Andreas Wurda (r.), Leiter der Städtischen Sammlungen und Niels Seethaler mit ersten Rechercheergebnissen zu Julius Riemer. Foto: Wolfgang Gorsboth

Andreas Wurda (r.), Leiter der Städtischen Sammlungen und Niels Seethaler mit ersten Rechercheergebnissen zu Julius Riemer. Foto: Wolfgang Gorsboth

10.05.2019

Keine Hinweise auf NS-Verstrickungen

Nils Seethaler hat zur Person Julius Riemer geforscht

Wittenberg (wg). „Es werden mindestens zehn Jahre vergehen, bis die Forschungen zu Julius Riemer so weit fortgeschritten sind, dass wir gediegene, faktenbasierte Aussagen treffen können“, erklärte Andreas Wurda, Leiter der Städtischen Sammlungen, am Freitag beim Pressegespräch, in dem über den aktuellen Stand zur Provenienzforschung informiert wurde. 

Es gäbe bislang zur Person Julius Riemer und seinem Verhalten in der NS-Zeit nur einige Streiflichter, die teils unterhaltsam, teils widersprüchlich seien: „Allen gemeinsam ist, dass sie nur auf Hörensagen beruhen und nicht auf überprüfbaren Quellen. Wir werden nur gesicherte Erkenntnisse an der Medienstation in der Ausstellung ‚Riemers Welt’ veröffentlichen.“ 

Dort informiert der Monitor aktuell darüber, dass die Stadt einen Antrag beim Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste zur Förderung der Provenienzforschung gestellt hat. „Wir werden an den Vorstudien anknüpfen, die Enrico Heitzer in den Jahren 2010 bis 2012 durchgeführt und auf 200 Seiten in einem Abschussbericht für die Stadt festgehalten hat“, so Wurda. 

Riemer, der „unzuverlässige Demokrat“ 

Zur Person Julius Riemer und der Sammlung hat auch Nils Seethaler in Archiven in Deutschland und den USA recherchiert, der Berliner Ethnologe und Politikwissenschaftler ist Mitglied des Freundeskreises Julius-Riemer-Sammlung e.V. und präsentierte am Freitag erste Ergebnisse, die offensichtlich denen widersprechen, die unlängst der Berliner Publizist Mathias Tietke öffentlich machte. 

Seethaler hat vor allem untersucht, wie die Nazis Julius Riemer eingeschätzt hatten und fand unter anderem einen Brief vom Emil Stürtz, Gauleiter der Mark Brandenburg, in dem Riemer als „Demokrat“ und „politisch unzuverlässig“ bezeichnet wird, außerdem zeige er keinerlei Interesse an der NS-Ideologie. Riemer sei als Landesgruppenleiter im Reichsverband der Höhlenforscher völlig ungeeignet.

„Der Verein für Höhlen- und Karstforschung war für die Nazis vor allem aus kriegstechnischen Gründen von großem Interesse“, erläuterte Seethaler. Präsident des Vereins war nach dessen Gleichschaltung in das SS-„Ahnenerbe“ Heinrich Himmler. „Kontakte zwischen Riemer und Himmler lassen sich keine nachweisen, wohl aber finden sich vielfältige Dokumente, die belegen, dass Riemer sich für Benno Wolf, einem führenden Höhlenforscher einsetzte“, berichtete Seethaler. Wolf war jüdischer Herkunft, christlich getauft und starb im KZ Theresienstadt.

Kritik an der NS-Rassenideologie 

„Eine erste Deportation durch die Gestapo konnte Riemer verhindern, die zweite 1942 nicht“, so Seethaler. In Dokumenten der Gestapo finde sich der Hinweis, dass Riemer und Wolf enge Kontakte hatten. In einem von der Gestapo abgefangenen Brief Riemers an Wolf kritisierte der Berliner Handschuhfabrikant die NS-Rassenideologie und die Gleichschaltung, lobte Wolf ausdrücklich als ein „bewährtes Mitglied im Höhlenforscherverband“ und drohte mit seinem Rücktritt als Landesgruppenleiter. 

In einem anderen Schreiben, welches Seethealer in den Archiven fand, wurde ausdrücklich gefordert, Wolf und „seinen Förderer Riemer“ auszuschalten. Auch mokierte sich die Gestapo über den von Riemer eingeführten Gruß „Höhl-Heil“ als bewusste Verhöhnung der NS. Immer wieder, so Seethaler, habe sich Riemer um einen Austritt bemüht. In einem Schreiben von 1944 teile Wolfram Sievers, Reichsgeschäftsführer des SS-„Ahnenerbes“ mit, dass die Austrittsgesuche Riemers abgelehnt worden seien. 

„Auch die unterstellten Kontakte zu Hermann Göring hat es wohl nicht gegeben“, konstatierte Seethaler. Riemer sei Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents gewesen, einer deutsch-polnischen Kooperation. Auch diese Gesellschaft sei von den Nazis gleichgeschaltet und der Deutschen Fachschaft der Wisent-Züchter und –Heger zugeschlagen worden, deren Schirmherr Göring war. 

„Diese Fachschaft hatte beschlossen, den nordamerikanischen Bison in die europäischen Wisente einzukreuzen, um auf diese Weise jagdbares Großwild zu haben“, sagte Seethealer. Dagegen haben Kurt Priemel, Direktor des Frankfurter Zoos und Erna Mohr, die für das Zuchtbuch verantwortlich war, protestiert und diesem Protest der Experten hatte sich Riemer angeschlossen. 

Eine besondere Rolle in der Provenienzforschung werden die circa 2.500 Objekte spielen, die Riemer von Oscar Rudolph Neumann erwarb, einem Bankkaufmann, der sich als Autodidakt einen internationalen Rang als Ornithologe erarbeitete. „Riemer verhalf Neumann 1941 zur Flucht über Kuba in die USA“, so Seethealer. Neumann arbeitete die letzten Jahre seines Lebens als Konservator am Fields Museum in Chicago.

„In einem Nachruf auf den 1946 verstorbenen Neumann wird die Rolle Riemers positiv gewürdigt“, betonte Seethaler und ergänzte: „Bei der Provenienzforschung geht es nicht allein darum, Unrechtmäßigkeiten bei dem Erwerb von Objekten aufzudecken, sondern auch um die spannende Rekonstruktion von deren Herkunft und wie sie den Weg in die Sammlung Riemer und letztlich nach Wittenberg fanden.“





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