Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, bei seiner Schillerrede im Rahmen der Marbacher Schillerwoche. Screenshot: Wolfgang Marchewka

Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, bei seiner Schillerrede im Rahmen der Marbacher Schillerwoche. Screenshot: Wolfgang Marchewka

08.11.2020

Viel beachtete Schillerrede in der Marbacher Schillerwoche

Virologe Christian Drosten über Freiheit und Verantwortung

Marbach/Berlin (wm) Rund um den Geburtstag von Friedrich Schiller, der am 10. November 1759 das Tageslicht erblickte, feiert die Stadt Marbach in jedem Jahr die Schillerwoche. Zum traditionellen Programm gehört auch die „Schillerrede“, die heute, am 8. November, ein spannendes Thema behandelt: die aktuelle Corona-Pandemie sowie die Gemeinsamkeiten zwischen dem engagierten Wortkünstler Schiller und dem engagierten Wissenschaftler Drosten. 

Das Leitmotiv Freiheit

Deutschlands bekanntester Virologe präsentiert seine Rede Corona-bedingt digital und stellt als Gemeinsamkeit den Begriff „Freiheit“ in den Mittelpunkt: die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Wissenschaft – und auch die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger. „Bei der Kernfrage, was Schiller mir persönlich bedeutet und inwieweit sein Leben und Werk für uns heute Relevanz besitzen, werden wir am Leitmotiv von Schillers Werk nicht vorbeikönnen: der Freiheit“, begründete Drosten. In der Mehrzahl von Schillers Werken gehe es darum, wie die Freiheit erkämpft, gesichert und beschützt, aber auch wieder verloren gehen könne. „Schiller ist ein überzeugter Kämpfer für die Freiheit“, wertet Drosten, „sein Anliegen ist es, das Freiheitsvermögen und Freiheitsbewusstsein des einzelnen Menschen und der Gesellschaft insgesamt zu stärken.“ 

So gesehen sei ihm Schiller durchaus vertraut, gab Drosten bekannt, denn als Forscher und Wissenschaftler wolle er frei und unabhängig arbeiten können: „Wissenschaftliche Erkenntnis darf nicht davon abhängig sein, wer sie zutage fördert, in Auftrag gibt oder am Ende bezahlt.“ Die Freiheit der Wissenschaft sei ihm besonders wichtig, den noch offenen Fragen bei Coronaviren gehe er „aus eigenem Antrieb und mit hoher Motivation nach.“ Dabei gebe ihm niemand eine Richtung vor oder verlange, dass er „gewissen Fragestellungen oder Themen vielleicht eher nicht nachgehen solle.“ 

Im Gegensatz dazu musste sich Schiller die Freiheit hart erkämpfen: „Was er zu Papier brachte, fand nicht überall Anklang“, so Drosten, „es gab Landesherrn, die mit seinen Ansichten nicht einverstanden waren. Schiller war mit Schreibverbot bedroht und zur Flucht gezwungen.“ 

Das Virus verstehen

Damit die Gesellschaft von den Erkenntnissen der Wissenschaftler profitieren könne, sei Drosten ebenso wie viele seiner Kollegen in der Pflicht, zu informieren und Orientierung zu geben: „Je besser wir alle das Virus und die Pandemie verstehen, desto eher können wir eigenverantwortlich die richtigen Entscheidungen für unser Verhalten treffen.“ 

Hier werde Schiller wieder aktuell: „Für ihn war klar, dass persönliche Freiheit nicht losgelöst von der Gesellschaft gelingen kann“, betont Drosten, „Schiller war bereit, auch seinen Mitmenschen Freiheit zuzugestehen.“ Damit die Freiheit aller geschaffen und erhalten werden könne, sei es jedoch notwendig, dass die Menschen füreinander einstehen und füreinander Verantwortung übernehmen. In der Pandemie habe sich gezeigt, wie relevant dieser Grundsatz heute sei: „Je mehr ich mich aus freien Stücken verantwortlich verhalte, desto weniger Anlass gebe ich dem Staat, ins gesellschaftliche Leben einzugreifen.“ 

Leider seien Wissenschaftler heute mittendrin im öffentlichen Meinungskampf um die Coronavirus-Pandemie. Wissenschaftliche Ergebnisse würden nicht sachlich und kühl seziert, sondern im Hinblick auf ihre politischen, sozialen und persönlichen Auswirkungen diskutiert und mit hoher Emotionalität bewertet. „Das Ganze findet rund um die Uhr bei hohen Temperaturen im Schleuderwaschgang der sozialen Medien statt.“ 

Abschließend wünscht sich Drosten, dass jeder Mensch nicht nur aus Pflicht und Verantwortung handelt, denn Neigung und Lust gehörten untrennbar dazu. „Die Freude an der Erkenntnis darf auch in der jetzigen Situation unser verantwortliches Handeln antreiben. Von daher bin ich mir recht sicher: Auch Friedrich Schiller würde Maske tragen.“ 

Die Schillerrede per Video genießen

Mehr erhellende Aussagen von Christian Drosten können per Video hier konsumiert werden: https://www.youtube.com/user/LiMo606. 

Info:

Die Schillerwoche ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Stadt Marbach am Neckar, des Deutschen Literaturarchivs Marbach, der Stadtbücherei sowie des Schillervereins Marbach e.V. und wird gefördert mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg.




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