08.03.2021

Engagement für Krankenhaus, Kirche und Kommunalpolitik

Prof. Dr. Bernhard Opitz ist im Alter von 84 Jahren verstorben

Wittenberg (wg). Am 1. März ist Prof. Dr. med. habil. Bernhard Opitz verstorben. „Wir verneigen uns vor seiner Lebensleistung“, schreiben die Freien Wähler in ihrem Nachruf. Von 2005 bis 2014 war Opitz Mitglied der Ratsfraktion der Freien Wähler, 2009 eröffnete er als Alterspräsident die fünfte Wahlperiode des Stadtrates seit 1990 im Alten Rathaus. „Nach seinem Ausscheiden aus Altersgründen blieb er den Freien Wählern mit seiner Lebenserfahrung und politischen Weitsicht bis zum Schluss verbunden“, heißt es im Nachruf. „Wir trauern um einen guten Arzt, lieben Freund und engagierten Kommunalpolitiker, der Bürokratie ebenso wie inhaltsleere Debatten im Rat ablehnte. Herr Professor Opitz hat sich als Arzt und Politiker um die Lutherstadt Wittenberg verdient gemacht.“ 

Bernhard Opitz stammt aus Thüringen, er studierte Medizin und wurde 1960 wegen einer vermeintlich politischen Straftat von der Staatssicherheit verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die nach der Wiedervereinigung aufgehoben wurde. Die Stasi wollte ihn zur Mitarbeit erpressen, auch als er seine Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin beendet hatte, wurden diese Versuche fortgesetzt. Prof. Dr. Opitz blieb standhaft, Aufforderungen zu konspirativen Treffen kam er nicht nach, außerdem drohte er damit, der Volkskammer einen Brief zu schreiben, denn auch nach DDR-Recht gab es eine ärztliche Schweigepflicht. 

1978 trat der gebürtige Thüringer in Wittenberg als Leitender Chefarzt und Chefarzt der Inneren Abteilung seinen Dienst im Paul-Gerhardt-Stift an und hatte die Entwicklung des Evangelischen Krankenhauses der Paul-Gerhardt-Stiftung maßgeblich geprägt. In seiner Zeit wurden wichtige Baumaßnahmen durchgeführt, unter anderem OP-Säle modernisiert, eine neue Ambulanz und zwei Intensivstationen eingerichtet. Nach der Wende gelang es Prof. Dr. Opitz, die Klinik ins Fahrwasser der neuen bundesdeutschen Gesundheitspolitik zu bringen, den ersten großen Bauabschnitt hat er noch selbst begleitet. 1990 wurde er zum Honorarprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen. 

„Prof. Dr. Opitz hat mich 1994 an die Wittenberger Klinik geholt, dafür bin ich ihm sehr dankbar“, erklärt Prof. Dr. Helmut Zühlke, der 22 Jahre als Chefarzt für Chirurgie am Paul-Gerhardt-Stift arbeitete, im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. Opitz habe in den langen Jahren seiner Tätigkeit als Leitender Chefarzt eine hervorragende Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass die Wittenberger Klinik sehr gut strukturiert gewesen sei. „Opitz war ein Internist der alten Schule, ein Generalist und außergewöhnlicher Mensch, die Zusammenarbeit war geprägt von Vertrauen und gegenseitigem Respekt.“ 

Von 1966 bis 1978 engagierte sich Prof. Dr. Opitz als Synodaler der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen und von 1984 bis 1990 als Vorsitzender der Konferenz des Landesausschusses des Evangelischen Kirchentages in der DDR. Außerdem engagierte er sich in der Bürgerrechtsbewegung. Er war Mitglied des Neuen Forums, damals die stärkste Oppositionskraft. Seine Absicht war, das Neue Forum so zu strukturieren, dass es sich einer Wahl hätte stellen können. Dies wurde auf der Versammlung in Leipzig abgelehnt, es kam zur Gründung der Deutschen Forum Partei, Prof. Dr. Opitz wurde stellvertretender Vorsitzender. 

„Die Bürgerrechtler hatten vollkommen den Kontakt zum Volk verloren und manövrierten sich mit ihrer Ablehnung der Deutschen Einheit ins Abseits“, notierte er damals in seinen rund 100 Bände umfassenden Tagebuchaufzeichnungen, die außer vielen zeitgeschichtlichen Dokumenten die Grundlage für die Lebenserinnerungen bilden, die er 2016 unter dem Titel „Dieses Buch gehört der Freiheit – Bürgerrechtsbewegung und Revolution in der DDR – Die Wiedervereinigung Deutschlands“ veröffentlicht hatte. 

Die DDR-Bürger, die sich 40 Jahre lang unter der kommunistischen Herrschaft geduckt hatten, verloren ihre Angst, mithin sei es nur noch eine Frage der Zeit gewesen, dass die SED ihre Macht abgeben musste. Die Friedliche Revolution habe mit der Forderung „Wir sind ein Volk“ dem Parlament von Anfang an eine eindeutige Aufgabe erteilt: „Die Wiedervereinigung in Recht und Freiheit war ohne Alternative“, schrieb Prof. Dr. Opitz in seinem Tagebuch. 

Was der Mediziner zu dieser Zeit allerdings nicht wusste: Er stand auf einer Liste festzunehmender Personen, die im „Eventualfall“ abzuholen sind. In der geheimen Verschlusssache GVS-o047 mit dem Kontrollkennwort „Wüstensand“ ist zu lesen: „Die Aktion ist schlagartig und konspirativ durchzuführen.“ Das Wasserschloss Reinharz und 34 weitere Einrichtungen hatte die Stasi als Internierungslager auserkoren. „Es gab auf der besagten Liste noch Differenzierungen, so dass ich mit einigen anderen Personen gleich in den ‚Roten Ochsen’ marschiert wäre“, schrieb Prof. Dr. Opitz. „Wir können froh sein, dass die DDR zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage war, solche großangelegten Internierungsaktionen durchzuführen.“ 

Die große Politik kannte Opitz aus der Wendezeit, als er für die Liberalen in der letzten Volkskammer der DDR saß: „Mit der demokratischen Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990 war das Ziel der Revolution erreicht.“ Prof. Dr. Opitz erinnert in seinem Buch auch an ein Gespräch mit dem damaligen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der sagte „Geschichte wiederholt ihre Angebote nicht.“ Jedes Zögern beim Vollzug der Deutschen Einheit hätte schlimme Folgen gehabt, zumal die DDR-Wirtschaft hoffnungslos pleite war.




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