Symbolische Begrüßung in Corona-Zeiten: Akademie-Direktor Christoph Maier (l.) und Pfarrer Paul F. Martin, neuer Studienleiter für Theologie, Gesellschaft und Kultur. Foto: Wolfgang Gorsboth

Symbolische Begrüßung in Corona-Zeiten: Akademie-Direktor Christoph Maier (l.) und Pfarrer Paul F. Martin, neuer Studienleiter für Theologie, Gesellschaft und Kultur. Foto: Wolfgang Gorsboth

13.03.2021

Pfarrer Paul F. Martin ist neuer Studienleiter der Evangelischen Akademie

Neue Formate: Rationale Diskurskultur statt Erregungsdemokratie

Wittenberg (wg). Pfarrer Paul F. Martin ist seit März 2021 Studienleiter für Theologie, Gesellschaft und Kultur, damit sind alle Studienbereiche in der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt wieder besetzt. Martin tritt die Nachfolge für Eva Harasta an, die im September 2020 in ihre österreichische Heimat zurückkehrte, wo sie die Stelle der theologischen Referentin des evangelischen Bischofs Michael Chalupka antrat. 

Die Frage, welche Bedeutung Theologie und Philosophie in der heutigen Zeit haben, wird für den neuen Studienleiter auch mit Blick auf die Frage nach der Diskurs- und Kommunikationskultur eine der Schwerpunkte sein. „Wir leben immer mehr in einer Erregungsdemokratie“, erklärt Martin im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag, „wer am lautesten schreit, bekommt Gehör.“ Bereits 2015, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, habe sich gezeigt, „wer öffentlich für Erregung sorgt, bestimmt den Diskurs.“ 

Wie Erregungsdemokratie (leider) funktioniert, macht Martin an einem Beispiel deutlich: Als der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer von rund 30 selbsternannten „Corona-Rebellen“ am Gartenzaun beim Schneeschippen überrascht wurde, stellte er sich dem Gespräch, obwohl keiner der Beteiligen einen Mund-Nasenschutz trug, einige sich als Reichsbürger zu erkennen gaben und Transparente mit Aufschriften wie „Rücktritt und Verhaftung sofort!“ mitgeführt wurden. „Andere Gruppen, die seriös auftreten und sich zum Beispiel für den Klimaschutz engagieren, bekommen solche Gesprächsangebote nicht“, kritisiert Martin. In Talkshows dominierten diejenigen, die auf Krawall gebürstet seien und nicht jene, die sachlich fundiert ihre Argumente vortrügen. 

Vor allem im Netz herrsche ein Grundtenor der Aufgeregtheit, Netzwerke wie Facebook dominierten die Debatten. Was zähle, seien „Likes“ und „Followers“ – je mehr davon, umso wichtiger sei bzw. fühle sich eine Person. „Was gepostet wird, erzeugt Trends und Trends sorgen für Resonanz, aber keiner fragt nach der Relevanz“, betont Martin. „Diese Trends sind wirkmächtig, an ihnen darf sich politisches Handeln nicht orientieren und deshalb müssen wir auf die Erregungsdemokratie Antworten finden.“ 

Konkret gehe es drum, vernünftige Regeln für Kommunikation zu entwickeln. Eine laute Minderheit dürfe der Mehrheit nicht ihre Sicht der „Wahrheit“ aufdrängen, vielmehr sei ein gesellschaftlicher Diskus gefordert, an dem sich alle mit rationalen, das heißt überprüfbaren Argumenten beteiligen könnten mit dem Ziel, einen tragfähigen Konsens zu finden. Im Internet herrsche hingegen eine geradezu perverse Lust am Dissens. 

Hier sieht Christoph Maier, Direktor der Evangelischen Akademie, denn auch die besondere Bedeutung der Einrichtung als Ort eines Diskurses, der nicht auf Erregung, sondern auf Vertrauen setze. Man müsse die Spielregeln des Netzes und der sozialen Medien lernen, ohne deren negativen Auswüchse zu übernehmen. Als kirchlicher Player könne die Akademie mit ganz unterschiedlichen Akteuren unaufgeregt ins Gespräch kommen. 

Im Bereich der Theologie wird Martin bewährte Formate wie das „Biblische Lehrhaus“ und die „Lutherstudientage“ fortsetzen und nach einer Einarbeitungszeit mit eigenen Projekten durchstarten. So will er sich der „Apokalypse“ widmen, die heute sinnbildlich für Schrecken und Horror steht, „aber eigentlich gedacht war, eine Schreckenszeit durchzuhalten.“ Ansätze wie Ernst Blochs Theorie der Apokalypse sollen dabei berücksichtigt werden.

Mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist ein Projekt zur Lyrik geplant mit dem Ziel, gesellschaftliche und politische Themen, die die junge Generation beschäftigen, mit Hilfe der Lyrik zur Sprache zu bringen. Auch die Auslobung eines Lyrikpreises ist vorgesehen. Ein weiteres Projekt sind die „Pfade durch die Welt des Geistes“, die von der Antike bis zur Neuzeit, von Platon bis Sloterdijk, wichtige Denker und ihre Ideen vorstellen und danach fragen, welche Impulse heute noch wichtig sind. 

Eine weitere Reihe wird sich mit der Geschichte von (Fach-) Begriffen befassen. „Viele Begriffe sind aus der Juristerei und der Philosophie in die Theologie und von dort in die Politik gewandert“, so Martin, diesen Begriffen wolle man ideengeschichtlich nachspüren. Die „Zukunft“ zum Beispiel sei erst ab dem 17. Jahrhundert ein positiv konnotierter Begriff gewesen, in den 1970er und 1980er Jahren habe es ein Zukunftsversprechen mit mehr Demokratie wagen und Gleichberechtigung gegeben, inzwischen habe sich die „Zukunft“ wegen des Klimawandels und der Pandemie verfinstert. 

Bis Ostern alles online 

„Viele unserer Themen lassen sich in digitalen Formaten gut vermitteln“, erklärt Akademie-Direktor Christoph Maier, bis Ostern würden alle Tagungen und Vorträge online angeboten. Vor Weihnachten habe man 20.000 Euro in die Tagungstechnik investiert, so dass man auch nach den Corona-Einschränkungen viele Formate hybrid stattfinden lassen werde – in Präsenz und im Netz, weil man so eine viel größere Reichweite habe. 

„Wir wollen das Beste aus der analogen und der digitalen Welt zusammenführen“, erklärt Maier, „in der digitalen Welt findet der Wissenstransfer abgekoppelt von einem konkreten Ort statt, gleichzeitig bleibt die Akademie als realer Diskursort in der Lutherstadt erhalten.“ Die insbesondere bei den Wittenbergern beliebten Abendveranstaltungen sollen, sobald es die Regeln zulassen, wieder angeboten werden. Ende März soll auch die neue Homepage frei geschaltet werden. 

Zur Person 

Paul F. Martin wurde 1970 in einer kirchenfernen Familie in Leipzig geboren und befasste sich als Jugendlicher intensiv mit Glaubens- und Lebensfragen, die ihn schließlich zur Kirche führten. Nach der Ausbildung als Buchhändler studierte er in Berlin Evangelische Theologie. 12 Jahre lang leitete er die Evangelische Studierendengemeinde in Leipzig und arbeitete als Religionslehrer an verschiedenen Gymnasien. 

Bild: Symbolische Begrüßung in Corona-Zeiten: Akademie-Direktor Christoph Maier (l.) und Pfarrer Paul F. Martin, neuer Studienleiter für Theologie, Gesellschaft und Kultur. Foto: Wolfgang Gorsboth




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