Stadtkirchenpfarrer Dr. Johannes Block (r.) und Jörg Bielig, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, präsentieren die neue Publikation zur „Wittenberger Sau“. Foto: Wolfgang Gorsboth

Stadtkirchenpfarrer Dr. Johannes Block (r.) und Jörg Bielig, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, präsentieren die neue Publikation zur „Wittenberger Sau“. Foto: Wolfgang Gorsboth

25.05.2020

Kunsthistoriker und Juristen zum Umgang mit einem bösen Erbe

„Wittenberger Sau“: Neue Broschüre über das Schmährelief

Wittenberg (wg). Mit einer Publikation zur sogenannten „Judensau", die an der Südostecke der Stadtkirche angebracht ist, wollen die Stadtkirchengemeinde Wittenberg, die Stiftung Leucorea und das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie zur Versachlichung einer seit vielen Jahren emotional geführten Diskussion beitragen. 

Die Broschüre vereint Vorträge zum Thema „Wittenberger Sau“ von Kunsthistorikern, Denkmalpflegern und Juristen, zu denen die Stadtkirchengemeinde 2018 eingeladen hatte, ergänzt um Beiträge des Göttinger Theologen Prof. Dr. Thomas Kaufmann, des Historikers Prof. Dr. Michael Wolffsohn sowie einen Auszug aus der Restaurierungsdokumentation des Reliefs. „Die fachliche Vielfalt der Perspektiven auf das Relief soll unser historisches Wissen schärfen“, wünscht sich Stadtkirchenpfarrer Dr. Johannes Block, „und gleichzeitig den Blick in die Zukunft lenken, wie wir das seit 32 Jahren bestehende Mahnmal unterhalb der ‚Wittenberger Sau’ weiter entwickeln können.“

Erinnern und versöhnen 

Die Auseinandersetzung mit dem Relief begann bereits im Vorfeld von Luthers 500. Geburtstag 1983, schon damals wurde eine Entfernung erwogen, schließlich entschied man sich für ein Mahnmal als Gegengewicht: 1988 wurde die „Quetschung“ genannte Metallkunstwerk von Wieland Schmiedel in den Boden eingelassen, umgeben von einer vierseitigen Inschrift des Berliner Lyrikers Jürgen Rennert. Außerdem wurde an der Stätte der Mahnung als Symbol Gottes und des Gerechten eine Zeder gepflanzt. 

„Uns ist das Thema seit vielen Jahren wichtig“, erläutert Jörg Bielig, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, „32 Jahre haben wir voller Schuld zurückgeblickt im Wissen um die nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden. Jetzt wollen wir auch nach vorne schauen und neue Formen entwickeln.“ Der jüdisch-christliche Dialog im Sinne von Vergebung und Versöhnung sowie die interreligiöse Zusammenarbeit seien weit vorangeschritten – dies soll sich im künftigen Umgang mit dem schwierigen Erbe widerspiegeln, denn der Judenhass beginne und ende nicht mit der „Wittenberger Sau“. 

Man sei sich bewusst, dass es keinen Königsweg gebe und man respektiere die Gefühle der Kritiker, die eine Abnahme des Reliefs verlangten. Allerdings habe die vor zwei Jahren eingereichte gerichtliche Klage auf Abnahme die Fronten eher verhärtet und die Stadtkirchengemeinde in eine Position gerückt, als sei sie Befürworterin oder gar Auftraggeberin der Schmähplastik. „Wir haben unsere Position der Ablehnung von Antijudaismus und Antisemitismus mehrfach deutlich zum Ausdruck gebracht“, sagt Bielig. 

Unterstützt wird die Stadtkirchengemeinde von den Denkmalschützern, die betonen, dass sich Fragen einer angemessenen Erinnerungskultur kaum juristisch lösen ließen. Überdies hätten auch bösartige Denkmale einen Wert als historisches Zeugnis. Das Relief abzunehmen und in einem Museum unterzubringen, berge auch die Gefahr einer Aufwertung, auf jeden Fall gehe der Kontext verloren. 

In seinem Vorwort betont der Vorstandsvorsitzender der Stiftung Leucorea, Prof. Dr. Ernst-Joachim Waschke, das Relief erinnere die Besucher der Lutherstadt täglich und sonntäglich die Gottesdienstbesucher „an einen der dunkelsten Flecken in der Geschichte der Christenheit.“ Diese Schande könne man nicht einfach auslöschen, mit ihr müsse man leben und sie selbstkritisch reflektieren.

Im Mittelalter galt ein Schwein als Symbol für das Böse

Das rund 700 Jahre alte Relief an der Südostecke der Stadtkirche zeigt Juden, die an den Zitzen eines Schweins saugen, während ein Rabbi dem Tier unter dem Schwanz in den Anus schaut. In der Symbolsprache des Mittelalters stand das Schwein für Laster, Sünden und das Böse schlechthin. Der Schriftzug „Rabini Schem Ha Mphoras“ wurde erst 1570 angebracht, er steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes. Er dürfte von Luthers antijüdischer Schrift „Von Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ inspiriert sein. Die Bezeichnung „Judensau“ ist keine des Mittelalters, sondern entspringt dem Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts und sollte deshalb im Kontext mit diesem Relief nicht verwendet werden. 

Hinweis: 

Die 128-seitige, großformatige Publikation „Die ‚Wittenberger Sau’ - Entstehung, Bedeutung und Wirkungsgeschichte des mittelalterlichen Reliefs der sogenannten ‚Judensau’ an der Stadtkirche Wittenberg“ kostet zehn Euro und ist im Buchhandel sowie in der Stadtkircheninformation erhältlich. Die Broschüre ist in der Reihe „Kleine Hefte zur Denkmalpflege“ als 15. Band erschienen.





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