13.02.2019

Trotz kaiserlichen Verbots kam es 1892 zum Grabfrevel

Funde aus Luthers Grab an die Stiftung übergeben

Wittenberg (wg). „Es kehrt zurück, was hier zu Hause ist“, erklärte Dr. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten, bei der Übergabe von bislang unbekannten Funden aus dem Grab Martin Luthers in der Schlosskirche. Dabei handelt es sich um ein Zinkstück sowie Rostpartikel vom Sarg des Reformators. Man sei der Familie Quandt sehr dankbar, dass sie dem Lutherhaus diese einmaligen Stücke anvertraut habe. 

In der geplanten neuen Dauerausstellung sollen sie ihren festen Platz erhalten – gemeinsam mit dem Griff von Luthers Sarg, der bereits 1913 auftauchte, aber erst seit 2003 im Lutherhaus zu sehen ist. Die Übergabe erfolgte vor dem großformatigen Gemälde von Adolf Friedrich Teichs von 1845, das Karl V. am Grabe Luthers zeigt und mithin eine Geschichte erzählt, die immer wieder für Zweifel sorgte und letztlich auch zum „Grabfrevel“ führte. 

Auf dem Gemälde steht der Kaiser am Grabe Luthers, Herzog Alba fordert ihn auf, die Gebeine des Reformators als die eines Ketzers zu verbrennen, damals eine übliche Praxis. Der Kaiser jedoch weist dies zurück. Trotzdem halten sich seitdem die Gerüchte, ob Luther überhaupt im Grab liegt. 

Neue Nahrung erhielten die Gerüchte, als die Hohenzollern die Schlosskirche zwischen 1883 und 1892 grundlegend renovieren ließen. Da es bis zu diesem Zeitpunkt keine Sichtungsgrabungen gab, was das Interesse groß, die Gräber zu untersuchen – das von Melanchthon, eine ausgemauerte Gruft, wurde gefunden, das von Luther indes nicht.

Kaiser Wilhelm I. verbat aber 1886 weitere Untersuchungen. „Nicht aus Pietät, sondern wäre Luthers Grab nicht gefunden worden oder wäre es leer gewesen, dann hätte das für die Hohenzollern eine Katastrophe bedeutet“, betonte Dr. Rhein. Luthers Grab war und ist für Wittenberg-Pilger ein zentraler Ort. 

„Es geht um Dinge, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen und die Geschichte, die dahinter steckt, ist spannend wie ein Krimi“, berichtete Helmut Liersch, Theologe aus Goslar, der die Funde gemeinsam mit Pfarrer i.R. Martin Quandt an Stiftungsdirektor Rhein übergab. 

Acht Monate vor Wiedereröffnung der Schlosskirche am Reformationstag 1892 hatte sich der kaiserliche Baumeister Groth entschlossen, die Unsicherheit über Luthers Grab zu beenden. An einem Sonntagvormittag im Februar– die Bauarbeiter hatten frei, ein Gottesdienst wurde nicht gehalten, weil die Kirche noch Baustelle war – machten sich Groth und der damalige Maurerpolier Römhild an die Arbeit. 

„Sie fanden das Grab, allerdings kein Gewölbe, vielmehr wurde Luther direkt ins Erdreich begraben“, sagte Liersch. Dass man Luthers Grab gefunden hatte, hielt man wegen des kaiserlichen Verbots geheim. Durch einen Zufall kam die Sache doch heraus: Vier Jahre später, Polier Römhild war aus gesundheitlichen Gründen inzwischen Küster in der Schlosskirche, bezweifelte ein Tourist, ob sich Luthers Grab überhaupt in der Schlosskirche befinde. Römhild soll geantwortet haben: „Er ist drin, ich habe ihn selber gesehen.“ 

„Das“, so Liersch, „hat sich schnell herumgesprochen und Professor Julius Köstlin aus Halle wurde auf Betreiben der preußischen Kirchenleitung beauftragt, zur Graböffnung zu recherchieren.“ Auch Emil Quandt, der Urgroßvater von Martin Quandt, erfuhr als damaliger für die Schlosskirche zuständiger Superintendent und Leiter des Predigerseminars davon. 

„Für Köstlin war Groth nicht erreichbar, befördert zum königlich-kaiserlichen Baumeister, hatte er den Auftrag, in Jerusalem die Erlöserkirche zu errichten“, so Liersch, „Dafür war der ehemalige Maurerpolier Römhild umso auskunftsfreudiger.“ Von ihm erfuhr Köstlin Details, vor allem eine weitere Sensation: Die beiden Männer hatten nicht nur gegraben, sondern auch „Beweistücke“ aus dem Grab entnommen. 

Den Griff von Luthers Sarg übergab Römhild an den damaligen Kurator des Lutherhauses, Julius Jordan. Ebenfalls entnommen hatte man ein Zinnstück und Rostpartikel von Luthers Sarg. Sie wechselten in den Besitz von Emil Quandt, und als dieser 1907 Wittenberg als 72-Jähriger verließ, nahm er die Funde mit nach Berlin-Lichterfelde, wo sie sorgsam in einer Pappschachtel verwahrt und von Generation zu Generation weitergegeben wurden: Im Pfarrhaus des Urenkels lag dieser Schatz seit 1966.

„Solange ich als Pfarrer im Dienst war, habe ich nie in diese Schachtel reingeschaut, erst mit der Pensionierung 2001“, berichtete Martin Quandt. Später hat er seinem Freund Helmut Liersch den Schatz gezeigt – und nun befindet er sich in Wittenberg. Ebenfalls übergeben wurden vier Schriftstücke aus dem Jahr 1897 und ein Blatt aus dem Ehrenkranz, mit dem anlässlich des 400. Geburtstages von Philipp Melanchthon dessen Grab geschmückt wurde, „abgezupft“ hatte es Großvater Johannes Quandt.




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