Dr. Reinhild Hugenroth, Leiterin der Landesnetzwerkstelle Alphabetisierung und Grundbildung, engagiert sich im Wittenberger Kreistag und künftig auch im Stadtrat auch in der Kommunalpolitik. Foto: Wolfgang Gorsboth

Dr. Reinhild Hugenroth, Leiterin der Landesnetzwerkstelle Alphabetisierung und Grundbildung, engagiert sich im Wittenberger Kreistag und künftig auch im Stadtrat auch in der Kommunalpolitik. Foto: Wolfgang Gorsboth

08.07.2019

6,2 Millionen Bürger können nicht ausreichend lesen und schreiben

LEO-Studie: Fehlende Grundbildung grenzt die Menschen im Alltag aus

Wittenberg (wg). „Demokratie lebt von Teilhabe und Beteiligung“, betont Dr. Reinhild Hugenroth, Leiterin des Landesnetzwerkes Alphabetisierung und Grundbildung Sachsen-Anhalt. Die Redaktion des Wittenberger Sonntag sprach mit der promovierten Bildungssoziologin über die neue, zweite große Studie „LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität“, die 2019 von der Universität Hamburg vorgestellt worden ist und die gegenüber der LEO-Studie von 2010 einige Veränderungen aufweist. „LEO“ steht für „Level One“. 

Waren 2010 noch 7,5 Millionen Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren (14,5 Prozent) von geringer Literalität betroffen, so sind es in der neuen Studie 6,2 Millionen Menschen(12,1 Prozent), deren Lese- und Schreibvermögen auf einem der drei untersten Kompetenzniveaus liegt, die nicht für eine volle berufliche, gesellschaftliche und politische Teilhabe ausreichen. 

Lesen und Schreiben sind Schüsselqualifikationen für die Arbeitswelt und für gesellschaftliche Teilhabe. Meinungsfreiheit basiert auf Informationsfreiheit, wer Informationen nicht wirklich verarbeiten kann, kann sich auch nicht fundiert eine Meinung bilden. „Fehlende Grundbildung ist daher immer auch eine Gefahr für die Legitimationskraft des demokratischen Gemeinwesens“, betont Hugenroth. So ist belegt, dass Menschen mit geringer Grundbildung sich weniger für politische Zusammenhänge interessieren und sich deutlich weniger ehrenamtlich oder in Vereinen engagieren. 

Gering literalisierte Erwachsene – dieser Begriff hat den des funktionalen Analphabeten ersetzt, weil er zutreffender und weniger stigmatisierend ist – sind oft als Hilfskräfte ohne soziale Aufstiegschancen tätig, sie nehmen meist nicht an Fort- und Weiterbildungen teil, ihr Leben ist mit Ausgrenzungen und großen Unsicherheiten im Alltag verbunden. 

„Es steht zu befürchten, dass gering Literalisierte zu den Verlierern der Digitalisierung gehören werden“, warnt Hugenroth. Betroffene nutzen viel seltener einen Computer mit Internetzugang, sie können deshalb weder E-Dienstleistungen nutzen, noch sich wichtige Informationen zu Themen wie Gesundheit und Verbraucherschutz aus dem Netz ziehen. Weil im Zuge der Digitalisierung schriftliche Arbeitsanweisungen zunehmen, dürften selbst Hilfskräfte zunehmend Probleme bekommen. „6,2 Millionen gering Literalisierte sind dramatisch für eine Wissensgesellschaft, in der immer weniger Hilfsarbeiter und immer mehr spezialisierte Fachkräfte benötigt werden“, so Hugenroth. 

Da der Lese- und Schreibfähigkeit große Bedeutung zukommt, fürchten die betroffenen Menschen die soziale Stigmatisierung und versuchen, Situationen zu vermeiden, in denen schriftsprachliches Handeln nötig wird. Häufig werden dabei Strategien wie Täuschung (Brille vergessen, Arm gebrochen, Finger verstaucht) und Delegation („Mach du das mal“) genutzt.

Die Alpha-Level

Die neue Level-One-Studie der Universität Hamburg offenbart, dass 0,6 Prozent (2010 ebenfalls 0,6 %) der Erwachsenen nur einzelne Buchstaben kennen (Alpha-Level 1). 3,4 Prozent (2010: 3,9 %) oder 1,7 Millionen Menschen sind nur in der Lage, einzelne Wörter zu lesen und zu schreiben, wobei diese Buchstabe für Buchstabe zusammengesetzt werden (Alpha-Level 2). 8,1 Prozent (2010: 10 %) oder 4,2 Millionen Menschen können einzelne Sätze lesen und schreiben, sie scheitern aber beim Verständnis selbst kleinerer Texte (Alpha-Level 3). 

Auf die ersten drei Level entfallen mithin 6,2 Millionen Menschen, weitere 10,6 Millionen Menschen oder 20,5 Prozent (2010: 25,9 %) gehören zur Gruppe Alpha-Level 4, das heißt, sie weisen eine auffällig fehlerhafte Rechtschreibung auch bei einfachem Wortschatz auf, nicht einmal das Grundschulniveau Klasse 4 wird hinreichen beherrscht. Es handelt sich dabei nicht um Geflüchtete, sondern um Muttersprachler. 58,4 Prozent der Betroffenen sind Männer, 41,7 Prozent Frauen, 22,3 Prozent haben keinen Schulabschluss, 40,6 Prozent einen niedrigen Abschluss. 

Die Verbesserungen bei Alpha 3 und Alpha 4 sind zum Teil auf neue Lernangebote zurückzuführen, die im Rahmen der 2016 vom Bundesbildungsministerium und der Kultusministerkonferenz ausgerufenen „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ realisiert werden, dafür stehen bis 2026 rund 180 Millionen Euro zur Verfügung. Auch die Demographie ist mitverantwortlich: Immer mehr junge Leute, die in das Untersuchungspanel der 18- bis 64-jährigen Erwachsenen rücken, haben einen höheren Schulabschluss, während gerade ältere, die von geringer Literalität betroffen sind, aus der Statistik herausfallen. 

Das Landesnetzwerk

In Sachsen-Anhalt sind circa 200.000 Menschen betroffen, hier engagiert sich das von Hugenroth geleitete Netzwerk für Alphabetisierung und Grundbildung: „Die Schwellenangst, die Scham ist sehr hoch, deshalb geht es auch darum, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren und es zu enttabuisieren.“ Ganz oben auf der Agenda stehe die Öffentlichkeitsarbeit, Multiplikatoren und Entscheider in Unternehmen, Behörden, Verbänden und Institutionen sollen auf das Thema aufmerksam gemacht werden.

Mit dezentralen Projekten, für die bis 2020/21 rund sieben Millionen Euro EU-Mittel bereit stehen, sollen passgenaue Angebote in den Bereichen Arbeit, Familie und Alltag, Gesundheitsgrundbildung und finanzielle Grundbildung entwickelt werden. Bei letzterem geht es um Themen wie Online-Banking, Überweisungen tätigen oder das Führen eines Haushaltsbuchs. 

„Es geht darum, Menschen mit geringer Literalität das Leben zu erleichtern“, erklärt Hugenroth, „das fängt bei den Audioguides in Museen an, die auch Angebote in einfacher Sprache beinhalten müssen und endet bei verständlichen Beipackzetteln für Arzneimittel.“ Noch in diesem Jahr werde es, wie vom Landtag beschlossen, ein Landesprogramm zur Alphabetisierung und Grundbildung geben, derzeit würden die Richtlinien erarbeitet.

Mitte Juni fand in Magdeburg der von der Netzwerkstelle organisierte dritte Fachtag statt, dabei wurde die aktuelle LEO-Studie vorgestellt, unter anderem konnte Prof. Dr. Anke Grotlüschen von der Universität Hamburg als Referentin begrüßt werden, maßgebliche Autorin der Studie.





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