Frank Flemming, Einrichtungsleiter des AWO-Hauses „Albatros“, Siegrun Höhne, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie, Reinhild Hugenroth, Leiterin des Netzwerkes Alphabetisierung und Grundbildung, Evelin Erdmann, Ortsbürgermeisterin Radis, Stephan Zöllner, Leiter der Bethel-Begegnungsstätte und Matthias Monecke, Vorstand Augustinuswerk (v.l.n.r.). Foto: Wolfgang Gorsboth

Frank Flemming, Einrichtungsleiter des AWO-Hauses „Albatros“, Siegrun Höhne, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie, Reinhild Hugenroth, Leiterin des Netzwerkes Alphabetisierung und Grundbildung, Evelin Erdmann, Ortsbürgermeisterin Radis, Stephan Zöllner, Leiter der Bethel-Begegnungsstätte und Matthias Monecke, Vorstand Augustinuswerk (v.l.n.r.). Foto: Wolfgang Gorsboth

08.05.2019

17. Wittenberger Gespräche der Bethel-Begegnungsstätte

Entscheidend sind die Interessen der Menschen

Wittenberg (wg). Orientierung am Willen der Menschen und Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe sind zwei Prinzipien der Sozialraumorientierung, die am Dienstagabend im Fokus der von der Bethel-Begegnungsstätte organisierten 17. „Wittenberger Gespräche“ standen. Entwickelt wurde das Fachkonzept der Sozialraumorientierung von Prof. Dr. Wolfgang Hinte.

„Das Sozialraumkonzept entspricht dem Leitbild der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel ‚Gemeinschaft verwirklichen“ und wurde beispielhaft umgesetzt im inklusiven Gemeinschaftshaus Mirbachplatz, mitten in einem belebten Berliner Stadtbezirk“, erklärte Stephan Zöllner, Leiter der Bethel-Begegnungsstätte. Hier wohnen Menschen mit und ohne Behinderung, Familien, Alleinstehende, Senioren und Studenten, die sich untereinander nachbarschaftlich und ehrenamtlich helfen. Jeder, der hier wohnt, ist nicht nur „Empfänger“ von bürgerschaftlichem Engagement, sondern auch „Geber“. 

„Inklusion kann gelingen, wenn sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen wird und sie muss gelingen, weil die dritte Stufe des Bundesteilhabegesetzes 2020 in Kraft tritt“, berichtete Matthias Monecke, Vorstand des Augustinuswerks. Für Menschen mit Behinderungen wird das bisherige Fürsorgesystem in eine Eingliederungshilfe mit Teilhaberecht umgewandelt.

„Wir werden in den nächsten drei Jahren alle stationären Heimplätze für Menschen mit Behinderungen schließen und auf betreute Wohngemeinschaften setzen“, so Monecke. Weil der Kreis stark ländlich geprägt sei, wolle man die Angebote nicht auf die Lutherstadt konzentrieren, sondern sich in die Fläche öffnen: „Wir werden Leistungen dort anbieten, wo die Menschen leben.“ Unter anderem konnte in Zahna eine Tagespflegeeinrichtung in Kombination mit einer Senioren-Wohngemeinschaft eröffnet werden. 

„Zum Sozialraum gehört auch Arbeit, mit acht Inklusionsbetrieben ist der Landkreis führend in Sachsen-Anhalt“, sagte Monecke. Zuletzt kamen beim Augustinuswerk der Diakoniehof Rackith dazu und bei der Wittenberger Wohnungsgesellschaft etablierte deren Tochter Witra eine Inklusionsabteilung. Mit dem Café Augustinus an der Stadthalle, ebenfalls ein Inklusionsbetrieb, habe man sich im Quartier geöffnet, hier kommen Behinderte und Nichtbehinderte zusammen – als Gäste und als Mitarbeiter.

„Es wird neue Leistungsangebote verteilt über den ganzen Landkreis geben, wobei wir uns nicht mehr so sehr an Immobilien binden werden“, kündigte Monecke an. Im Bereich der Seniorenbetreuung werde man künftig Wohngemeinschaften mit Tagespflege großen Pflegeheimen vorziehen. Um flächendeckend soziale Treffpunkte zu schaffen, müssten die freien Träger und Vereine kooperieren, für die Gestaltung, Vernetzung und Moderation der Sozialräume benötige man Quartiersmanager. 

„Impulse kommen selten aus dem eigenen Saft, in dem man schmort, es bedarf Anstöße von außen“, berichtete Siegrun Höhne, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, die das Projekt „Teilhabe vor Ort“ in Pretzsch, Prettin und Dommitzsch betreute. In allen drei Orten, geprägt von Schrumpfung, älter werdenden Menschen und Ausdünnung der Infrastruktur, habe große Frustration geherrscht, vor allem an Kommunikation und Kooperation gefehlt. 

„Auf Hilfe von außen braucht niemand zu hoffen, die Menschen müssen selbst aktiv werden“, so Höhne. In Pretzsch zum Beispiel sei dies gelungen, dort habe man einen neuen Verein gegründet, das Stadtfest wiederbelebt und das Schloss habe sich geöffnet. Inzwischen ist mit „Spindestuben in der Dübener Heide“ ein neues Projekt an der Evangelischen Akademie gestartet mit ähnlicher Zielsetzung. 

Über das Bundesprojekt „Zusammenhalt und Teilhabe“ wird die Ländliche Erwachsenenbildung (LEB) Gräfenhainichen gefördert, die mit 58 Vereinen und Gruppen im gesamten Landkreis zusammenarbeitet. „Auf uns kommt ein großes Vereinssterben zu, aber in der Fläche bilden die Vereine den Sozialraum“, betonte Simone Graf. „Wir beraten die Vereine bei der Gewinnung neuer Mitglieder, bei der Beantragung von Fördermitteln und bei der Nutzung neuer Medien.“ 

Vereine befänden sich im Wandel, ebenso das bürgerschaftliche Engagement: „Viele wollen sich einbringen, aber nicht mehr unbedingt lebenslang an einen Verein binden. Deshalb wäre eine Wiederbelebung der vor zwei Jahren abgewickelten Ehrenamtsbörse beim Landkreis wichtig. Seit 2016 arbeite die LEB auch im Bereich der Grundbildung und biete speziell im ländlichen Raum Kurse für funktionale Analphabeten an.

Lernen durch Engagement 

Für „Service-Learning“ (Lernen durch Engagement) sprach sich Reinhild Hugenroth, Leiterin des Netzwerkes Alphabetisierung und Grundbildung Sachsen-Anhalt, aus: „Service-Learning hat zum Ziel, gesellschaftliches Engagement von Jugendlichen fest im Schulalltag zu verankern.“ Zum einen sollen die Schülerinnen und Schüler ihre sozialen und demokratischen Kompetenzen erweitern und sich zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft entwickeln.

Dabei wird besonderer Wert darauf gelegt, die Jugendlichen dort zu erreichen, wo sie alle in einer Institution zusammenkommen: in der Schule. So ist auch die Aussage „Demokratie beginnt in der Schule“ zu verstehen. „Darüber hinaus können sich die Schulen für Angebote der Jugendhilfe öffnen, für Vereine, für die Stadtteil- oder Dorfbibliothek“, erklärte Hugenroth, „die Räume sind vorhanden und die Schulen zentral gelegen.“

Im Haus „Albatros“ der Arbeiterwohlfahrt im Neubau-Quartier, das dessen Leiter Frank Flemming vorstellte, gebe es eine enge Verzahnung von Haut- und Ehrenamtlichen sowie ein Miteinander der Generationen und von Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund: „Im Sinne der Sozialraumkonzeption haben sich gut funktionierende Netzwerke gebildet, entstanden ist ein Haus der Begegnung für Alle, die sich angesprochen fühlen.“





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