwaltung und Stadtrat beschädigt worden, weil nichtöffentliche Stellungnahmen der Fraktionen an den Bevollmächtigten des Investors, Helmut Rehhahn, durchgestoßen worden seien. „Wenn wir uns heute neu auf den Weg machen wollen, dann muss das Alte aufgearbeitet werden, dann muss geklärt werden, wer wann für was verantwortlich war“, forderte Dübner, dabei gehe es auch um den Ruf einer in Reinsdorf ansässigen Firma, die offenbar zu Unrecht für das nichtzertifizierte Material verantwortlich gemacht werde. 

Nach wie vor sind die beim Landkreis für das Vorhaben einzureichenden Anträge nicht vollständig, gleiches gilt für Stellungnahmen und Gutachten bezüglich Grundwasser sowie Flora und Fauna. Dafür gibt es nun aber Klarheit, was die Größenordnung des ersten Bauabschnitts betrifft: Es geht um circa fünf bis sechs Hektar unter Plastikfolie, wie Rehhahn erst auf mehrfache Nachfrage bestätigte. Doch die Kritiker des Vorhabens befürchten, dass es weitere Bauanträge geben wird und schließlich im Naturpark Fläming eine industrielle Landwirtschaftsproduktion mit hohem Flächen- und Wasserverbrauch entsteht. 

 „Solche Projekte müssen dem Klimawandel angepasst werden“, forderte Reinhild Hugenroth (Bündnis 90/Die Grünen) mit Verweis auf die jüngsten Unwetterkatastrophen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland Pfalz. Bei der Flächenversiegelung liege Sachsen-Anhalt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, es brauche deshalb Maßnahmen des lokalen Klimaschutzes. 

Michael Proske, Sprecher der Bürgerinitiative „Rettet das Vorwerk“, die gegen die Erdbeerplantage viele Unterschriften gesammelt hatte, sprach sich gegen den Ausbau des Waldweges und damit gegen den Gestattungsvertrag aus, weil dadurch ein intaktes Naturareal zerschnitten würde. Es bestünde die Gefahr der Absenkung des Grundwasserspiegels in einer ohnehin sehr trockenen, weil niederschlagsarmen Region. 

„Wir wollen eine saisonale Erdbeerproduktion in herkömmlicher Anbauweise, wir wollen den Erhalt des Vorwerks, aber wir wollen nicht noch mehr Plastik in der Natur.“ Außerdem gebe es geeignete Alternativstandorte wie die Brache am Alten Wasserwerk. „Das Verfahren“, so Proske, „ist noch offen. Erst wenn der Gestattungsvertrag durch den Stadtrat beschlossen wird, ist die Sache gelaufen.“ Bis dahin wolle man weitere Unterstützer finden, um ein Vorhaben zu verhindern, welches der Natur schade, keine heimischen Arbeitsplätze bringe und auch die Gewinne blieben nicht in der Region. 

Exkursion mit der Feuerwehr 

Ausschussmitglieder und Gäste der Sondersitzung wurden mit Mannschaftstransportfahrzeugen der Feuerwehr und privaten Pkw über den Waldweg zur geplanten Erdbeerplantage gefahren, damit sich jeder vor Ort ein Bild machen konnte. Auf dem Areal hat die Agrargenossenschaft Apollensdorf inzwischen ein großes Feld mit Sonnenblumen angelegt. Trotz des angeordneten und vollzogenen Rückbaus wegen der Verwendung nichtzertifizierten Materials fanden sich sowohl auf dem Weg als auch auf dem Areal Plastikteilchen.

Gestattungsvertrag

Der Gestattungsvertrag ist eine Vereinbarung zwischen dem Investor und der Lutherstadt zum Ausbau des Waldweges und seiner Nutzung zur Realisierung des Vorhabens Erdbeerproduktion. Er soll zudem in das Baulastenverzeichnis eingetragen werden. Ein bereits unterzeichneter Vertrag wurde von der Stadt fristlos gekündigt wegen „gröblicher Verletzung der Verkehrssicherungspflichten“. 

Den neuen Vertrag hat der Investor bereits am 12. März 2021 unterschrieben, allerdings ist Oberbürgermeister Torsten Zugehör nicht mehr zeichnungsberechtigt, weil der Stadtrat das Verfahren inzwischen an sich gezogen hatte (der Wittenberger Sonntag berichtete). Dafür ausschlaggebend war das Verhalten des Investors, mit Baumaßnahmen zu beginnen, ohne dass seitens des Bauamtes des Landkreises entsprechende Genehmigungen vorlagen. 

Bild: Sonderbauausschuss mit Exkursion zur geplanten Erdbeerplantage im Wald zwischen Braunsdorf und Nudersdorf. Foto: Wolfgang Gorsboth





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