03.07.2020

Wittenberger Sonntag liest die Mittelbayerische Zeitung

Eigene Regeln für den Profifußball

Regensburg (ots) Die letzten Spieltage nach der Corona-Zwangspause vor leeren Rängen, Team-Quarantäne für alle Vereine und Corona-Reihentests im Umfeld der Mannschaften - die Fußball-Bundesliga erlebte in der Spielzeit 2019/2020 die wohl außergewöhnlichste Saison seit ihrer Einführung 1963. Nach dem Pokalfinale am Samstag und dem Relegations-Rückspiel am Montag verabschiedet sich Deutschlands höchste Fußball-Liga offiziell in die Sommerpause. Rückblickend auf diese denkwürdigen vergangenen Wochen und das Corona-Chaos in und um die Liga steht jedoch fest, dass der Re-Start Anfang Mai ein falsches Signal sendete. 

Schulen und Kitas blieben geschlossen, Besuche in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Behinderteneinrichtungen waren so gut wie unmöglich. Unternehmen schickten Millionen Arbeitnehmer - auch in den Geschäftsstellen der Profivereine - in Kurzarbeit. Dennoch nahmen die Liga-Bosse Spitzenpolitiker wie Armin Laschet und Markus Söder ins Gebet, um mit aller Macht die Fortsetzung der Bundesliga zu erzwingen.

In der Bevölkerung erweckte das zu Recht den Eindruck, dass nichts so wichtig scheint wie der Sport, genauer gesagt wie der Profifußball. Denn die Fußball-Amateure leiden ebenso weiterhin unter den Corona-Folgen wie die Eishockey- oder Volleyball-Liga. Während diese sogenannten Randsportarten viele Jahre einen festen Platz in der Sportschau hatten, ist dort inzwischen fast nur noch Fußball zu sehen. Es ist also kein Wunder, dass die Bundesliga auch in Krisenzeiten eine Sonderstellung genießt und die Kluft zwischen den Sportarten in Deutschland immer größer wird. 

Angeblich wären 13 der 36 Profiklubs in der ersten und zweiten Liga vor der Insolvenz gestanden, wenn es kein grünes Licht für den Re-Start gegeben hätte. Das zeigt, wie abhängig die Vereine von den TV-Milliarden der Pay-TV-Sender sind, von denen ein Löwenanteil alleine für Spielergehälter und Ablösesummen draufgeht. Schalke 04 verpfändete beispielsweise seine letzte TV-Rate schon weit bevor das Geld überhaupt floss. Hätte die Liga den Spielbetrieb Anfang Mai nicht wieder aufnehmen können, wäre der Revierklub wohl zahlungsunfähig gewesen. 

Spätestens die positiven Testergebnisse beim Zweitligisten Dynamo Dresden wenige Tage vor dem Re-Start und in der Quarantänezeit hätten die Politik zum Einlenken bewegen müssen. Taten sie aber nicht. Vielleicht auch, weil der Druck der DFL zu groß war, die Spielzeit mit aller Gewalt zu beenden. 

Die Vereine argumentierten natürlich damit, dass ein Abbruch Jobs in den Geschäftsstellen gefährden würde. Das ist zum Teil richtig. Andererseits darf es nicht sein, dass Mitarbeiter in der Verwaltung oder den Fanshops in Kurzarbeit geschickt werden, während Stars wie Thomas Müller laut transfermarkt.de 15 Millionen Euro Jahresgehalt beziehen und freiwillig nur meckernd auf einen Teil davon verzichten.

Dass die Profimannschaft der wichtigste Teil eines Vereins ist, steht außer Frage. Nichtsdestotrotz bietet die Krise die Möglichkeit, grundsätzlich über die horrenden Gehälter und Ablösesummen im Profifußball zu diskutieren. Spieler und Vereine befinden sich inzwischen häufig in einer Einbahnstraße. Das wird deutlich, wenn Spieler ihre Liebe zum Verein öffentlich bekunden, das Logo küssen oder einen Wechsel vehement dementieren. Sobald es aber um den finanziellen Vorteil geht, ist von Liebesbekundungen und der angeblichen Vereinstreue nicht mehr viel übrig. 

Der Profifußball ist nunmal ein Showgeschäft. Schließlich entwickelten sich die Klubs inzwischen zu Wirtschaftsunternehmen, die Profit erzielen müssen. Gerade deshalb ist es in der jetzigen Ausnahmesituation wichtig, den gesamten Verein zu retten. Dafür müssen die Profis Solidarität zeigen und den Mitarbeitern, die seit Jahrzehnten alles geben, unter die Arme greifen. 

Bis die Bundesliga Mitte September in die neue Spielzeit startet, stehen DFL und Politik vor weiteren Herausforderungen. Schließlich bleiben Großveranstaltungen bis mindestens Ende Oktober verboten. Einzelne Länder erlauben aber Veranstaltungen bis 1000 Besucher. Um einen Fleckenteppich zu vermeiden, muss es deshalb eine einheitliche Regelung für die Bundesliga geben. Geisterspiele in einem Bundesland und 1000 Zuschauer im anderen - das hat mit fairem Wettbewerb nichts zu tun. Zudem entfacht dann die Diskussion, wer ins Stadion darf. Auch wenn der Fußball von Fans und der Stimmung in den Stadien lebt, werden Geisterspiele erst ihr Ende finden, wenn Corona keine Gefahr mehr ist.




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