Kapitalanleger kaufen sich in die ostdeutsche Landwirtschaft ein, die Preisspirale für Ackerböden dreht sich und gefährdet die Existenz heimischer Betriebe. Foto: pixabay

Kapitalanleger kaufen sich in die ostdeutsche Landwirtschaft ein, die Preisspirale für Ackerböden dreht sich und gefährdet die Existenz heimischer Betriebe. Foto: pixabay

26.02.2019

Wenn Ackerböden zu Rendite- und Spekulationsobjekten werden

Landgrabbing in Ostdeutschland

Landkreis Wittenberg (wg). Um Boden und Pachtpreise ist in Ostdeutschland ein knallharter Wettbewerb entbrannt, Motor für diese Entwicklung, die Agraraktivisten als „Landgrabbing“, als illegitime Aneignung von Land, bezeichnen, sind die niedrigen Zinsen.

„Weil der Kapitalmarkt kaum noch rentable Anlagen bietet, gilt Ackerland als begehrtes Investment“, erläutert Diplom-Agraringenieurin Siegrun Höhne, Studienleiterin der Evangelischen Akademie sowie Beauftragte für den kirchlichen Dienst auf dem Lande und Umweltmanagement, im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag.

„Der frühere Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens (CDU) wollte ein Agrarstrukturgesetz verabschieden, um diese Fehlentwicklung zu stoppen mit dem Ziel, dass Agrarböden vorrangig an Landwirte verkauft werden“, berichtet Höhne und begrüßt den aktuellen Vorstoß von Agrarministerin Claudia Dalbert (Grüne), mit Hilfe einer Bundesratsinitiative die sogenannten Share Deals zu stoppen. Auch der Deutsche Bauernbund hat Entwürfe vorgelegt, um den Ackerausverkauf zu stoppen. 

Untersuchungen des bundeseigenen Thünen-Instituts belegen, dass immer mehr ostdeutsche Agrarunternehmen ortsfremden und agrarfernen Investoren gehören, in Sachsen-Anhalt sind es 25 Prozent. „Besonders anfällig ist Ostdeutschland auch deshalb, weil die Betriebe hier oft die Rechtsform eine Kapitalgesellschaft oder Genossenschaft haben“, so Höhne, „diese lassen sich einfacher als ein Familienbetrieb übernehmen.“ 

Denn der Investor muss nur Anteile des Agrarunternehmens übernehmen, nicht die Ackerflächen selbst. Diese als „Share Deals“ bezeichneten Verfahren haben für den Investor zwei entscheidende Vorteile: Wenn er unter 95 Prozent kauft, spart er die Grunderwerbsteuer und für Anteilskäufe sind keine Genehmigungen nach dem Grundstücksverkehrsgesetz nötig. Letzteres verbietet den Verkauf an Nichtlandwirten, falls es einen Bauern gibt, der die Fläche benötigt.

„Das Gesetz regelt bislang aber nicht den Verkauf von Firmen, die Eigentümer von Agrarflächen sind, diese Lücke soll nun mit der Bundesratsinitiative von Sachsen-Anhalt geschlossen werden“, sagt Höhne. Wenn ein Bauer, der fünf Hektar kaufen wolle, dafür eine Genehmigung benötige und der Investor, der 1.000 Hektar kaufen wolle, die Regelung mit einem Share Deal aushebeln könne, sei das krasse Wettbewerbsverzerrung.

 „Landgrabbing ist eine Möglichkeit, Geld zu attraktiven Konditionen zu parken und Renditen zu erwirtschaften“, erklärt Höhne. Weil sich durch die Ackerspekulationen die Preise seit 2000 mehr als verdoppelt haben, müssen die Landwirte aufgrund des Preisdrucks noch effizienter arbeiten. 

„Dann wird eben statt Futtermais Energiemais angebaut, weil dies auch wegen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes mehr Geld bringt“, kritisiert Höhne. „Der Zwang zu höheren Erträgen/Gewinnen führt zu mehr Monokulturen, außerdem gerät die an Flächen gebundene Tierhaltung unter Druck (Freilandhaltung), was zu mehr Investitionen in Massentierhaltung (Schweine, Geflügel) führt. 

Tagung zum Landgrabbing 

Auf der Suche nach lukrativen Anlageobjekten beteiligen sich finanzkräftige Unternehmen zunehmend an Landwirtschaftsbetrieben. Das bringt eine Rendite von bis zu fünf Prozent. Bereits ein Drittel der Ackerböden Mecklenburg-Vorpommerns ist auf diese Weise in den Besitz nichtlandwirtschaftlicher Investoren gelangt. Welche Folgen hat diese Entwicklung für die Landwirte, die Agrarstrukturen und eine nachhaltige Landbewirtschaftung? „Darüber wollen wir genauso diskutieren wie über Vorschläge zu gesetzlichen Änderungen, welche verhindern würden, dass Ackerböden zunehmend zum Spekulationsobjekt werden“, so Höhne, die die Fachtagung gemeinsam mit Jochen Dettmer, Präsident des Deutschen Bauernbundes Sachsen-Anhalt, leiten wird.

Wegen Krankheit verschoben 

Die für den 1. März in der Evangelischen Akademie angekündigte Tagung muss aus Krankheitsgründen auf den 14. Juni, 10 bis 18 Uhr, verschoben werden, Anmeldungen sind noch möglich. Bereits getätigte Anmeldungen behalten ihre Gültigkeit.




Video

Oberbürgermeister Zugehör

mehr Videos

Videos Stimmen aus der Region

Oberbürgermeister Zugehör
Keine Angst – uns geht es gut
Kommunaler Bildungsbericht im Kreistag vorgestellt
Kreistag beschließt mehr Geld für die Sporthalle im Volkspark

Videos Politik

Bürgerforum Coswig
Sepp Müller stellt sich! GroKo und was nun? Teil 1
Sepp Müller stellt sich! GroKo und was nun? Teil 2

Videos Kultur

Neue Liedertour mit Karl Neukauf
75 Jahre Saxophone Joe
Alaris Schmetterlingspark.m4v
Dicke Luft und kein Verkehr - Der Zoff geht weiter
Jukebox im Clack Theater Wittenberg

Videos Auto

Volvo XC40 Winter-Testfahrten


Wittenberger Sonntag Verlags GmbH, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Coswiger Straße 30 A, E-Mail: