12.02.2019

Stadt: Rekonstruktion eines bedeutsamen Gartendenkmals

Viele Bürger kamen zum Ortstermin am Schwanenteich

Wittenberg (wg). Die Plätze im größten Sitzungssaal im Neuen Rathaus reichten trotz zusätzlicher Stühle nicht aus, etliche Bürger mussten stehen: Der Bauausschuss hatte unter Tagesordnungspunkt drei zu einem Ortstermin am Schwanenteich eingeladen, denn die geplante Fällung von 46 Bäumen hatte in Teilen der Stadtbevölkerung auch deshalb für Unmut gesorgt, weil als Begründung unter anderem die Wiederherstellung von Sichtachsen und Blickbeziehungen angeführt wurde. 

„Die Wallanlagen in ihrer Gesamtheit stellen ein wertvolles Kulturdenkmal dar“, erläuterte die zuständige Landschaftsplanerin Anett Paul. Nach der Restaurierung der Baudenkmäler und der Oberflächensanierung gehe es jetzt um die Aufwertung der Wallanlagen als Teil der Stadtgeschichte. 

Mit dem kaiserlichen Befehl zur Entfestigung Wittenbergs 1873 folgte unter der Leitung von Friedrich Eunicke und seinem Nachfolger Paul Leonhardt die Umwandlung des Verteidigungsbollwerks in eine städtische Parkanlage nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten.

„Eunicke hat sich dafür eingesetzt, dass nach Schleifung der Anlagen weder eine Wohnbebauung noch der Bau einer Ringstraße vorgenommen wurde, wie in vielen anderen Städten üblich“, erklärte Paul. Englischer Landschaftsgarten bedeute, dass die Planer ganz bewusst wie in einem Theater Bilder inszeniert hätten in Form von Sichtachsen und Blickbeziehungen. Aufgrund der Archivlage sowie historischer Postkarten könne man die Intentionen Eunickes und Leonhardts sehr gut rekonstruieren. 

Es gelte, so Paul, den künstlerischen und den stadtplanerischen Wert der Wallanlagen als Gartendenkmal von kulturhistorischer Bedeutung ernst zu nehmen. Die Aufenthaltsqualität im Grüngürtel als Naherholungsgebiet der Innenstadtbewohner wolle man verbessern, überdies müsse berücksichtigt werden, dass die Wallanlagen zugleich den Rahmen für die Unesco-Welterbestätten bildeten. 

Im Vorfeld des Reformationsjubiläum wurden bereits weite Teile der Wallanlagen aufgewertet, zuletzt der ehemalige Universitätsgarten am Bunkerberg. Nun folgt die Fortsetzung im Bereich am Schwanenteich, dafür sind 1,53 Millionen Euro vorgesehen bei einer 93-prozentigen Förderung über EFRE-Mittel der EU, bis zum 30. September 2020 müssen die Maßnahmen abgeschlossen sein. 

Altbaumbestand erhalten, Wildwuchs beseitigen 

Während der eigentliche Baubeginn im Sommer 2019 geplant ist, müssen jetzt die Baumfällungen als bauvorbereitende Maßnahmen durchgeführt werden, denn diese sind gesetzlich nur bis Ende Februar und dann erst wieder ab Oktober erlaubt. Es geht um 46 Bäume, 34 sollen jetzt, 12 im Herbst gefällt werden, die Mehrzahl der Bäume hat einen Stammumfang unter 80 Zentimetern. 

Die meisten der zu fällenden Bäume sind unterständig, haben sich selbst ausgesät (Wildwuchs) und wurden wegen mangelnder Pflege der Wallanlagen in den vergangenen Jahren nicht längst beseitigt, wie eigentlich vorgesehen. Einige dieser Bäume beeinträchtigen den wertvollen Altbaumbestand, andere befinden sich auf der Nordseite des Schwanenteiches im Bereich der Böschung. 

Diese Böschung ist aufgrund der 190 Meter lagen und maroden Mauer komplett abgängig und deshalb ein Schwerpunkt der geplanten Maßnahmen. Insbesondere die großen Bäume sorgen für Druck auf die Mauer und müssen auch zur Sicherheit der Bauleute gefällt werden. „Die alte Mauer bleibt im Kern erhalten als Schalung für die Böschung, denn sonst müssten noch mehr Bäume entfernt werden“, erläuterte Paul. 

Die alte Mauer wird von einer neuen Mauer gleichsam umbaut. 19 Bäume müssen hier gefällt werden, dafür werden 25 neue, klein- und mittelkronige Bäume gepflanzt. Der oberhalb der Böschung verlaufende Weg wird aufgewertet und so hergerichtet, dass ihn auch Rollstuhlfahrer benutzen können. Die Fundamente der großen Mauer im westlichen Teil am Schwanenteich liegen frei, deshalb wird der Weg dort um 20 Zentimeter erhöht. 

Sichtachsen und soziale Kontrolle 

Einige Bäume werden aus gestalterischen Gründen gefällt, damit von den Wegen rings um den Schwanenteich ein attraktiver Blick auf das Wasser möglich ist, andere werden entfernt, um Sichtachsen auf Stadtkirche, Melanchthon-Gymnasium , Kavalierskaserne (Neues Rathaus) und katholische Kirche wiederherzustellen. Und nicht zuletzt sollen – auch auf Wunsch der Polizei – durch die Fällungen und die Rodung von Gebüsch die dunklen, nicht einsehbaren Ecken wie im Südwest-Bereich verschwinden und soziale Kontrolle – auch als Schutz vor Vandalismus - hergestellt werden.

Bestandteil der Maßnahmen sind die Sanierung der Wege, die Schaffung neuer Sitzmöglichkeiten und die Sanierung der Plattformen am Ufer. Das bestehende Geländer wird entfernt und in den Wegebereichen nah am Wasser durch ein kniehohes Ziergitter ersetzt. Im Bereich von „Absturzbereichen“ wie den Plattformen bleibt das Geländer erhalten.

Sorgfältige Prüfung vor den Fällungen 

Dass die Entscheidung zwischen Denkmalschutz (Sichtachsen) und Natur- und Klimaschutz eine schmale Gratwanderung bedeutet, erklärte CDU-Stadträtin Insa Christiane Hennen und Horst Dübner, Vorsitzender der Fraktion der Linken, mahnte: „Man darf die Zukunft nicht immer in der Vergangenheit sehen. Muss man die Wallanlagen mit dem Wörlitzer Park vergleichen und stellt sich die Klimaproblematik heute nicht ungleich schärfer dar, als vor mehr als 100 Jahren?“

Bäume im denkmalgeschützten Bereich wie den Wallanlagen unterliegen nicht der Baumschutzsatzung und können deshalb auch ohne Beantragung einer Genehmigung gefällt werden. Doch so einfach hat es sich die Stadtverwaltung nicht gemacht: Für jeden zu fällenden Baum wurde laut Götz Kleeblatt von der Stadtverwaltung eine Artenschutz-Potenzial-Analyse durchgeführt, außerdem habe es umfangreiche Beratungen mit der Naturschutzbehörde gegeben. 

„Bevor ein Baum gefällt wird, erfolgt noch mal eine Begutachtung“, versichert Paul. Baumhöhlen zum Beispiel werden mit dem Endoskop untersucht, um festzustellen, ob dort Fledermäuse überwintern. „Sollte sich kurzfristig ein Verbotstatbestand ergeben, dann wird der betreffende Baum nicht gefällt“, betont Paul. 

Erst im Dezember 2018, kurz vor Weihnachten, stand fest, welche Bäume gefällt werden sollen und im Januar 2019 wurde der Bauausschuss zeitnah informiert. Die mit Kennzeichnungen versehenen Bäume rund um den Schwanenteich sind nicht, wie in den sozialen Medien behauptet, für Fällungen vorgesehen, sie bleiben erhalten.




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