Susanne Göbel, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes, vor dem Plakat „Der schwierige Patient“, in dem die mit einem Preis bedachte Arbeitsweise der interdisziplinären Fallkonferenzen dargestellt wird. Foto: Wolfgang Gorsboth

Susanne Göbel, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes, vor dem Plakat „Der schwierige Patient“, in dem die mit einem Preis bedachte Arbeitsweise der interdisziplinären Fallkonferenzen dargestellt wird. Foto: Wolfgang Gorsboth

16.07.2019

Mit dem Pilotprojekt „Fallkonferenzen" kranken Menschen helfen

Über den Umgang mit „schwierigen Patienten“

Wittenberg (wg). Muss erst etwas Schlimmes passieren, damit endlich etwas unternommen wird? „Dieser Satz fällt häufig bei spannungsgeladenen Situationen wie psychiatrischen Notfällen“, berichtet Susanne Göbel, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Fachdienst Gesundheit, im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag.

Weil die Fälle sowohl fachärztlich, als auch juristisch schwer einzuschätzen sind, gibt es im Kreis Wittenberg interdisziplinäre Fallkonferenzen, ein in Sachsen-Anhalt einmaliges Pilotprojekt, das auch in ganz Deutschland Beachtung findet und auf dem Bundeskongress der Öffentlichen Gesundheitsdienste eine Auszeichnung erhalten hat. 

Der Gesetzgeber hat hohe Hürden definiert, damit jemand nach dem „Gesetz über Hilfen für psychisch Kranke und Schutzmaßnahmen des Landes Sachsen-Anhalt“ (PsychKG) gegen seinen Willen zwangseingewiesen werden kann: „Die freiheitlichen Persönlichkeitsrechte sind ein hohes Gut und stehen unter besonderem Schutz des Gesetzgebers“, betont Göbel, „in den vergangenen Jahren wurden die gesetzlichen Hürden sogar noch erhöht.“ 

2018 wurden im Landkreis Wittenberg 44 Männer und 24 Frauen vorläufig zwangsuntergebracht, 19 Männer und 13 Frauen nach Gerichtsbeschlüssen langfristig. Dabei geht es um Personen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung eine Gefahr für sich selbst oder für andere darstellen können. 

Ist aggressives Verhalten aufgrund einer schizophrenen Psychose allein ausreichend für eine Zwangseinweisung? „Fachärzte und Juristen haben da oft eine unterschiedliche Sicht“, bestätigt Göbel. Mit der Zwangsunterbringung allein sei es ohnedies nicht getan, es gehe immer um die Frage, was für den Patienten zielführend sei. 

In den Konferenzen werden konkrete Einzelfälle unter strikter Wahrung der Anonymität besprochen, Gastgeberin ist die Klinik Bosse, dort treffen sich mehrmals im Jahr Vertreter der Klinik und des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes mit Vertretern der Polizei, des Amtsgerichtes, des Ordnungsamtes, der Betreuungsbehörde sowie Notärzten und gesetzlichen Betreuern. 

„Gemeinsam wird besprochen, wie mit einem psychisch Kranken in einer besonders schwierigen Situation umgegangen werden soll“, erläutert die Fachärztin für Psychiatrie. Inzwischen ist bei allen Beteiligten ein Wissenspool entstanden über Besonderheiten, Probleme und Arbeitsaufträge sowie Zielsetzungen der beteiligten Helfersysteme. Klemmte es in der Vergangenheit bisweilen in der Kooperation zwischen den Behörden und Institutionen, so konnte diese durch Multiprofessionalität verbessert werden. 

Oberstes Ziel ist immer der Patient, weshalb es im Ergebnis um die Entwicklung individueller Hilfsangebote geht, um die Folgen der akuten Erkrankung abzumildern. „Wir sehen uns als Anwälte psychisch Kranker“, betont Göbel und verweist auf den Fall eines jungen Mannes, dessen Verhalten sich plötzlich veränderte, verbunden mit dem Verlust der Arbeit, außerdem trennte sich die Lebenspartnerin. „Für eine Zwangseinweisung, gar eine Zwangsbehandlung lagen keine Voraussetzungen vor, trotzdem haben wir auf der Konferenz den Fall besprochen, um niederschwellige Angebote zu entwickeln“, berichtet Göbel, „der Patient sollte seine Existenzgrundlagen nicht völlig verlieren.“

Heimplätze sind Mangelware 

Ein zunehmendes Problem stellen Patienten mit Demenz dar, weil es zu wenige geeignete Heimplätze gibt. Der erst vor wenigen Tagen veröffentlichte Bericht „Bestandanalyse, Prognose und Handlungsempfehlungen zur Versorgung von psychisch Kranken und seelisch behinderten Menschen im Land Sachsen-Anhalt“ weist im Kreis Wittenberg nur 64 Plätze aus für Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen. 

Auch häusliche Pflegedienste, Hausärzte sowie Plätze für die Nachbetreuung nach einem Klinikaufenthalt fehlen, wenn der Demenzpatient nicht zurück ins häusliche Umfeld kann. Vielen Altenpflegeheimen fehlen geeignete Stationen. Zudem wird es immer schwieriger, Berufsbetreuer zu finden, derzeit werden im Kreis Wittenberg auch welche aus Bad Düben eingesetzt. 

Hinweis 

Der Sozialpsychiatrische Dienst bietet ab sofort auch Sprechzeiten in seiner neuen Außenstelle in Coswig, Puschkinstraße 38, jeden Donnerstag von 8.30 bis 12 Uhr an. Termine können unter Tel.: 03491/479 378 vereinbart werden.




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