18.02.2019

Wittenberger Sonntag liest die Mittelbayerische Zeitung

Spitzensport: Höher, schneller - ganz unten

Regensburg (ots) "Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger." Der Spruch des früheren Spielers und Trainers Bill Shankly ist legendär. Der Schotte war Fußball-besessen und sagte, dass er sogar seiner Frau notfalls das Bein brechen würde, wenn er sie auf dem Platz zum Gegner hätte. Mit seinen Aussagen wurde Shankly zum Prototyp des radikalen Motivators. Einer, der für seinen Sport bis an die Grenze und darüber hinaus geht und dies auch von seinen Spielern verlangte. Eine Einstellung, die bis heute Nachahmer findet - und eine Einstellung, die nicht jedem Sportler guttut, manchen sogar zerstören kann.

Es gab und gibt unzählige Trainer, die mit brüllender Stimme apokalyptische Prophezeiungen vortragen, um ihre Spieler zu "motivieren". Trainer, die im Eifer des Gefechts jedes Maß und Ziel vergessen. Im Internet kursiert eine Videoaufnahme des Co-Trainers des Fußball-Zweitligisten Arminia Bielefeld. Vor einer wichtigen Partie bläut er den Spielern im bebenden Ton ein, dass sie heute nicht nur für sich oder den Verein, sondern auch noch für ihre Familien spielen müssen. Um das zu unterstreichen, kündigt er an, dass eine Aufnahme der Ansprache direkt im Anschluss an die Familien geschickt wird - damit die ebenfalls wissen, was die Stunde geschlagen hat: nämlich Sieger oder Versager. Bielefeld gewann das Spiel dann übrigens. Ende gut, alles gut? Nein. 

Erfolg heiligt nicht alle Mittel. Es gibt Grenzen, die sollten nicht nur, die dürfen nicht überschritten werden. Wenn ein Sportler am übergroßen Leistungsdruck zerbricht - und das kommt immer wieder vor -, ist der Aufschrei nämlich groß. 

Depressionen oder Burn-Out-Erkrankungen sind im Profi-Sport, man mag es kaum glauben, immer noch ein Tabu-Thema. Es ist zehn Jahre her, dass sich der deutsche Fußball-Nationaltorwart Robert Enke das Leben genommen hat. Danach gab es eine breite und intensiv geführte Debatte über die psychischen Belastungen von Spitzensportlern. Fünf Jahre später stellte der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zum Umgang mit Profi-Fußballern allerdings ernüchtert fest, dass sich "nichts Gravierendes verändert hat, da würde man sich selber etwas vormachen". In der Tat. 

Insbesondere im Fußball wird der Motivationskessel so lange erhitzt, bis er überkocht. Dass ein Sportler sich auf eine Partie einfach nur freut, ist da selten zu hören. Andauernd sprechen Fußballer vielmehr darüber, dass sie im nächsten Spiel nur eins wollen: ans Limit gehen und darüber hinaus. Was immer das auch bedeuten mag. 

So gesehen ist es kein Wunder, wenn Spitzensportler davon berichten, dass sie mit den Folgen von verlorenen Wettkämpfen lange, teilweise ein Leben lang zu kämpfen haben. Die Verbissenheit, die im Spitzensport mittlerweile fast als Gütesiegel gilt, macht es schwer, mit Niederlagen in einem normalen Maßstab umzugehen. 

Wirklich bedenklich wird es, wenn sich Trainer im Jugend- und Amateurbereich die harte Profi-Welt zum Vorbild nehmen. Wenn in der Kreisklasse auf Spieler eingebrüllt wird, in der irrigen Vorstellung, sie dadurch besser machen zu können. 

Und es ist sicher gut, dass die großen Fußball-Klubs in ihren Nachwuchsleistungszentren den Talenten bei Bedarf psychologische Hilfe anbieten. Es wäre aber besser, wenn diese in der Regel überhaupt nicht nötig ist. Wenn nicht schon Zwölfjährige angeblich notwendigerweise lernen müssten, mit knallhartem Leistungsdruck umgehen zu können. 

Zu Zeiten von Bill Shankly gab es übrigens noch kein Social Media. Damals gab es noch nicht Millionen von Usern, die markige Kampfansagen der Protagonisten als Steilvorlage für unsägliche Kommentare nutzten. 

Irgendwann, das ist leider sicher, wird es wieder einen bekannten Sportler geben, der am großen Druck zerbricht. Und dann wird es wieder eine Debatte darüber geben, was wichtiger ist: Ergebnis oder Mensch? Am Ende werden alle sagen: Mensch. Gut wäre, wenn es jetzt schon alle sagen.





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