Nach Prof. Dr. Liane Wörner trug sich Dr. Thomas de Maizière ins Goldene Buch der Stadt Wittenberg ein, rechts im Bild Oberbürgermeister Torsten Zugehör. Foto: Oleg Alimov

Nach Prof. Dr. Liane Wörner trug sich Dr. Thomas de Maizière ins Goldene Buch der Stadt Wittenberg ein, rechts im Bild Oberbürgermeister Torsten Zugehör. Foto: Oleg Alimov

04.10.2020

De Maizière: Vielfalt in der Einigkeit, aber keine Einheitlichkeit

Festakt im Wittenberger Stadthaus - 30 Jahre Deutsche Einheit

Wittenberg (wg). Die Deutsche Einheit sei für ihn zum Lebensthema geworden, bekannte Dr. Thomas de Maizière (CDU), er habe das Glück gehabt, diese Jahre in unterschiedlichen Funktionen zu begleiten. In seiner Festrede im Wittenberger Stadthaus aus Anlass des 30. Jahrestages der Deutschen Einheit blickte der frühere Verteidigungs- und Innenminister kurz zurück auf die Welt vor 30 Jahren, geprägt von Ost-West-Konflikt und dem atomaren Wettrüsten der USA und der Sowjetunion. 

Am 9. November 1989 hätte die Menschen die friedliche Öffnung der Mauer erzwungen, am 3. Oktober 1990 sei die staatliche Vereinigung Deutschlands erfolgt. Er habe der Verhandlungsdelegation angehört, innerhalb von nur sieben Wochen habe man den Vereinigungsvertrag ausgehandelt. Deutschland habe seinen Platz in der Welt gefunden im Einvernehmen mit der internationalen Staatengemeinschaft. 

„Um die Probleme der Zukunft zu meistern, müssen wir zu einem respektvollen Miteinander finden“, wünschte sich de Maizière und sagte mit Blick auf die gegen die Corona-Maßnahmen gerichteten Demonstrationen: „Jeder muss wissen, mit wem er Seite an Seite demonstriert.“ Demokraten könnten nicht mit denen gemeinsam auf die Straße gehen, die die Verfassung abschaffen wollten. Trotz der Pandemie und der damit angesagten Abstandsregeln habe menschliche Nähe und Hilfsbereitschaft zugenommen, ebenso das Vertrauen in staatliche Institutionen. 

De Maizière, der in Bonn geboren wurde und in Dresden lebt, hält Forderungen wie „innere Einheit“ und „Angleichung der Lebensverhältnisse“ für falsch: Es gehe um Einigkeit und Recht und Freiheit, um gleichwertige, aber nicht gleichartige Lebensverhältnisse. Unterschiedliche Lebensverhältnisse gebe es auch in den alten Bundesländern: Die Unterschiede zwischen München und Bretten seien größer als zwischen Dresden und Wittenberg, es gebe statistische Durchschnittslöhne, aber keine „Westlöhne“ oder „Ostlöhne“. 

Die soziale Marktwirtschaft und die Demokratie seien über Nacht gekommen, die Ostdeutschen hätten eine unglaubliche Anpassungsleistung erbringen müssen. Doch aus den Helden der Revolution seien Lehrlinge in der Deutschen Einheit geworden, zitierte de Maiziére den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Zu schnell habe man sich von den Errungenschaften der Friedlichen Revolution getrennt und unkritisch alles aus Westdeutschland übernommen. 

In der immer komplizierter werdenden Welt wachse der Wunsch nach Einfachheit vor allen in den neuen Bundesländern. Erst die Wiedervereinigung, jetzt Globalisierung und digitale Transformation: „Eine gefühlte Überforderung wird schnell zur gefühlten Ohnmacht und der Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Zeit, die es so freilich nie gegeben hat.“ 

Auch für die Leistungen vor 1989 gebühre den Menschen in der früheren DDR Respekt, denn das zerstörte Land musste nach dem Krieg genauso aufgebaut werden wie die Bundesrepublik. Viele Ostdeutsche hätten das Gefühl, dass diese Lebensleistung von Westdeutschen ignoriert werde, westdeutsche Überlegenheitsgefühle seien ebenso deplaziert wie ostdeutsche Ohnmacht. 

„Die deutsche Frage ist gelöst, unser Land genießt hohes Ansehen und hat seinen respektierten Platz in der Staatengemeinschaft“, betonte de Maizière. Es gebe deshalb gut Gründe, unverkrampfter und fröhlicher mit der Deutschen Einheit umzugehen, die Erfolge deutlicher herauszustellen, die eigene Herkunft zu bejahen und sich mit gegenseitiger Wertschätzung und Respekt zu behandeln. 

Keine Schwarz-Weiß-Narrative 

Dr. Liane Wörner, die in Thüringen geboren wurde, in Jura promovierte und habilitierte und Lehrstuhlinhaberin an der Universität Konstanz ist, bezeichnete die Wiedervereinigung trotz einiger Mängel als Demokratiegewinn, der Stolz auf das bisher Erreichte dürfe nicht zu kurz kommen. Durch die Corona-Pandemie stehe Deutschland vor der größten demokratischen Herausforderung seit der Wiedervereinigung, die nur gemeinsam gestemmt werden könne. 

Schwarz-Weiß-Narrative, die Ostdeutschland auf den SED-Unrechtstaat und die Bundesrepublik auf den Wohlfahrtsstaat reduzierten, seien unzulässig. Weder gebe es eine ostdeutsche, noch eine westdeutsche Glückserzählung. „Woran wir uns gemeinsam erinnern, wird darüber entscheiden, wie wir in Zukunft leben werden“, sagte Wörner. Keine Generation könne ihre Geschichte abstreifen, die Erinnerung bilde die Basis für eine gemeinsame Kultur-, Geschichts- und Identitätspolitik. 

Sie sei in der DDR aufgewachsen mit vielen Vorzügen, die das System zu bieten hatte. 1989/90 habe sie mit 14 Jahren alles verloren - und alles gewonnen: „Die Ehe der Eltern wurde geschieden, aber ich war endlich frei von den Vorgaben des Staates, der Gesellschaft und der Familie.“ Sie sei zur Migrantin in der eigenen Gesellschaft geworden und von der Generation ausgewachsener DDR-Kinder in die Generation „Golf“ gewechselt, ohne dass es eine Vermischung gegeben hätte.





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