Rando Gießmann, Geschäftsführer der Wiwog und Vorsitzender des Verbandsrates der Wohnungswirtschaft Sachsen-Anhalt e.V. Foto: Wolfgang Gorsboth

Rando Gießmann, Geschäftsführer der Wiwog und Vorsitzender des Verbandsrates der Wohnungswirtschaft Sachsen-Anhalt e.V. Foto: Wolfgang Gorsboth

10.04.2019

Wiwog-Geschäftsführer kritisiert Sogeffekt zu Lasten der Regionen

Rando Gießmann: Ländliche Räume stärken und Großstädte entlasten

ittenberg (wg). „Wohnungsbaupolitik braucht einen langen Atem, aber keinen Aktionismus“, betont Rando Gießmann, Geschäftsführer der Wittenberger Wohnungsbaugesellschaft (Wiwog) und Vorsitzender des Verbandsrates der Wohnungswirtschaft Sachsen-Anhalt e.V., im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. So verstärke der soziale Wohnungsbau in den Großstädten die Sogwirkung auf die ländlichen Räume, was wiederum die Probleme verschärfe – in den Großstädten, die weiter wachsen und in den Regionen, die weiter schrumpfen.

„Wir müssen für kleinere Städte wie Wittenberg Entwicklungsimpulse setzen statt weitere Abwanderungsgründe zu schaffen“, mahnt Gießmann, „und dazu gehört attraktives und bezahlbares Wohnen.“ Eine besondere Rolle spielten dabei kommunale Wohnungsgesellschaften, weil diese nicht nur vorrangig wirtschaftliche Interessen verfolgten, sondern sich auch dem Gemeinwohl und der Daseinsvorsorge verpflichtet fühlten.

„Ein Beispiel dafür ist der Stadtumbau Ost, der in Wittenberg dank der von der Stadtverwaltung moderierten Lenkungsrunde vorbildlich vollzogen wurde“, erklärt Gießmann. „Durch den von der Wiwog und der Genossenschaft WBG vollzogenen Abriss konnte der Wohnungsmarkt – auch für die privaten Vermieter – stabilisiert werden, und es ist die organisierte Wohnungswirtschaft, die dann neu baut, wenn im Sinne der Daseinsvorsorge Bedarfe vorhanden sind, der Neubau aber aufgrund der enorm gestiegenen Kosten nicht unbedingt profitabel ist.“ 

Damit die kommunalen Wohnungsunternehmen leistungsfähig sind, braucht es Rahmenbedingungen, für die die Politik verantwortlich zeichnet. „41 von 86 Wohnungsgesellschaften in Sachsen-Anhalt haben Leerstände von mehr als 12 Prozent und sind akut in ihrer Existenz gefährdet, weil zusätzlich die Altschuldenlast drückt.“ Alle Wohnungsgesellschaften des Landes zusammen hätten mehr als 500 Millionen Euro Altschulden aus Krediten, die weit vor der Wende aufgenommen wurden. 

„Deshalb muss das Thema Altschuldenentlastung wieder auf die Agenda der Politik“, fordert Gießmann, „denn ohne Altschulden verfügen unsere kommunalen Wohnungsunternehmen über ein enormes Investitionspotenzial.“ Und investiert werden muss weiterhin: „Die Qualität des Wohnens ist ein entscheidender Standortfaktor. Wir müssen Wohnraum für die Bedürfnisse einer älter werdenden Gesellschaft ebenso schaffen wie hochwertige Angebote für Zuzügler aus den Metropolen, die dort die Mieten nicht mehr bezahlen können oder wollen, die dort aufgrund der miserablen Situation bei Kitas und Schulen für ihre Kinder keine Zukunft sehen.“ 

Städte wie Wittenberg seien längst ein „Vorort“ von Berlin und deshalb müsse die Politik in die Infrastruktur wie Bahn, SPNV, ÖPNV investieren und nicht in einen sozialen Wohnungsbau in Berlin, der kurzfristig die Situation entschärfen könne, aber langfristig weitere Abwanderung aus den ländlichen Regionen befördere: „Wir finanzieren mit teurem Geld den sozialen Wohnungsbau in den großen Städten und hier bei uns wurde der Abriss ebenfalls mit Steuermitteln gefördert, das ist widersinnig. Wieso zahlt man Metropolbewohnern nicht eine Umzugsprämie aufs Land?!“ 

Wer Menschen in der Heimatregion halten und Zuzügler gewinnen wolle, müsse Angebote vorhalten, dazu gehöre attraktives Wohnen ebenso wie ein funktionierender ÖPNV/Bahnverkehr, der es ermögliche, hier zu wohnen und in Berlin, Leipzig oder Halle zu arbeiten. Dazu gehöre auch ein leistungsfähiges Internet, welches Voraussetzung für Home-Office sei, weshalb die Wiwog eine Kooperation mit der zum Stadtwerke-Verbund gehörenden wittenberg-net GmbH anstrebe, um seine Wohnungen mit schnellem Internet auszustatten. 

In attraktives Wohnen investiert die Wiwog seit Jahren wie unter anderem der Wohnpark Wittenberg-West und die Neubauten in der Neustraße sowie in der Jüdenstraße belegen. Im Bereich des alten Stadthafens ist das Projekt Wohnen an der Elbe angedacht mit Miet- und Eigentumswohnungen sowie einer Seniorenwohnanlage. „Wir arbeiten an den finalen Entwürfen“, so Gießmann.

Bauen wird immer teurer 

Ausufernde Vorschriften und verschärfte Normen machen das Bauen noch teurer und die Politik reagiert aus Sicht Gießmanns kopflos mit Mietpreisbremse, Belegungsquoten, Sonderabschreibungen und Wohnungsbauprogrammen: „Dadurch wird nicht eine einzige neue, bezahlbare Wohnung geschaffen, sondern man treibt damit die Mieten in den Neubauten in die Höhe.“ 

Mit seinen umstrittenen Förderprogrammen gieße der Staat zusätzlich Öl ins Feuer und treibe die Baupreise weiter nach oben: „Planungsbüros haben eine Vorauslastung von bis zu zehn Monaten und Baubetriebe sind aufgrund des Fachkräftemangels längst an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Staatliche Anreize steigern die Baunachfrage, und weil das Angebot an Architekten und Handwerker begrenzt ist, steigen die Preise zwangsläufig.“ Auch das gut gemeinte Baukindergeld werde sich als Preistreiber erweisen und damit seine Absicht verfehlen, Familien zu Wohneigentum zu verhelfen. 

Allein durch die Energieeinspar-Verordnung (EnEV), die in der Vergangenheit alle zwei Jahre verschärft worden ist, habe sich das Bauen seit 2016 um 7,3 Prozent verteuert, dazu kämen verschärfte Auflagen wie beim Brandschutz. Auch bei Bestandsgebäuden würden die energetischen Anforderungen an der Preisschraube drehen, ohne dass Mieter und Nutzer bei den Energiekosten entsprechend entlastet würden.




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