Franz Prinz zu Salm-Salm kritisiert das Umweltministerium des Landes wegen mangelnder Unterstützung für Wald, Waldbesitzer und Forstämter. Foto: Wolfgang Gorsboth

Franz Prinz zu Salm-Salm kritisiert das Umweltministerium des Landes wegen mangelnder Unterstützung für Wald, Waldbesitzer und Forstämter. Foto: Wolfgang Gorsboth

14.02.2020

Bericht des Forstausschusses zeichnet ein dramatisches Bild

Große Waldflächen im Kreis sind in ihrer Existenz gefährdet

Wittenberg (wg). Hitze, Dürre, Stürme, Schädlinge wie Eichenprozessionsspinner und Borkenkäfer sowie Schadpilze der Gattung Diplodia haben den Wäldern in Sachsen-Anhalt in 2018 und 2019 enorme Schäden zugefügt. Philipp Nahrstedt, neuer Leiter des Betreuungsforstamtes Annaburg und Franz Prinz zu Salm-Salm, Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes Sachsen-Anhalt, gaben für den Forstausschuss des Landkreises eine e Analyse zur Situation des Waldes im Landkreis. Von einem massiven Baumsterben ist die Rede, wie sie die Region noch nie verzeichnet habe, der Wald sei am stärksten von der Klimakrise betroffen. Der Dauerstress für Wald, Waldbesitzer und Forstbehörden gehe weiter. 

„Wir verzeichneten in 2018 bis zu 50 Prozent weniger Niederschläge, eine Situation, die es in den vergangenen 200 Jahren so nicht gab“, berichtete Prinz zu Salm-Salm. „Obwohl Sachsen-Anhalt von allen Bundesländern am härtesten betroffen ist, ist es das einzige, in dem die Schäden nicht systematisch erfasst wurden.“ Schlimmer noch: „Obwohl der Bund gemeinsam mit den Ländern 800 Millionen Euro bereitstellen will, hat sich Sachsen-Anhalt aus dem Programm verabschiedet, weil es nicht in der Lage ist die Kofinanzierung zu leisten“, kritisierte Prinz zu Salm-Salm, der den Bedarf finanzieller Hilfen für Sachsen-Anhalt auf 330 Millionen Euro beziffert. Die für die Kofinanzierung erforderlichen Gelder fehlten auch deshalb, weil das Umweltministerium Forstmittel für den ökologischen Landbau zweckentfremdet habe. 

Weil es seitens des Landes keine belastbare Erfassung und Dokumentation der Schäden gibt, hat das Betreuungsforstamt Annaburg aus der Not heraus für den Kreis ein eigenes Monitoring durchgeführt, dessen Ergebnisse mit Blick auf die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Schäden erschreckend sind. Fakt aber sei, betonte Nahrstedt, dass die gesamte Forstliche Verwaltung landesweit versagt habe, weil bis heute trotz massiver Hinweise anderer Forstämter und Forstbetriebe keinerlei Anstrengungen unternommen worden seien, die Gesamtsituation zu erfassen. 

Um einen Überblick über die Waldschäden zu erhalten, hat das Landesbetreuungsforstamt Schätzungen anhand von Schadholzeinschlägen und der festgestellten Kulturschäden vorgenommen, die Ergebnisse für die Jahre 2018 und 2019: Der Holzeinschlag beträgt mehr als eine Million Festmeter, mindestens 1.600 Hektar Wald sind durch Voranbau zu sanieren, fast 800 Hektar nach Kahlschlag dringend aufzuforsten und die Wiederaufforstung nach Kulturschäden ist auf rund 400 Hektar erforderlich – macht in der Summe knapp 2.800 Hektar Wald aus, der dringend erneuert werden müsste, das Siebenfache dessen, was vor 2018 erforderlich war. 

Katastrophaler Preisverfall 

Vor allem der Holzeinschlag, mit dem tote bzw. irreversibel geschädigte Bäume entfernt werden, hat Rekordwerte erreicht, die das Prinzip der nachhaltigen Forstwirtschaft außer Kraft setzen – bis hin zum Totalverlust der Waldbestände mit verheerenden Auswirkungen auf die Waldwirtschaft, denn aufgrund der Entwicklung sind die Holzpreise dramatisch eingebrochen. 

„Zum einen können viele, gerade kleinere Waldbesitzer die Schadflächen nicht mehr beräumen, weil sie die Kosten nicht aufbringen können“, so Prinz zu Salm-Salm, „zum anderen können bereits kahlgeschlagene Flächen nicht mehr aufgeforstet werden. Da sich für diese Flächen keine Käufer finden, kommt es zur sukzessiven Devastierung.“ Das aber habe Konsequenzen für die Schutzfunktion des Waldes, wie das Speichern und Reinigen des Wassers, die Produktion von Sauerstoff und die Erholung der Menschen – vor allem aber auf den Klimaschutz. Stillgelegte Wälder wie im Naturpark Brocken seien da keine Lösung, weil der Wirtschaftswald doppelt so viel Kohlendioxid binde: Es geht um harte wissenschaftliche Fakten, nicht um Gemütslagen!“ 

Allein nur durch die akuten Waldschäden im Kreis Wittenberg können pro Jahr 13.830 Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid nicht mehr gebunden werden. „Die Schadensgrößenordnung ist bislang einmalig und sie ist nicht abgeschlossen“, warnt Nahrstedt, „es werden in 2020 neue Schadflächen dazu kommen, damit sind große Teile der Wälder im Kreis in ihrer Existenz gefährdet.“ 

Angesichts des Ausmaßes der Schäden plädiert der Forstausschuss für ein gesamtgesellschaftliches Handeln. Es sei zu begrüßen, so Nahrstedt, dass die Aufforstungsfristen um fünf Jahre verlängert worden seien, zumal es bei Personal und Material große Kapazitätsengpässe gebe. Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, die der Gesetzgeber Investoren bei Baumaßnahmen vorschreibe, müssten künftig auch auf Sanierungsflächen in bestehenden Waldgebieten möglich sein und sich nicht auf Erstaufforstung beschränken. Hier sei der Privat- und Kommunalwald zu bevorzugen, weil dort die Finanzierungsquellen erschöpft seien. Ebenso müssten begleitende Maßnahmen zur Waldbrandvorbeugung gefördert werden. 

Hinweis

Der Kreis Wittenberg umfasst eine Fläche von 193.000 Hektar, davon sind 78.000 Hektar mit Wald bestockt, dies entspricht einem Bewaldungsprozentsatz von 40,5 Prozent. Der Kreis Wittenberg ist damit noch vor dem Harzkreis der waldreichste in Sachsen-Anhalt.




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