14.09.2019

Wittenberger Sonntag liest das Westfalen-Blatt

Veto des Vatikans zu den Reformbemühungen der Kirche in Deutschland

Bielefeld (ots) Mein Gott, mein Gott, warum hast Du uns verlassen? Das Veto des Vatikans zu den Reformbemühungen der Kirche in Deutschland muss jeden Christen fassungslos machen. Das Gutachten der römischen Kurie ist ein Tiefschlag für den verzweifelten Kampf um Glaubwürdigkeit und hat das Zeug dazu, den Niedergang des Katholizismus in Deutschland weiter zu beschleunigen. 

Einmal mehr erweist sich Papst Franziskus nicht als der Erneuerer, den Teile der Welt gern in ihm sehen. Mit dem Verweis auf die »Einheit der Weltkirche« versucht der Vatikan den dringend notwendigen Reformprozess der Kirche in Deutschland abzuwürgen, noch bevor dieser richtig an Fahrt gewinnen kann. Überdeutlich wird: Rom ist sich selbst genug und hat die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt. Alle diejenigen, die der katholischen Kirche nie angehört oder sie längst verlassen haben, werden sich bestätigt fühlen. 

Schlimmer aber: Diejenigen, die sich (noch) als praktizierende Katholiken verstehen, die an ihrer Kirche mitunter verzweifeln und doch den Weg in die Zukunft mit ihr gehen wollen, müssen sich verraten fühlen. Denn die Probleme sind riesengroß und reichen vom Missbrauchsskandal über den Streit um den Zölibat und die Sexualmoral bis zur Rolle der Frau. 

Dass das Schreiben des »Päpstlichen Rats der Gesetzestexte« punktgenau zur Fuldaer Vorbereitungskonferenz des Reformprozesses »Synodaler Weg« bekannt wird, ist gewiss kein Zufall. Es ist ein bewusster Angriff auf die Reformbestrebungen und eine Ohrfeige für das Zentralkomitee der Katholiken. Umso bewundernswerter, dass ZdK-Präsident Thomas Sternberg sagt, man werde den »synodalen Weg« gemeinsam mit den deutschen Bischöfen fortsetzen. 

Doch die Zeichen der Zeit deuten einen anderen Weg: Schon ist erkennbar, dass die Deutsche Bischofskonferenz den Konflikt mit dem Vatikan scheut und so sämtliche Veränderungsbemühungen ad absurdum führt. Man kann nur beten, dass es Kardinal Reinhard Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, mit seinem großem Einfluss auf die römische Kurie gelingt, daran noch etwas zu ändern. Dabei steht Marx auch persönlich unter Druck, hatte er doch jüngst erst eine regionale Lockerung des Zölibats ins Gespräch gebracht. Nun sieht es aber so aus, dass sich im Machtkampf der deutschen Bischöfe einmal mehr das erzkonservative Lager um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki durchsetzt. 

Die Kirche sei »nicht demokratisch strukturiert« heißt es in dem Gutachten vielsagend. Doch das kann keine Begründung dafür sein, dass dem Vatikan die ihm anvertrauten Gotteskinder egal werden. Bleibt die römische Kurie jedoch bei ihrer Haltung, macht sie die katholische Kirche in Deutschland früher oder später überflüssig.




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