02.03.2021

Einziger männlicher Gleichstellungsbeauftragter im Land Sachsen-Anhalt

Auch Männer können gleichstellen: Reinhard Pester ist ein Jahr im Amt

Wittenberg (wg). Seit einem Jahr ist Reinhard Pester Gleichstellungsbeauftragter des Landkreises Wittenberg, der 52-Jährige übernahm den Staffelstab von Doris Schröter, die das Amt 28 Jahre lang in der Landkreisverwaltung innehatte. „Meine Vorgängerin hat dieses Amt auf- und ausgebaut“, lobt Pester, „ich habe ein gut bestelltes Feld übernommen.“ Als zuständiger Mitarbeiter für die Jugendarbeit habe er viel mit ihr zu tun gehabt, sodass man von einem „weichen Übergang“ sprechen könne. Ihn reize vor allem die Bandbreite der Aufgaben. 

In Sachsen-Anhalt ist Pester aktuell der einzige männliche Gleichstellungsbeauftragte, unter den mehr als 800 in Deutschlands Kommunen sind nur drei Männer. In zahlreichen Bundesländern schreibt das Gesetz sogar explizit vor, dass nur Frauen das Amt einer Gleichstellungsbeauftragten ausüben dürfen, männliche Bewerber, die dagegen vor Gericht wegen Diskriminierung klagten, scheiterten. 

Hamburg und Bayern haben ihre Gesetze geöffnet, in Sachsen-Anhalt ist hingegen ein neues Gleichstellungsgesetz in Arbeit, welches ebenfalls vorsieht, dass nur Frauen Gleichstellungsbeauftragte sein dürfen. „Der Entwurf liegt vor, das neue Gesetz wird wohl erst nach der Landtagswahl verabschiedet werden“, erklärt Pester, der diese geplante Neuregelung so kommentiert: „Lieber ein engagierter Mann in dieser Funktion als eine desinteressierte Frau.“ 

Die häufig zu hörende Überzeugung, dass Männer grundsätzlich die Interessen von Frauen nicht so gut vertreten könnten, hält er für ein Vorurteil, das eher Geschlechtsstereotypen zu verfestigen droht, statt sie aufzulösen. Heute stelle sich die Lage komplexer dar: Es gehe nicht nur darum, Nachteile für die einen (Frauen) zu beseitigen, sondern Vorteile für alle zu schaffen. Dass das neue Gleichstellungsgesetz des Landes Diversität völlig ausblende, sei ein weiteres Manko: „Diversität ist gelebte Realität, auch in unserer Verwaltung sind alle Lebensformen vertreten und werden akzeptiert.“ 

Der oder die Gleichstellungsbeauftragte in einer Kommune kümmert sich nicht mehr nur darum, dass Frauen in den Verwaltungen so viel verdienen wie Männer und die gleiche Chance auf Beförderung haben, sie sind für alle Bürgerinnen und Bürger zuständig, dabei rücken zunehmend auch andere Belange in den Aufgabenbereich wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Männer genauso angehen wie Frauen. Außer geschlechtsspezifischen Problemlagen geht es um alle Formen der Diskriminierung und Benachteiligung wegen Nationalität, Religion, Behinderung oder Alter. 

Die Funktion, die früher mal „Frauenbeauftragte“ hieß, wurde deshalb nicht nur aus Gründen semantischer Verschönerung in Gleichstellungsbeauftragte(r) umbenannt, sondern weil sich auch die Inhalte erweitert haben. „Es geht um Gender Mainstreaming, also eine Strategie zur Förderung der Gleichstellung alle Geschlechter“, erläutert Pester, „Menschen sollen in ihren Möglichkeiten nicht mehr nur auf ihr Geschlecht und ihre soziale Herkunft reduziert werden.“ 

Im Entwurf des neuen Gleichstellungsgesetzes fänden sich aber auch positive Neuregelungen: „Bei Entscheidungen, die gegen das Recht auf Gleichstellung verstoßen, konnten Gleichstellungsbeauftragte bislang nur Einspruch erheben, künftig soll es eine Klagemöglichkeit geben“, erläutert Pester. 

Der Gleichstellungsbeauftragte ist nicht weisungsgebunden und wirkt auch im Innenbereich der Verwaltung, so ist er bei allen personellen, sozialen und organisatorischen Maßnahmen zu beteiligen. In Wittenberg ist er qua Amt auch für die schwerbehinderten Verwaltungsmitarbeiter zuständig sowie für das betriebliche Eingliederungsmanagement, mit dem Langzeiterkrankte wieder in den Arbeitsprozess integriert werden. 

Zu den Aufgaben der nächsten Jahre gehört die Umsetzung der „Istanbul Konvention“ des Europarates durch konkrete Aktionspläne vor Ort. „Die Unterzeichnerstaaten wie die Bundesrepublik haben sich verpflichtet, offensiv gegen alle Formen von Gewalt vorzugehen, im Fokus stehen geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie Opfer häuslicher Gewalt jeglichen Geschlechts. 

Außerdem plant Pester eine Fortsetzung der Initiative „FrauenOrte in Sachsen-Anhalt“, bislang wurden im Kreis Wittenberg vier solcher Orte ausgezeichnet – das Schloss Oranienbaum (Fürstin Henriette Catharina von Anhalt-Dessau), das Lutherhaus (Katharina von Bora und die Frauen der Reformation), das Wohnhaus Markt 6 in Kemberg (Ernestine Christine Reiske) sowie die Lichtenburg in Prettin (Frauen-KZ). „Es geht darum, den Anteil der Frauen an der Geschichte deutlich zu machen, denn in der offiziellen Geschichtsschreibung finden sich Frauenbiografien oft nicht wieder“, kritisiert Pester. 

Zur Person 

In die Lutherstadt kam Pester im Herbst 1991, zuvor war er in der Wendezeit hauptamtlicher Bürgermeister seines Heimatortes St. Egidien bei Zwickau. In Wittenberg war er maßgeblich am Aufbau eines Jugendzentrums beteiligt, daraus wurde der „Pferdestall“, in dem er ab 1995 arbeitete, 2005 wechselte er in die Kernverwaltung des Kreises, wo er als Jugendreferent und als Projekt-Koordinator unter anderem für „Demokratie leben“ und „Jugend stärken im Quartier“ tätig war.





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