Dr. Nikolaus Särchen, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für psychiatrische Erkrankungen der Alexianer-Klink Bosse in Wittenberg. Foto: Wolfgang Gorsboth

Dr. Nikolaus Särchen, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für psychiatrische Erkrankungen der Alexianer-Klink Bosse in Wittenberg. Foto: Wolfgang Gorsboth

28.01.2020

Chefarzt Dr. Särchen sieht besonderen Handlungsbedarf in der Psychiatrie

Weniger Ärzte bei steigendem Versorgungsbedarf

Wittenberg (wg). „Wir verzeichnen im Landkreis Wittenberg einen dramatischen demographischen Wandel“, erklärt Dr. Nikolaus Särchen, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Alexianer-Klinik für psychische Erkrankungen der Klinik Bosse Wittenberg, im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. „Der Anteil der Älteren nimmt überproportional zu, der Anteil der Jüngeren ab.“ Schlechte Aussichten also für die medizinische Versorgung im Flächenkreis. 

Auch weil jüngere Leute abgewandert sind, werde der Altersdurchschnitt der Bevölkerung immer höher, deshalb sei mit einer weiter steigenden Inanspruchnahme medizinischer Leistungen zu rechnen. „Gleichzeitig wird sich die Versorgung durch niedergelassene Ärzte in der Fläche weiter ausdünnen“, warnt Särchen, „zumal in naher Zukunft etliche Kollegen in den Ruhestand gehen.“ Besonders schwerwiegend sei die Unterversorgung in der fachpsychiatrischen und fachpsychotherapeutischen Versorgung alle Altersklassen betreffend: So gebe es im gesamten Land Sachsen-Anhalt nur 20 niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, fünf Landreise seien gänzlich verwaist. 

Chefarzt Särchen bezweifelt, ob die bisherigen Anreizsysteme wie Sicherstellungszuschläge und Investitionskostenzuschüsse ausreichen werden, damit junge Ärzte freiwerdende Praxen auf dem Land übernehmen, denn die neue Ärztegeneration habe hinsichtlich Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Freizeitgestaltung eine ganz andere Erwartungshaltung. 

„Dass ambulante Behandlung Vorrang vor der stationären Behandlung in einem Krankenhaus hat, ist der richtige Ansatz, dies setzt aber eine entsprechende Versorgungsdichte an niedergelassenen Ärzten voraus“, betont Särchen, „dazu müssen neue und effektive Anreizsysteme geschaffen werden wie von den Alexianern mit Erfolg in Krefeld erprobt.“ Dort würden im Rahmen eines Pilotprojektes Patienten auch von mobilen Teams zu Hause behandelt – „Home Treatment“ oder „Integrative Psychiatrische Behandlung“ genannt. 

„In der Praxis ist dieses Konzept leider nicht relevant, weil es nicht ausreichend vergütet und flächendeckend angewendet wird“, kritisiert Särchen die Kostenträger, „und verschärft wird die Versorgungssituation noch dadurch, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Menschen, nur weil sie ‚stören’ in die Psychiatrie schickt.“ In Sachsen-Anhalt sei dies nicht einmal grundgesetzkonform geregelt, weil das Psychischkranken-Gesetz (PsychKG LSA) von 1994 veraltet sei: „Wir hoffen auf eine Novellierung in diesem Jahr und dass die Ergebnisse der Untersuchung der Gesellschaft für Forschung und Beratung im Gesundheits- und Sozialbereich (FOGS) einfließen werden.“ 

In ihrer Sachsen-Anhalt-Studie kommt FOGS zu dem Ergebnis, dass Patienten in der Fläche kein ausreichendes Netz von Hilfsangeboten finden und dass es in den Kommunen zu wenige niederschwellige Angebote gebe. Chefarzt Särchen, der an dieser Studie mitwirkte, begrüßt, dass im Zuge der Novellierung Psychiatrie-Koordinatoren, Patientenfürsprecher und gemeindepsychiatrische Verbünde eingeführt werden sollen und bescheinigt dem federführenden Sozialministerium eine „gute und konstruktive Arbeit.“ 

Mit der FOGS-Studie gebe es erstmals seit 22 Jahren eine detaillierte Übersicht über die in Sachsen-Anhalt vorhandenen psychiatrischen Strukturen und notwendige Handlungsbedarfe im Hinblick auf demografische und regionale Entwicklungen. Die Studie ist auf den Seiten des Ministeriums unter https:// lsaurl.de/CUeQ einsehbar. Zur Novellierung des PsychKG liegen ein Referenten-Entwurf sowie ein Kabinettsbeschluss vor, nun muss der Landtag mit seinen Ausschüssen beraten.




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