Mobbing kann jedes Kind treffen, die Folgen sind für die Betroffenen gravierend. Foto: Fotolia

Mobbing kann jedes Kind treffen, die Folgen sind für die Betroffenen gravierend. Foto: Fotolia

03.10.2019

Kinderschutz-Fachtag am 9. Oktober in der Wittenberger Leucorea

Bei Mobbing in der Schule: Hinsehen, nachfragen, handeln

Wittenberg (wg). Für viele Kinder und Jugendliche bedeutet Schule erwartungsvolle Anspannung, Hoffnung, Aufregung, und für 14 Prozent von ihnen pure Angst – das ist die statistische Zahl an jungen Menschen, die im Lauf ihrer Bildungskarriere von Mobbingerfahrungen betroffen sind, und zwar gravierend. „In neun von zehn Klassenzimmern und auf allen Schulhöfen Deutschlands spielen sich tagtäglich Dramen ab, die kaum jemand sieht“, berichtet Joachim Perlberg, Leitender Oberarzt der Salus Tageskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie Wittenberg und Dessau-Roßlau, im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag.

 Ausgrenzen, diffamieren, bloßstellen sind die typischen Mobbing-Methoden bis hin zur Anwendung physischer Gewalt. Für Perlberg hat dies auch eine politische Dimension: „Wir erleben eine Renaissance des Rechts des Stärkeren. Auch Populisten setzen auf Stärke, Kampf und Verteidigung gegen alles, was anders und fremd ist. Kinder übernehmen oft unbewusst Einstellungen von erwachsenen Bezugspersonen, das bildet den Nährboden dafür, dass Schwächere, Fremde, Andersartige ausgegrenzt werden.“ 

Mobbing löst bei Betroffenen schwerwiegende Folgen aus, Perlberg nennt Depressionen, Angststörungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, psychosomatische Beschwerden, Selbstverletzungen, manchmal ernsthafte Suizidversuche. Mobbing schadet auch den Tätern, den sogenannten „Bullys“, denn sie handeln nur aus vermeintlicher Überlegenheit, die keine wirkliche Stärke bedeutet. „Viele von ihnen kompensieren ihre eigenen Minderwertigkeitsgefühle durch offene oder verdeckte Gewalt, und diese Gefühle bleiben bestehen oft lebenslang“, so Perlberg. 

Das erste und wichtigste bei Mobbing ist: Hinsehen, Nachfragen, wirkliches Interesse zeigen. Den Betroffenen ebenso nahe sein wie denen, die solche Aggressionen begehen oder die „nur“ zusehen. Im Umgang mit dem „Bully“ habe sich der „No Blame Approach“ bewährt. „Ein verstehender Interventionsansatz“, erläutert Perlberg. So sollen die Täter, statt vor der Öffentlichkeit nur verurteilt und abgewiesen zu werden, sich aktiv mit ihrem Handeln auseinandersetzen. „No Blame“ sei keine verweichlichte Kuschelpädagogik, sondern die bestmögliche Vorbeugung einer unendlichen Spirale von Gewalt, die Täter sonst geradewegs bis ins Gefängnis führe. Sie müsse im Klassenzimmer und manchmal schon im Kindergarten beginnen. 

„Selbstverständlich muss es Menschen geben, die auch mit deutlichen Worten und Handlungen dafür sorgen, dass jede Form von Gewalt gestoppt wird und Mobbingerfahrungen genau aufgeklärt werden“, betont Perlberg. Die einwöchige Suspendierung vom Schulunterricht, die momentan die Regel bei erheblichen Schulpflichtverletzungen und Störungen der Hausordnung sei, reiche keinesfalls. Es braucht souveräne Erwachsene, die ansagen, wo die Grenze ist und die sich nicht an der Nase herumführen lassen. 

„Alle Erwachsenen brauchen eine intensive Auseinandersetzung mit ihren Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, von Gewalt und wirksamer Hilfe, nicht nur im Fall von Mobbing“, erläutert Perlberg. „Wer sich aber selbst als unwirksam erlebt, nicht genug gehört zu werden glaubt oder ein autoritäres Verständnis von Gehorsam statt demokratischer Überzeugungen mit sich herumschleppt, wird die Situation niemals richtig beurteilen oder seine Möglichkeiten falsch einschätzen.“ Und welche Schule schicke ihr Lehrpersonal regelmäßig auf Fortbildungen zum Thema Mobbing, Cybermobbing oder Gewalt an der Schule? 

Fachtag für Kinderschutz 

Hier setzt der Kinderschutz-Fachtag an, der sich an Lehrer, Erzieher, Hebammen, Ärzte, Sozialpädagogen, Psychologen sowie interessierte Eltern wendet. 

Die Teilnehmer können viel über „Mobbing im Alltag von Kindern und Jugendlichen“ erfahren. „Außer dem Mobbing selbst und unserer individuellen Reaktion geht es hier auch um Gewaltprävention, Deeskalation, Konfliktlösungsmöglichkeiten, Medienkonsum und Methodenarbeit“, berichtet Perlberg. 

Wenn die Probleme allein nicht gelöst werden können, stehen Beratungsstellen und Schulpsychologen zur Verfügung, bei größeren psychischen Problemen oder Traumatisierungen kann eine psychiatrische Behandlung oder Psychotherapie erforderlich werden. Perlberg: „Als Eltern und Pädagogen sollten wir unseren Kindern nahe sein und auf ihre teils verborgenen Signale achten, ohne sie zu bevormunden. Das verhindert lebenslange Opfer-Karrieren und macht unsere Gesellschaft stark. So wird die Schule wieder zu einem guten Ort des Lernens und der Vorbereitung auf das Leben, denn: Hirn will Arbeit, nicht Angst. Wir alle werden davon profitieren.“ 

Hinweis 

Die Anmeldung zu dem Fachtag am 9. Oktober von 8.30 bis 16 Uhr erfolgt über oder Tel.: 03491/479 543. Die Teilnahme ist kostenlos.

Joachim Perlberg hält um 9.30 Uhr ein Referat zum Thema „Kita und Schule als Kristallisationsorte von Konflikten“ mit anschließender Diskussion. 

Um 11.15 und 14 Uhr beginnen je vier Workshops, so dass alle Teilnehmer zwei absolvieren können, die Themen unter anderem: „Mobbingerfahrungen in Klassenzimmer, Schulhof und soziale Medien“ (Perlberg, Hanna Kristof); „Ich geh da nicht mehr hin“ – das System Schule als potentielle Kindeswohlgefährdung (Claudia Köhler, Detlev Zinke, IB-Beratungsstelle „Enter“); „No Blame Approach“ (Xenia Winziger, Fairaend Köln); Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen/Cybermobbing (Medienpädagogin Jacqueline Hain).




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