16.09.2019

Wittenberger Sonntag liest die Mittelbayerische Zeitung

Algorithmen verändern nicht die Zukunft - sie beherrschen bereits unsere Gegenwart.

Regensburg (ots) Bilanzen, Handelskonflikte, Aktienkurse oder eine Zinsentscheidung wie die der EZB vergangene Woche - was prägt unsere Wirtschaft? Nach welchen Logiken funktioniert das Wirtschaftssystem? Kluge Köpfe denken wirtschaftliche und soziale Entwicklung zusammen. 

Auf der Frankfurter Buchmesse wird man auf solche Denker stoßen. Denn dort wird das beste Wirtschaftsbuch des Jahres mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet. Verdient hätten diesen Preis Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt, die mit "Wir und die intelligenten Maschinen" zu den Finalisten gehören. Sie beschreiben die "algorithmische Gesellschaft" - nicht in der Zukunft, sondern in der Gegenwart. 

Längst sollte über eine Art neuen Gesellschaftsvertrag im Zeitalter der künstlichen Intelligenz gestritten werden. Aber die allzu oft lahmende Digitalrepublik Deutschland hinkt nicht nur beim Glasfaserausbau, sondern auch bei der Debatte über soziale Folgen und Gestaltungsfragen beim Megathema KI hinterher.

Laut einer Bertelsmann-Umfrage, die Dräger und Müller-Eiselt zitieren, weiß nur ein Zehntel der Deutschen, wie Algorithmen in etwa funktionieren. Dabei durchdringen sie unser Leben. In Teilen Berlins werden etwa Grundschulplätze seit einigen Jahren algorithmengestützt vergeben. 

Es gibt Fälle, da wird die Datenanalyse zu einem Vorteil für die Gesellschaft. Man denke an Kriminalitätsprognosen, bei denen anhand von Daten über Bebauung, Demografie, Wetter und Verkehrslage die Wahrscheinlichkeit für Einbrüche berechnet werden kann. Aber Künstliche Intelligenz steckt auch voller Tücken. 

Die Mathematikerin Cathy O'Neil macht sich schon länger Gedanken über "Mathezerstörungswaffen". Damit ist nicht gemeint, dass Algorithmen die Mathematik zerstören, sondern sie benutzen sie. Sie durchforsten riesige Datenmengen auf der Suche nach Mustern, auf die sie Vorhersagen gründen: darüber, ob ein Bankkunde einen Kredit zurückzahlen wird, ob ein Bewerber für einen Job geeignet ist oder wie Arbeitskräfte am wirkungsvollsten eingesetzt werden können.

Algorithmen stellen gefühllos Berechnungen an. Für sie spricht, dass sie, wenn sie gut programmiert sind, zu ehrlichen Ergebnissen kommen. Zahlen lügen nicht, sagt man. Andererseits sind Algorithmen einfach nur berechnend, stets auf ein Ziel bedacht, das oft genug darin besteht, menschliche Fehler zu erkennen. Geschähe das auf transparente Art, wäre das wohl noch hinnehmbar, aber oft bleiben die Berechnungen für den Betroffenen verborgen.

In den USA gibt es beispielsweise bereits Unternehmen, die Fotos von Bewerbern analysieren lassen. Angeblich lassen sich so Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten berechnen. Bei einer Jobabsage erfährt der Bewerber aber nicht, dass das der Grund für sein Scheitern war. Sein Leben wird von einem Algorithmus gelenkt, ohne dass er das überhaupt weiß.

Menschen weichen im Denken und Handeln ständig von der vollständigen Vernunft ab. Viele Algorithmen, denen wir online begegnen, setzen da an. Es geht darum, Dinge zu vermarkten und zu verkaufen. Greift der Käufer zu, weil er entschieden hat, dass er das angebotene Produkt braucht? Viele Entwickler stecken ihre Energie jedenfalls gerade nicht in die Lösung von Menschheitsproblemen, sondern vor allem in die Programmierung solcher Anwendungen, die menschliche Schwachstellen ausnutzen. 

Ausgefeilte Verkaufsstrategien sind kein neues Phänomen. Genauso wenig wie Automatisierung. Insbesondere sie wird in ihren aggressiven Ausprägungen durch Künstliche Intelligenz verstärkt. Das birgt sozialen Sprengstoff. Eine beträchtliche Anzahl von Menschen leitet ihren Selbstwert von ihrer Arbeit ab. In den meisten Industrieländern ist eine Kehrseite der KI zu spüren: die Aufspreizung in hoch bezahlte Jobs und in immer mehr schlecht bezahlte. Diese Entwicklung wird nicht erst kommen, sie läuft bereit ab. 

Um mit Algorithmen umzugehen, muss man sich klarmachen: Es geht nicht um eine düstere Zukunftsvision, sondern um die Realität.




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