Die Referenten Sven Kröber, Miriam Kuhnke, Dietmar Kokott, und Titus Lindl (v.l.n.r.) sowie Stephan Zöllner (2.v.r.), Leiter der Bethel-Begegnungsstätte. Foto: Wolfgang Gorsboth

Die Referenten Sven Kröber, Miriam Kuhnke, Dietmar Kokott, und Titus Lindl (v.l.n.r.) sowie Stephan Zöllner (2.v.r.), Leiter der Bethel-Begegnungsstätte. Foto: Wolfgang Gorsboth

10.06.2019

Dietmar Kokott: „Wer glaubwürdig sein will, muss den Dialog suchen“

19. Wittenberger Gespräche zum Thema Führungskultur

Wittenberg (wg). Mitdenken, mitgestalten, eigene Ideen einbringen: In einer gelebten Dialogkultur werden gemeinsam Erkenntnisse gewonnen und Lösungen entwickelt. Dialog benötigt Kernkompetenzen und klar definierte Prozesse, er öffnet Räume, um die Potenziale der Mitarbeiter zu Entfaltung zu bringen: „Dialogkultur ist unverzichtbarer Teil einer erfolgreichen Führungskultur“, erklärte Dietmar Kokott beim 19. Wittenberger Gespräch im Malsaal der Cranach-Stiftung.

Kokott, ehemaliger Globaler Personalchef bei BASF SE und Mitglied im Kuratorium des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik (WZGE), war zum zweiten Mal Gast der von der Bethel-Begegnungsstätte organisierten Wittenberger Gespräche. „Dialogische Führung ist keine Quasselveranstaltung, sondern eine zielgerichtete Interaktion“, betonte der frühere Manager. Voraussetzungen seien die Bereitschaft zum substanziell fundierten Dialog sowie die Fähigkeit, auch außerhalb eigener bevorzugter Denkweisen zu denken und zu handeln. 

Autoritäre und ideologiebasierte Führung führe zwangsläufig in den Ruin – Staaten (wie Venezuela, Nordkorea, Syrien und andere Militärdiktaturen aktuell zeigen) ebenso wie Unternehmen. Die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft (Klimawandel, Mobilität, Digitalisierung, demographischer Wandel, bezahlbares Wohnen) erfordern nach Ansicht Kokotts eine dialogisch ausgerichtete Vorgehensweise nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Politik und Gesellschaft: „Die Europawahl hat drastisch gezeigt, dass es einen massiven Vertrauensverlust der jungen Menschen in die politisch Handelnden gibt.“ 

Kritik übte Kokott an den Sonntagsreden und Talksshow-Statements der Politiker, deren Inhalte sehr wenig mit Fakten zu tun hätten, umso mehr mit PR-Tricks, die gezielt Emotionen ansprächen. Insbesondere die junge Generation müsse verstärkt an sogenannte „Bottom-up-Prozesse (von unten nach oben) beteiligt werden, „denn deren Zukunft hängt davon ab, dass die heutigen Entscheider aus Politik und Wirtschaft Top-down die richtigen Weichenstellungen zügig einleiten“, erläuterte Kokott, „die Freitagsdemos sind ein wichtiges Signal zum Handeln.“ 

Die Probleme der Gegenwart und Zukunft seien ohne Dialogkultur nicht lösbar, Dialoge müssten auf der Basis von Fakten zu Lösungen führen, allzu oft werde die vermeintliche Wahrheit jedoch von emotional und ideologisch geprägten Meinungen abgeleitet. Man brauche „Handelnde mit Gewissen“, denen man vertraue. Und diese müssten erfolgreich sein, „indem sie sich in die schmerzhaften Entscheidungsprozesse einer demokratischen Gesellschaft und in die Niederungen der Komplexität einbringen.“ Sonst bestehe die Gefahr von populistischen Schnellschüssen mit der Folge, dass die Gesellschaft in die falsche Richtung renne. 

Wo Fakten und Meinungen über Fakten aufeinanderprallen, vermischen sich Machbarkeitsvorschläge und Wunschdenken, wie sie für eine wohlhabende, saturierte Gesellschaft wie die Bundesrepublik typisch seien: „Zwar wird die heile Welt gefordert, aber fast niemand ist individuell zum Verzicht bereit.“ Und auch die international zum geflügelten Wort gewordene „German Angst“ spielt eine Rolle: „Keiner Nation geht es so gut wie Deutschland, aber nirgendwo ist die Angst vor der Zukunft mit Blick auf Veränderungen größer.“ Diese diffusen Ängste könnten notwendige Innovationen verhindern und damit den Wohlstand gefährden. 

Ob Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – Dialogkultur zielt darauf ab, Kreativität Raum zu geben und die Vielfalt an Meinungen zu einem schlüssigen Ergebnis zu führen, damit sich die beste Idee durchsetzt. Dialogkultur erfordert weniger Hierarchiestufen und sie erfordert eine ausgeprägte Vertrauenskultur, verbunden mit einem ethischen Kompass, wie dieser von der WZGE entwickelt wurde: „Kein Unternehmen wird langfristig überlebensfähig sein, wenn es nicht ein stabiles Wertegerüst hat, das in allen Situationen ein tragfähiges Fundament einer Führungskultur ist.“ 

Senfmühle & Konfi-Camps 

Unter dem Motto „gemeinsam Wandel gestalten“ will der noch junge Verein Merk mal e.V. Menschen Mut machen für eine Zukunft in der Region. Mit der Senfmühle in der Dübener Heide wurde ein regionaler Lern- und Impulsort für nachhaltige Entwicklung auf dem Land geschaffen. „Wir wollen Leute zusammenbringen, die sich sonst nie begegnen würden“, beschreibt Vereisvorsitzender Sven Kröber das Anliegen, Menschen und Initiativen für einen selbstbestimmten Wandel in der Region zu gewinnen. 

Miteinander voneinander lernen, Brücken bauen zwischen den Generationen, Gestaltungsfreiräume schaffen, zu Aktionen und Taten anregen, Neues ermöglichen – der Verein setzt auf Dialogkultur, um im Kleinen den gesellschaftlichen Wandel zu gestalten, denn die großen Themen machen oft Angst und sprachlos. Bei den jährlichen Bau-Camps kommen junge Leute aus ganz Europa zusammen, um sich auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. 

Ein weiteres Beispiel für Dialogkultur und flache Hierarchien sind die Konfi-Camps im Norden der Lutherstadt, die Miriam Kuhnke, Projektleiterin der Evangelischen Wittenberg-Stiftung, vorstellte. In diesem Jahr sind drei Camps mit 1.300 Jugendlichen geplant, sie werden von Ehrenamtlichen aus ganz Deutschland betreut, darunter Volunteers aus 2017, die bis heute bei der Stange geblieben sind. Gearbeitet werde auf Augenhöhe und auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung. 

„Für die Jugendlichen sind die Camps eine Mischung aus religiöser Bildungsarbeit in Vorbereitung auf die Konfirmation und Festival“, berichtete Kuhnke, „für die Betreuer ist es ein großer Spielplatz, um sich in einem geschützten Raum auszuprobieren.“ Viele der in der Regel 18- und 19-jährigen Volunteers hätten am Anfang keine Vorstellungen von ihrem beruflichen Werdegang gehabt, die meisten hätten sich inzwischen für soziale Berufe und Lehramt entschieden.

Unternehmensberater Titus Lindl übernahm den Part des Advocatus diaboli und fragte, ob denn in der Parteien-Demokratie echter Dialog überhaupt erwünscht sei. „In Krisenzeiten funktioniert Dialogkultur nicht, es muss gehandelt werden, wir befinden uns längst in einer Dauerkrise“, so Lindl. Die Kluft zwischen Regierenden und Regierten scheine unüberwindbar, viele Bürger hätten den Glauben an die Kraft des Dialogs verloren. Und als Unternehmensberater wisse er, dass es Mitarbeiter gebe, die am Firmendialog gar nicht beteiligt werden wollten.




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