Maik Pietsch, Vizepräsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt. Foto: Wolfgang Gorsboth

Maik Pietsch, Vizepräsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt. Foto: Wolfgang Gorsboth

19.03.2019

Im Kreis Wittenberg droht Engpass in der Versorgung

Zahnärzte: Eine Pensionswelle rollt an!

Landkreis Wittenberg (wg). „In der zahnmedizinischen Versorgung droht ein Engpass“ warnte Maik Pietsch, Wittenberger Zahnarzt und Vizepräsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt, im Ausschuss für Gesundheit und Soziales des Landkreises. Die Zahl der Praxen im Land hat von 1.618 im Jahr 2010 auf 1.458 im Jahr 2017 abgenommen, im Kreis Wittenberg sank die Zahl von 95 auf 83. Im Jahr 2017 sind im Land Sachsen-Anhalt 96 Praxen abgemeldet aber nur 22 neu angemeldet worden. 

Gleichzeitig zeichnet sich eine dramatische Pensionswelle ab, denn die meisten Zahnärzte sind zwischen 55 und 65 Jahre alt, allein in diesem Jahr werden im Kreis Wittenberg mindestens vier Zahnarztpraxen schließen, in den nächsten fünf Jahren ein Drittel. „Im Kreis Wittenberg erfolgen Praxisübergaben fast ausschließlich in der Familie“, berichtete Pietsch, „in den vergangenen fünf Jahren hat es nur eine einzige Praxisneugründung gegeben, gleichzeitig haben zehn Praxen komplett geschlossen.“ 

Ein Brennpunkt befindet sich im Nordkreis Richtung Landesgrenze: Von Jeber-Bergfrieden über Cobbelsdorf, Kropstädt und Seyda bis Prettin sind manche Praxen schon geschlossen oder die Zahnmediziner älter als 60 Jahre. Zweiter Brennpunkt ist die Stadt Oranienbaum-Wörlitz, hier haben bereits zwei Zahnärzte den Bohrer aus der Hand gelegt, die noch praktizierende Kollegin ist bereits 74 Jahre alt.

„Wir haben in der Zahnmedizin einen immer höheren Frauenanteil“, so Pietsch, „aber die Neigung von Frauen, eine Praxis zu übernehmen, ist wegen der problematischen Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich geringer als bei Männern.“ Hinzu komme ein „bürokratischer Rattenschwanz“, der immer mehr wachse und auch  junge Mediziner abschrecke, sich selbständig zu machen. 

In Sachsen-Anhalt werden pro Jahr durchschnittlich 30 bis 35 Zahnmediziner ausgebildet, der Frauenanteil liegt bei 75 Prozent, aus Sachsen-Anhalt stammen aber nur 20 Prozent der Absolventen. „Angesichts der langen Studiendauer würde eine Ausweitung der Anzahl der Studienplätze zunächst keine Lösung bringen“, sagte Pietsch, „außerdem gibt es deutschlandweit einen Mangel an Hochschullehrern vor allem im Bereich des Grundstudiums bis zum Physikum.“

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) im zahnmedizinischen Bereich mit Ärzten im Angestelltenverhältnis spielen im Kreis Wittenberg keine Rolle. „Bundesweit gibt es circa 600 reine Zahnarzt-MVZ’s, in der Regel dort, wo sie eigentlich nicht benötigt werden – in Großstädten und Ballungsräumen“, kritisierte Pietsch. Es bestehe die Gefahr, dass sich diese Zahnarzt-MVZ’s zu Katalysatoren für Versorgungsengpässe im ländlichen Raum entwickelten, dort würden traditionelle Einzel- oder Gemeinschaftspraxis die Versorgung noch am ehesten sichern.

„Wir kämpfen um unseren Nachwuchs“, betonte Pietsch. Man versuche, die Bindung der Absolventen an Sachsen-Anhalt zu stärken auch durch erleichterte Weiterbildungen in den Bereichen Oralchirurgie und Kieferorthopädie. Die Tagung der wissenschaftlichen Gesellschaft der Universität Halle finde seit zehn Jahren immer im November in Wittenberg statt. 

Approbation und Honorare

Überfällig sei die Neuregelung der 63 Jahre alten Approbationsordnung, die bislang mehrmals im Bundesrat gescheitert ist, wobei sich nach Ansicht von Pietsch Sachsen-Anhalt mit seiner dreimaligen Enthaltung nicht eben mit Ruhm bekleckert habe. 

Dabei gehe es um eine bessere Betreuungsrelation von Lehrenden und Studierenden, diese würde für die zahnmedizinische Ausbildung an der Universität Halle circa 3,5 Millionen Euro pro Jahr kosten. Das sei der Landesregierung zu teuer, stattdessen nehme sie in Kauf, dass eine Approbationsordnung in Kraft bleibt, die den Bedürfnissen künftiger Zahnarztgenerationen nicht gerecht werde. 

„Sachsen-Anhalt gehört nicht zu jenen Bundesländen, in die es junge Menschen besonders gerne hinzieht“, berichtete Pietsch. Hinzu komme, dass sich junge Zahnärzte im ländlichen Raum nur dann niederlassen würden, wenn die Bedingungen ihnen, ihren Partnern und ihren Familien ein chancenreiches Leben ermöglichen – und das sei in der Regel hier nicht der Fall. 

Die Politik verschläft die Entwicklung 

 „Dörfer ohne Kita, ohne Grundschule, ohne Einkaufsmöglichkeiten, ohne funktionierenden ÖPNV und einem mehr als überschaubaren Freizeitangebot locken keinen intelligenten Menschen an“, betonte denn auch Dr. Nikolaus Särchen, Ärztlicher Direktor der Klinik Bosse und sachkundiges Mitglied des Ausschusses. Die Politik in Sachsen-Anhalt verschlafe die Entwicklung. 

Zu den Rahmenbedingungen gehöre auch eine adäquate Honorierung, die, so Pietsch, in Sachsen-Anhalt nicht gegeben sei: „Durch die Blockadehaltung einiger Krankenkassen erhalten Zahnärzte hierzulande zehn Prozent weniger Honorar als die Kollegen in Sachsen oder Thüringen. Wir hinken in der Entwicklung um Jahre hinterher.“

Fazit: Auch wenn es derzeit noch keine Unterversorgung im zahnärztlichen Bereich gibt, wird es bereits mittelfristig zu einer Verschlechterung der Versorgungssituation insbesondere im ländlichen Raum kommen.





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