Die Idylle am Schwanenteich mit dem Jugendstilkurhaus rechts und dem Kurmittelhaus links, sonst stark von Patienten und Gästen frequentiert, ist verwaist. Foto: Wolfgang Gorsboth

Die Idylle am Schwanenteich mit dem Jugendstilkurhaus rechts und dem Kurmittelhaus links, sonst stark von Patienten und Gästen frequentiert, ist verwaist. Foto: Wolfgang Gorsboth

02.04.2020

Kurdirektor Deddo Lehmann schrieb einen Brandbrief

Coronakrise: Rehakliniken könnten Akutkrankenhäuser entlasten

Bad Schmiedeberg (wg). „Fast schon resignierend müssen wir feststellen, dass die Rehabilitation weder in normalen Zeiten noch in der akuten Krisensituation in ihrer Bedeutung angemessen wahrgenommen wird“, resümiert Bad Schmiedebergs Kurdirektor Deddo Lehmann im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. Für die Akutkrankenhäuser gebe es einen – keineswegs ausreichenden – finanziellen Schutzschirm des Bundes, für die Rehabilitationskliniken jedoch nichts.

„Dies ist unerklärlich und nicht zu verantworten“, kritisiert Lehmann und betont: „Wir wollen aus der Coronavirus-Krise kein Kapital schlagen, aber unsere Fachkliniken und das erfahrene Personal sind für das deutsche Gesundheitssystem aus zwei Gründen unverzichtbar. Erstens können wir während der Corona-Pandemie die Akutkliniken entlasten und zweitens wird es auch eine Zeit nach der Krise geben, in der die Reha unverzichtbar ist.“ Letzteres vor allem vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der demografischen Herausforderungen. 

Die Einrichtungen in Bad Schmiedeberg halten 422 klinische Zimmer vor, sie dürfen derzeit aber nur Patienten zur Anschlussheilbehandlung (AHB) aufnehmen: Diese Patienten werden nach der OP zugewiesen, damit ist sichergestellt, dass die Akutbetten in den Kliniken planmäßig frei gelenkt werden. Allerdings sind alle planbaren OP’s bis auf Weiteres verschoben, so dass die Rehakliniken als unmittelbare Nachbehandler weniger Fälle haben. Normale Heilbehandlungen, klassische Vorsorgeverfahren und Kuren dürfen ohnehin nicht mehr durchgeführt werden. Dadurch sind aktuell 30 Prozent der 422 klinischen Zimmer in Bad Schmiedeberg leer, Tendenz stark steigend. 

„Das bedeutet, dass wir innerhalb kürzester Zeit große Einnahmeausfälle zu verkraften haben und gezwungen sind, die klinischen Strukturen herunterzufahren und die Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken“, schreibt Lehmann in einem Brandbrief an die 41 Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages, ähnliche Briefe wurden an Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und den Bundestagsabgeordneten Sepp Müller (CDU) adressiert. 

In den Schreiben kritisiert der Kurdirektor, dass es bislang kein Signal des Bundes an die Rehaklinikbetreiber gebe, „ob und wenn ja, in welcher Finanzierungsform eine Aktivierung der Klinikbetten in unseren Einrichtungen in Erwähnung gezogen wird.“ Wie die Akutkliniken benötigten auch die Rehakliniken einen Rettungsschirm: „Wir haben die Kapazitäten, erfahrene Ärzte und Mitarbeiter. Es kann doch nicht sein, dass wir gezwungen sind, diese Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, obwohl jede helfende Hand dringen benötigt wird.“ Ebenso unsinnig sei es, Zelte aufzubauen bzw. Patienten auf Feldbetten in Messehallen einzuquartieren - und die Einzelzimmer in der Reha stünden leer. 

Dabei könnten die Kliniken in Bad Schmiedeberg wie auch alle anderen vergleichbaren Einrichtungen in der Bundesrepublik mit ihren circa 160.000 Betten Patienten aus den Krankenhäusern zur Akutbehandlung aufnehmen, um Betten für Corona-Patienten freizumachen, auch leichte Fälle von Coronavirus-Infizierten könnten behandelt werden. „Wir verfügen über Hygiene-Pläne und unsere Ärzte und Mitarbeiter können professionell mit Infektionen umgehen“, so Lehmann. „Wir stellen uns der Pflicht, erkrankte Menschen zu versorgen und wir haben auch eine Pflicht unseren Mitarbeitern und deren Familien gegenüber.“ 

Zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Reha-Einrichtungen könnte eine Betten-Pauschale oder eine Monatspauschale in Höhe des Durchschnitts der vergangenen 12 Monate beitragen. Akutkliniken erhalten derzeit eine Pauschale von 560 Euro pro Bett und Tag, Reha-Kliniken nichts. „Wir brauchen keine großzügigen Kredite, sondern Planungssicherheit, um unsere Strukturen im Sinne der Patienten aufrechterhalten zu können“, erklärt Lehmann. 

In Bad Schmiedeberg geht es um die Zukunft von 480 Mitarbeitern, die derzeit jeden Tag per Hausmitteilung über die aktuelle Lage umfassend informiert werden: „In Krisenzeiten sorgt Kommunikation für Vertrauen und Transparenz, alles andere schafft nur Gerüchte.“ Jeden Morgen gibt es eine Lagebesprechungen mit den Chef- und Oberärzten, nachmittags mit der Geschäftsleitung. Mitarbeiter können Mehrstunden abbauen, zudem Minusstunden aufbauen. „Wir ziehen aktuell Kurzarbeit nicht in Erwägung, sondern werden alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen“, versichert der Kurdirektor. 

Die  Ausbreitung des Virus verhindern 

In den Altenpflegeheimen gab es Verdachtsfälle, die Testergebnisse waren alle negativ. Ab sofort gilt ein generelles Besuchsverbot in den Häusern: „Unsere Heimbewohner zählen zur Höchstrisikogruppe und müssen besonders geschützt werden“, betont Lehmann, „die Angehörigen zeigen dafür viel Verständnis.“ Auch Lieferanten haben keinen Zugang, sie müssen die Warensendungen vor dem Eingang abgeben. In den Kliniken wurde ein professioneller Wachdienst mit der Personenkontrolle beauftragt: alle Mitarbeiter haben Ausweise, die Patienten ebenso. 

Die Kurzzeitpflege wird derzeit nicht angeboten, um Fluktuationen so gering wie möglich zu halten, in den Pflegeheimen werden nach wie vor Bewohner aufgenommen, einige kommen direkt aus den Kliniken. Die Mitarbeitenden des häuslichen Pflegedienstes achten streng auf Hygiene, wer in diesem Bereich arbeitet, wird nicht in den Pflegeheimen eingesetzt, um Ansteckungsgefahren so gut es geht auszuschließen. 

Dass der Bund angekündigt hat, die Dokumentationspflichten zu lockern, um die in der Pflege tätigen Mitarbeitenden zu entlasten begrüßt Lehmann ebenso wie die Aussetzung der Qualitätsprüfungen: „Ich bin überzeugt davon, dass in keiner Einrichtung die Qualität leiden wird, denn wer in der Pflege tätig ist, gibt sein Bestes. Wenn die Coronavirus-Krise vorbei ist, sollte man darüber nachdenken, diese Lockerungen beizubehalten, damit die Pflegekräfte mehr Zeit für die Menschen haben.“ 

Moor und Sole: Es wird weiter investiert  

Kurhotel und Gästehäuser sind geschlossen, alle Buchungen storniert und Veranstaltungen abgesagt, das Kneipp-Therapie-Zentrum, Restaurant und die Cafeteria geschlossen, ebenso das Kurhaus und die Kurverwaltung. Trotzdem geht es weiter: Im Kurmittelhaus läuft auf zwei Etagen die bauliche Umgestaltung zur Moorerlebniswelt, die im Mai abgeschlossen werden soll, daran schließt sich die Neugestaltung der Soleerlebniswelt an, die Fertigstellung ist im September 2020 geplant. 

Am Schwanenteich wurden die Voraussetzungen für die Errichtung eines Gradierwerks geschaffen (der Wittenberger Sonntag berichtete), die Erdarbeiten werden voraussichtlich im Juni beginnen. Das 38,5 Meter lange und 5,5 Meter hohe Gradierwerk, in dem Sole über aufgeschichteten Schwarzdorn verrieselt, soll ab Spätherbst gebaut werden, die Fertigstellung ist für Mitte 2021 avisiert. Damit erschließt die Kur GmbH Salz als weiteres natürliches Heilmittel mit dem Ziel, eine neue Gesundheitsattraktion zu schaffen.





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