18.01.2020

Wittenberger Sonntag liest die Allgemeine Zeitung Mainz

Bauern-Proteste: Verzweifelte Lage

Mainz (ots) Da rollen sie wieder: Die Kraftmeier auf ihren Kraftpaketen. Deutschlands Bauern lassen ihre Muskeln spielen. Eine Zumutung? Ach wo. Ein Fliegenschiss gegen die brachiale Protestkultur der Franzosen. Dagegen könnten die Treckerparaden auf Deutschlands Straßen von John Deere, Case und Fendt gesponsert sein - deutsches Demo-Biedermeier. Immerhin aber ist es den Bauern gelungen, die Öffentlichkeit auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. 

Mit einem Mal schleicht sich in unsere entfremdete Ernährungsweise wieder die romantische Vorstellung vom Landbau ein. Vergessen sind Billigfleisch und Fertigpizza, vergessen unsere sündhaft hohe Wegwerfquote an Lebensmitteln. Die erste Adresse der Bauernproteste müssten eigentlich wir Verbraucher sein. 

In vielem haben die Bauern ja recht. Soll das Höfesterben so weitergehen? Wollen wir kolchoseartige Strukturen statt bäuerlicher Betriebe? Bitte nicht.

Das Problem ist nur, dass die Bauern nicht das bekommen dürfen, was die meisten von ihnen fordern. Kein Aussetzen einer schärferen Gülleverordnung - in vielen Regionen ist die Nitratbelastung im Grundwasser nun einmal deutlich zu hoch. Nicht die Glyphosat-Nutzung fortschreiben: Wenn es um das Insekten- und Vogelsterben geht, muss für den Ausstieg der qualifizierte Verdacht ausreichen. Nicht noch höhere Subventionen - 60 Milliarden Euro pro Jahr gibt die EU bereits jetzt zur Unterstützung der Landwirtschaft aus. 

Wann also machen wir endlich eine Landwirte-Politik statt Landwirtschaftspolitik? Landwirte-Politik hieße, Familienbetriebe zu stärken und nicht durch Gießkannen-Politik den Trend zu immer größeren Betrieben auch noch anzufachen. Landwirte-Politik hieße, verbindliche Qualitäts- und Tierwohlstandards auch für Importe festzuschreiben. Landwirte-Politik hieße, Landschaftspflege endlich zu einer tragenden Einnahmesäule der Bauern zu machen. 

Frage an die Bauern, bevor sie an die Decke gehen: Was denken Sie, was Ihre Väter und Großväter in diesen Zeiten von der Politik gefordert hätten?





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