20.04.2020

AWO-Kreisverband intensiviert in der Corona-Krise Hilfen zur Erziehung

Corinna Reinecke: „Auch der Kinderschutz ist systemrelevant!“

Wittenberg (wg). „Die Corona-Krise zeigt, dass auch Kinderschutz systemrelevant ist“, erklärt Corinna Reinecke, Geschäftsführerin der Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt (AWO), im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag, „leider fehlen einheitliche Standards, denn nur wenn die Mitarbeiter als systemrelevant anerkannt sind, können sie ihre Kinder in die Notfallbetreuung der Kitas und Schulen geben. Und wir brauchen gerade jetzt jede Kollegin, jeden Kollegen.“ 

Für Familien bedeute die Pandemie viel Stress: Soziale Distanz, gesperrte Kinderspiel- und Bolzplätze, geschlossene Kitas und Schulen, Kurzarbeit und als deren Folge finanzielle Sorgen und Zukunftsängste seien große Herausforderungen. Konflikte könnten eskalieren – auch in Familien, die bislang nicht „auffällig“ waren. „Das Thema Kindeswohlgefährdung hat an Brisanz zugenommen“, berichtet Reinecke, „aber wie erreichen wir Kinder in solchen Familien, die nicht in bestehende Hilfsangebote integriert sind?“

Es fehle die soziale Kontrolle durch Erzieherinnen, Lehrer und Schulsozialarbeiter, die bislang Fälle von Kindeswohlgefährdung dem Jugendamt melden konnten. Leider sei für manche Kinder bisher nicht das eigene Zuhause, sondern Kita oder Schule ein sicherer Ort gewesen. Auch Großeltern als Bezugspersonen für Kinder würden wegfallen, wenn sie zu den Risikogruppen gehören. Alls Konsequenz habe die AWO ihre Hilfen zur Erziehung auf 70 Familien ausgeweitet. 

Michael Werner, Leiter im Bereich Hilfen zur Erziehung: „Dass die Situation noch nicht dramatisch ist, spiegelt den bisherigen Erfolg der Arbeit freier Träger sowie des kreislichen Jugendamtes wider.“ Es könne aber „zum Knall“ kommen, wenn sich in problembelasteten Familien prekäre Situationen entwickelten. „Dort, wo die Situation kompliziert wird, stehen wir den Familien trotz Corona-Krise bei - natürlich unter Beachtung der Vorsichtsmaßnahmen“, versichert Werner. 

Die Hilfsangebote seien sowohl therapeutischer als auch sozialpädagogischer Art. Vorab werde telefonisch geklärt, ob in der Familie jemand Krankheitssymptome zeige. Manchmal könnten die Themen auch bei einem Spaziergang besprochen werden. „Entscheidend ist, den Kontakt zu den Klienten zu halten“, erklärt Werner. 

Die beiden AWO-Tagesgruppen in Reinsdorf und Gräfenhainichen hätten weiterhin geöffnet, ihre Arbeit auf eine 1:1-Betreuung umgestellt. In den Gruppen erhalten auffällig gewordene Kinder individuelle Unterstützung. Schulkinder mit besonderem Bedarf wie zum Beispiel Behinderung oder Entwicklungsverzögerungen, würden von AWO-Schulbegleitern ebenfalls betreut. 

Beratung von Schwangeren

Die Schwangerschaftsberatungsstelle der AWO in Jessen ist weiterhin telefonisch unter 03537/21 22 74 oder per E-Mail unter erreichbar. „Unsere Mitarbeiterinnen stehen nach Terminvereinbarung auch für Gespräche im geschützten Freigelände zur Verfügung“, berichtet Corinna Reinecke. In der Lutherstadt Wittenberg sichere die Diakonie die Schwangerenberatung ab. Die gesetzlich vorgeschriebene Pflichtberatung vor einem Abbruch könne jetzt auch am Telefon oder mit digitalen Medien erfolgen.

Das Frauenhaus ist geöffnet 

„Das AWO-Frauenhaus hat geöffnet, es gibt keinen Aufnahmestopp“, betont Reinecke. Mit dem Landesverwaltungsamt stehe man in Verhandlungen zur Finanzierung einer Quarantäne-Wohnung, falls betroffene Frauen am Virus erkrankt seien oder Symptome zeigten. Die Gewalt werde leider zunehmen: „Frauen haben in der häuslichen Isolation wegen der permanenten Anwesenheit eines Gewalttäters geringere Chancen, sich über Telefon oder Internet Hilfe zu holen.“ 

Dass Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) die Landesregierungen aufgefordert habe, Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen als systemrelevant einzustufen, begrüßt die AWO-Geschäftsführerin ebenso wie die Initiative der Landtagsabgeordneten Eva von Angern (Linke), im Nachtragshaushalt zusätzliche Mittel einzustellen sowie den Frauenhäusern endlich eine langfristige Finanzierungssicherheit zu bieten - bislang mussten sie Jahr für Jahr bangen, ob Land und Kommunen Gelder bereit stellen. 

Hinweis:  

Auch das Jugendamt hat seine Hilfen zur Erziehung neu strukturiert: Die Kinderschutzfachstelle ist von drei auf 20 Mitarbeitern aufgestockt worden. Die Notrufnummer des Kinderschutzes ist rund um die Uhr unter Tel.: 03491/47 94 83 erreichbar




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