Museumsleiterin Dr. Christel Panzig im Original DDR-Konsum im Foyer des Hauses der Geschichte. Fotos: Wolfgang Gorsboth

Museumsleiterin Dr. Christel Panzig im Original DDR-Konsum im Foyer des Hauses der Geschichte. Fotos: Wolfgang Gorsboth

14.06.2020

Pflug e.V. schreibt einen Brandbrief an die Wittenberger Stadträte

Fehlende Förderung: Haus der Geschichte ist in seiner Existenz bedroht

Wittenberg (wg). Weil der neue Nutzungsvertrag von der Stadt immer noch fehlt und wegen der negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie hat der Pflug e.V. als Trägerverein des Hauses der Geschichte den Stadträten einen Brandbrief geschrieben und um Unterstützung gebeten: „Es muss jetzt geklärt werden, ob und wie das Haus der Geschichte mit seinem in Sachsen-Anhalt einmaligen Museumsprofil und seiner auch über das Bundesland hinaus reichenden Bedeutung durch die Stadt Wittenberg zukünftig nachhaltig gefördert werden kann.“ 

Das Museum muss durch die Zwangsschließung und ausbleibende Touristen bis jetzt circa 20.000 Euro Einnahmeausfälle verkraften, die durch die 6.000 Euro Soforthilfe des Landes und 3.000 Euro Spende von SKW nur knapp zur Hälfte gedeckt werden. Seit Öffnung des Museums zu Pfingstsonntag wurden mehr als 300 Besucher gezählt, ein Rückgang um 75 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, denn noch fehlen vor allem Touristen: „Wir sind aber auf jeden Besucher angewiesen“, betont Museumsleiterin Dr. Christel Panzig im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag, „denn wir müssen unser Geld selbst erwirtschaften im Gegensatz zu staatlich subventionierten Häusern, die während der Zwangsschließung für ihre Mitarbeiter nicht einmal Kurzarbeit anmelden mussten.“ 

In diesem Jahr endet nach 20 Jahren der Nutzungsvertrag der Stadt Wittenberg mit der „Projektgemeinschaft Frauen, Landwirtschaft, Umwelt & Gesellschaft (Pflug) e.V.“ als Trägerin des Museums, ein Folgevertrag liegt nicht vor, die Zeit drängt. Dieser Vertrag, der mit dem damaligen Bürgermeister Hartmut Dammer erarbeitet wurde, sah den Aufbau eines „Forschungs- und Dokumentationszentrums DDR-Alltagskultur und Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts“ vor. „Dieses Ziel haben wir mit dem Haus der Geschichte auch erreicht“, betont die Museumschefin, „Bürgermeister Dammer hatte damals die Idee, mit uns zusammen einen Museums e.V. zu gründen, denn unsere Ausstellungen widmen sich alle stadtgeschichtlichen Themen der Neuzeit.“ 

Mit circa 19.000 in- und ausländischen Besuchern in coronafreien Jahren ist das Haus der Geschichte nach dem Lutherhaus das meistbesuchte Museum der Stadt. „Wir erforschen nicht nur Landes-, Regional- und Heimatgeschichte, unser Museum leistet damit auch einen Beitrag zum Kulturtourismus“, so Panzig. Unter den mehr als 2.100 volks- und heimatkundlichen Museen in Deutschland gehört das Haus der Geschichte zu den 200 meistbesuchten. 

Zusätzlich zu den Dauerausstellungen hat der Pflug e.V. mehr als 50 Sonderausstellungen erarbeitet, neun Publikationen wurden herausgegeben, an 20 Veröffentlichungen war das Haus der Geschichte beteiligt. „Mit mehreren hunderttausend Objekten besitzen wir eines der vielfältigsten und umfangreichsten Sammlungen zur Sozial- und Zeitgeschichte mit dem Schwerpunkt SBZ/DDR in Deutschland“, erklärt Panzig. Die Bestände seien für 33 TV-Dokumentationen und Spielfilme, darunter ausländische Produktionen genutzt worden – auch eine Werbung für Wittenberg. 

„Trotz der vielen Besucher und unserer Bedeutung für den Kulturtourismus erhalten wir keine institutionelle Förderung von Land, Landkreis und Stadt und müssen jedes Jahr Projektmittel einwerben, so dass wir keine Planungssicherheit haben“, kritisiert die Museumsleiterin. Das finanzielle Risiko liege allein beim Trägerverein mit Konsequenzen auch auf die unbefriedigende personelle Situation: Das Haus der Geschichte wird seit Jahren ehrenamtlich geleitet, von drei festangestellten Mitarbeitern werden zwei schwerbeschädigte Kollegen über die Agentur für Arbeit gefördert. 

„Wir brauchen nicht nur einen neuen Nutzungsvertrag, sondern auch bessere finanzielle Rahmenbedingungen“, fordert Panzig, „damit der Museumsbetrieb und die Sammlungen erhalten und weiter entwickelt werden können.“ Wenn dies an der Haushaltslage der Stadt scheitern sollte, sei man gerne bereit, Museum und Sammlung der Stadt zu übereignen.




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