Stadtwerke-Geschäftsführer Hans-Joachim Herrmann. Foto: Wolfgang Gorsboth

Stadtwerke-Geschäftsführer Hans-Joachim Herrmann. Foto: Wolfgang Gorsboth

18.06.2021

Hans-Joachim Herrmann: Für Wirtschaft und Verbraucher wird es erheblich teurer

Stadtwerke-Geschäftsführer kritisiert das Klimaschutzgesetz

Wittenberg (wg). „Das aktuell größte betriebswirtschaftliche Risiko für alle Energie-Unternehmen sind politische Entscheidungen“, kommentiert Stadtwerke-Geschäftsführer Hans-Joachim Herrmann das von der Bundesregierung beschlossene neue Klimaschutzgesetz. Die konkreten Auswirkungen für die Wirtschaft, für Verbraucher und Mieter könnten derzeit noch nicht abgeschätzt werden, vor allem aber fehle ein Plan, mit welchen konkreten Maßnahmen die Treibhausgasneutralität umgesetzt werden könne. 

Mit dem Gesetz reagierte die Bundesregierung auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, welches Teile des in 2019 beschlossenen Klimaschutzgesetzes für verfassungswidrig erklärte: Die Richter monierten fehlende Vorgaben für Treibausgasemissionen ab 2031 und sahen darin die Gefahr, dass „hohe Emissionsminderungslasten unumkehrbar“ in die Zukunft und damit auf kommende Generationen verschoben würden. Junge Klimaschützer hatten deswegen Verfassungsbeschwerde eingelegt, weil sie sich in ihren Freiheitsrechten verletzt sahen. 

 Das neue Gesetz sieht vor, dass Deutschland seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 65 Prozent gegenüber 1990 senken muss, bisher waren 55 Prozent vereinbart. Bis 2035 soll der Treibhausgasausstoß dann noch mal um 77 Prozent sinken – und bereits in 2045, statt 2050, soll die Bundesrepublik klimaneutral sein. 

„Die Industrie und die Energiewirtschaft müssen den größten Anteil bei den zusätzlichen Kohlendioxid-Einsparungen leisten“, erklärt Herrmann. Der Zielwert für 2030 für den Energiesektor wurde von bisher 175 Megatonnen Kohlendioxid auf 108 Megatonnen (minus 40 Prozent!), für die Industrie von 140 auf 119 Megatonnen verschärft. Der Kohlekompromiss mit dem Kohleausstieg bis 2038 dürfte kaum mehr zu halten sein und müsste auf 2030 vorverlegt werden. 

„Die Stadtwerke gehen seit mehr als 30 Jahren den klimafreundlichen Weg“, betont Herrmann. „Nach der Wende haben wir von Kohle auf Gas und Fernwärme umgestellt und die Stromversorgung effizienter gemacht, Häuser wurden nicht nur saniert, sondern auch energetisch ertüchtigt, sodass der Wärmebedarf halbiert werden konnte.“ In vielen Ortschaften habe man die Umstellung von Heizöl auf Erdgas gefördert. 

Im Klärwerk gewinne man Strom und Wärme durch Klärschlammfaulung, noch in diesem Jahr werde ein zweites Blockheizkraftwerk (BHKW) in Betrieb genommen. Im Nahwärmeprojekt Rothemark in Kooperation mit der Wittenberger Wohnungsbaugesellschaft (Wiwog) setze man auf erneuerbare Primärenergie und mit SKW habe man den Vertrag zur Nutzung industrieller Abwärme um weitere zehn Jahre verlängert (der Wittenberger Sonntag berichtete). 

Die Stadtwerke fördern Erdgas- und E-Mobilität seit vielen Jahren und im BHKW in der Berliner Straße wurden vor zwei Jahren vier neue Motoren installiert, die noch effizienter Strom und Wärme auf Gasbasis erzeugen. „Und trotzdem gibt es Politiker, die so tun, als wäre die Energiewirtschaft in den vergangenen Jahren untätig gewesen“, kritisiert der Stadtwerke-Geschäftsführer. 

Als Aufsichtsratsmitglied der Verbundnetz Gas AG (VNG) entscheidet Herrmann auch über innovative Biogas-Projekte sowie über Projekte im Rahmen der nationalen Wasserstoff-Strategie: „Wasserstoff ist ein entscheidender Faktor, um die Klimaziele zu erreichen, er kann vor allem dort eingesetzt werden, wo der Einsatz erneuerbarer Energien technisch nicht möglich oder schlicht nicht bezahlbar ist.“ 

Im Wasserstoffsektor engagiert sich VNG am großen Power-to-Gas-Projekt „Energiepark Bad Lauchstädt“, dort werden Herstellung, Transport und Speicherung von grünem Wasserstoff im industriellen Maßstab untersucht. Wasserstoffprojekte sollten nach Ansicht Herrmanns vor allem in den vom Kohleausstieg betroffenen Strukturwandelregionen Ostdeutschlands vorangetrieben werden. 

„Erdgas ist der energetisch und ökologisch beste fossile Energieträger und das Erdgasnetz stellt einen besonderes wichtigen Pfeiler der modernen Infrastruktur dar“, betont Herrmann. Erdgas sei heute und in Zukunft jederzeit und schnell verfügbar, es verbrenne besonders schadstoffarm bei gleichzeitig spezifisch geringen Kohlendioxid-Emissionen. Ein weiterer großer Vorteil von Erdgas als Energieträger sind seine alternativen Herstellungsarten in Form von synthetischem Erdgas und Biomethan, welches ganz unproblematisch ins Leitungsnetz eingespeist werden kann. 

Ein wesentliches Steuerungsinstrument ist die Bepreisung des Kohlendioxidausstoßes, die aktuell bei 25 Euro pro Tonne liegt und bis 2025 auf 55 Euro steigen soll. „Dadurch werden sich die Energiekosten für Wohnen und Tanken wesentlich verteuern“, warnt Herrmann, „85 Prozent des Strompreises entfallen auf vom Staat festgelegte Kosten und bei Erdgas dürfte ein ähnlich hohes Niveau erreicht werden.“ Auch weil Energieversorger wie die Stadtwerke zudem aufgrund des Ausbaus der erneuerbaren Energien erheblich in die Stabilisierung der Netze investieren müssen, werden sich die Energiepreise verteuern: „Technisch ist alles machbar, aber die Kosten bezahlt der Endkunde.“ 

Bild: Stadtwerke-Geschäftsführer Hans-Joachim Herrmann. Foto: Wolfgang Gorsboth




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