22.10.2020

Wittenberger Sonntag liest die Mittelbayerische Zeitung

Mehr Frauen an die Spitze

Regensburg (ots) Früher wurde eine Frau gerne einmal "Emanze" genannt, wenn sie ihr Recht einforderte. Das unschöne Wort, mal im Spaß und mal im Ernst gebraucht, stempelte emanzipiertes weibliches Verhalten pauschal als unangebracht ab. Man hätte stattdessen sagen können: Sie tritt selbstbewusst, kompetent, entschieden oder meinungsstark auf. Aber nein, Frauen mit solchen Zügen wurden oft diskreditiert. Hätte man einen Mann wegen seines ambitionierten Auftretens bezichtigt? Undenkbar. Was bei Männern als Zeichen der Stärke galt, ziemte sich für Frauen nicht. 

Heute werden derartige Herabsetzungen seltener laut geäußert und das Wort "Emanze" hört man nicht mehr oft - zum Glück. Selbstbewusste Frauen müssen sich nicht mehr zurücknehmen. Sie können ihre Karriere verfolgen, ohne sich männlichem Verhalten anpassen zu müssen. Sie können ihre Kinder zur Kita bringen, ohne als Rabenmutter zu gelten. Kein Grund für weitere Anstrengungen also? Mitnichten! 

Auch wenn es in den vergangenen Jahrzehnten Fortschritte bei der Emanzipation gab, hängt Deutschland bei der Gleichberechtigung noch massiv hinterher. Ob in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, in den Medien oder im Sport - in all diesen Bereichen sind Frauen in Führungspositionen stark unterrepräsentiert. Das muss sich schleunigst ändern. Die neue Studie der AllBright Stiftung, die sich für mehr Chancengerechtigkeit einsetzt, zeigt bittere Ergebnisse. Von den insgesamt 671 Vorständen der 160 größten deutschen Unternehmen (Stand September 2020) sind nur 68 Frauen, also 10,1 Prozent. Tendenz sinkend. Während die USA, Schweden oder Frankreich in der Corona-Krise vielfältigere Führungsteams aufgebaut haben, haben sich deutsche Konzerne von Frauen in Vorständen verabschiedet. 

Ernüchternd ist auch die Präsenz von Expertinnen in der Corona-Berichterstattung. Nur eine von fünf Fachleuten, die zu Wort kommen, ist weiblich. Dabei beträgt der Frauenanteil in der Virologie und Epidemiologie 45 Prozent (s. Gesundheitsberichterstattung des Bundes). Frauen sind nicht weniger qualifiziert als Männer, haben nicht weniger Expertise und Erfahrung. 

Um jüngeren Generationen neue Vorbilder zu geben, brauchen wir mehr Frauen in Toppositionen. Um alte Prägungen und Vorurteile zu überwinden, müssen Frauen sichtbarer werden und mehr Einfluss gewinnen. Die politischen Bemühungen sind noch viel zu zögerlich. Bislang wird weitgehend auf die Selbstverpflichtung der Unternehmen gesetzt - ohne Erfolg. 

Die 2015 eingeführte Frauenquote von 30 Prozent für Aufsichtsräte hat gezeigt, dass nur bindende Quoten eine Wirkung entfalten. In den Gremien gibt es Verbesserungen. Die Bundesregierung hat per Koalitionsvertrag vereinbart, die Quote auch auf Vorstände auszuweiten. Doch das zweite Führungspositionen-Gesetz (FüPoG II) wird bis heute auf die lange Bank geschoben. Es ist höchste Zeit, zu handeln. Frauen machen die Hälfte der Gesellschaft aus. Sie verdienen auch eine angemessene Repräsentanz in Entscheiderfunktionen. Es geht hier nicht nur um die Führungsposten. Es geht auch um deren Breitenwirkung und Vorbildfunktion. 

Deswegen ist es ermutigend, wenn sich nun eine branchenübergreifende Initiative von engagierten Frauen formiert, darunter Soziologin Jutta Allmendinger, Schauspielerin Maria Furtwängler und Aufsichtsrätin Janina Kugel. Mit den Hashtags #jetztreichts und #ichwill sorgen sie im Netz für Wirbel und erhöhen den politischen Druck. Es ist zu hoffen, dass die Aktion wächst und Wirkung zeigt. 

In einer Zeit, in der sich mit der Pandemie, dem Klimawandel und wirtschaftlichem Strukturwandel enorme Krisen überlagern, brauchen wir andere Lösungsansätze und neue Denkweisen. Wir können es uns nicht länger leisten, das Wissen, die Expertise und die Erfahrung hochqualifizierter Frauen auszuklammern, nur weil veraltete Strukturen deren Aufstieg blockieren. Weil Strukturen aber selten von denjenigen geändert werden, die von ihnen profitieren, müssen Frauen heute noch stärker ihr Recht einfordern. Im besten Fall gelingt der Weg zu mehr Gleichberechtigung solidarisch mit Männern und Frauen.





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