28.11.2020

Wittenberger Sonntag liest die Mittelbayerische Zeitung

Der nächste Generationenkonflikt

Regensburg (ots) Die ganz Jungen und die ganz Alten haben etwas gemeinsam, das durch die Corona-Krise besonders sichtbar wird: Ihnen läuft die Zeit davon. Dieses nun fast schon volle Jahr, in dem Oma und Opa ihre Kinder, Enkel, Freunde und Verwandte nicht mehr ohne Angst umarmen können, könnte ihr letztes sein. Ein alter Mensch (oder auch ein todkranker) braucht sich nicht mal anzustecken, was noch schlimmer wäre. Es reicht schon, dass er sich das vorenthalten muss, was ihm Lebensfreude erhält. Alle Maßnahmen, die dazu dienen, Ansteckungen zu verringern und damit die Dauer der Einschränkungen zu verkürzen, sind daher richtig, auch wenn sie weh tun.

Nun kann man sagen, dass, wer jung ist, noch alle Zeit der Welt hat. Doch ein Jahr, manchmal nur ein paar Monate für unter 20-Jährige können Welten bedeuten. Da gibt es nichts nachzuholen. Was vorbei ist, ist vorbei, von der unbeschwerten Kindlichkeit bis hin zum frühpubertären Leichtsinn und spätpubertären Über-die-Stränge-schlagen. Nein, kein Mitleid an dieser Stelle. Alle verlieren in dieser Krise, und manche mögen einwenden, dass es um die eine oder andere Erfahrung nicht schade ist. Doch das ist eine Einschätzung von der Warte der Wissenden aus, also derjenigen, die an ihren jugendlichen Dummheiten reifen durften. Insofern hat die Bundesregierung mit ihrem viel diskutierten Spot teilweise recht: Die wirklich "besonderen Helden" finden wir zwar woanders, zum Beispiel in den Covid-19- und Intensivstationen der Krankenhäuser, aber auch das Nichtstun ist durchaus ein Opfer. Denn während die Corona-Krise in den Biografien der in ihrem Leben längst angekommenen Mid Ager - legen wir den Fokus einmal auf die persönliche und nicht auf die wirtschaftliche, bisweilen existenzbedrohende Entwicklung - nur eine Delle hinterlässt, die sich hoffentlich bald auswächst, so ist dieses verlorene Coronajahr bei den Jungen ein Einschnitt, der tiefe Spuren hinterlassen wird.

Ohnehin haben wir es mit einer Generation zu tun, die sich die Lage, in der sich die Welt befindet, sehr zu Herzen nimmt. Ihr Weltschmerz ist global und wortwörtlich zu verstehen. Wer sie pauschal als das "Feiervolk" diskreditiert, das nur um die nächste Party weint, tut ihr unrecht. Denn in Wirklichkeit übernimmt sie in einem Maß Verantwortung in dieser Gesellschaft, wie es in vorherigen Jahrzehnten nicht üblich war. Sie engagiert sich, vernetzt sich, informiert sich und andere, demonstriert und sorgt tatsächlich für Veränderung in den Köpfen. In der Corona-Krise wie auch beim Klimawandel, der ein noch größeres existenzielles globales Problem darstellt, tickt die Uhr.

Nicht nur die Folgen und Kosten des Klimawandels werden die nachfolgenden Generationen tragen müssen, sondern sie werden wohl oder übel auch die Zeche für die Corona-Krise zahlen. Dass sie am Ende die Suppe auslöffeln müssen, gibt ihnen das Recht zur Kritik. Man sollte zuhören, zum Beispiel wenn der Youtuber Rezo die Querdenker und ihre Mitläufer auseinandernimmt und das halbherzige Durchgreifen des Staates gegen die Missachtung der Abstands- und Maskenregeln auf sogenannten Hygiene-Demos anprangert. Oder wenn die Klimaaktivistin Luisa Neubauer feststellt, das größte Problem seien Unwissenheit und die Mauern in den Köpfen der Menschen. "Die größte Aufgabe für mich persönlich ist es, diese Mauern in den Köpfen zum Einsturz zu bringen", sagt sie in einem Zeit-Interview.

Hört man ihnen nicht zu, droht ein neuer Generationenkonflikt, weniger zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Jung und Mittelalt - zwischen der "Woke"-Generation, die aufgewacht ist, und den Boomern, die diesen Aufbruch womöglich verschlafen.





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