04.01.2019

Konversionsbilanz Wittenberg und Bauhaus-Jubiläum

Ostdeutsche Kompetenz im Haus der Geschichte

Wittenberg (wg). „Die DDR bestand nicht nur aus SED und Stasi, sondern auch aus fleißigen Menschen“, erklärt Dr. Christel Panzig, Leiterin des Hauses der Geschichte, im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. Zum Leben in der DDR habe mehr gehört als Anpassung oder Widerstand, nämlich der ganz normale Alltag. Die Wende verdanke sich nicht einigen Bürgerrechtlern, sondern sei von einer Mehrheit der DDR-Bevölkerung bewirkt worden.

„Identität bezieht man nicht aus der Zukunft, sondern aus Vergangenheit und Gegenwart“, betont Panzig. „Vor, während und nach der Wende mussten die Ostdeutschen kreativ sein und Leistung bringen.“ Aber fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer werde ostdeutsche Kompetenz immer noch ignoriert, seien Ostdeutsche in Führungspositionen unterrepräsentiert.

„Im 30. Jahr des Mauerfalls wollen wir am Beispiel der Konversion zeigen, wir durch ostdeutsche Kompetenz in Wittenberg wichtige Beiträge zur Stadtentwicklung geleistet wurden“, so Panzig. Unter dem Titel „Landgewinn im Frieden – Konversionsbilanz Wittenberg“ sind eine Tagung, Exkursion, Ausstellung und Dokumentation geplant, mit Markus Hennen hat das Haus der Geschichte dabei einen profunden Kooperationspartner gefunden, der den Prozess der Konversion in Brandenburg begleitet hat. 

 „Wir wollen den Prozess der Konversion, wie die zivile Nachnutzung vormals militärisch genutzter Flächen genannt wird, dokumentieren“, erläutert Panzig, „und dabei auch Menschen zu Wort kommen lassen, die diesen Prozess aktiv mitgestaltet haben.“ 

 1993 zog die Westgruppe der vormals sowjetischen Truppen (WGT) aus Wittenberg ab, in der früheren Festungs- und Garnisonsstadt hatte das Thema Konversion einen besonders hohen Stellenwert: „Wittenberg entwickelte sich nach dem Wiener Kongress zu einer bedeutenden preußischen Garnisonsstadt“, erläutert Panzig, „dabei wuchs der Flächenbedarf des Militärs sowohl in der Phase der NS-Diktatur wie auch in der sowjetischen Ära nach dem Zweiten Weltkrieg stetig an.“ 

Um die bevorstehenden Konversionsaufgaben zu bewältigen, richtete der Stadtrat einen zeitweiligen GUS-Ausschuss unter Vorsitz von Horst Dübner ein, die Stadt selbst ging mit gutem Beispiel voran und konvertierte die Kavalierskaserne zum neuen Sitz der Stadtverwaltung – dem „Neuen Rathaus“. Außerdem wurde der Verein „Wohnungen durch Selbsthilfe“ gegründet, dem es in Verhandlungen mit Bundesbehörden und Banken gelang, einen Weg zu finden, für weniger vermögende Bürger selbstgenutztes Wohneigentum auf Konversionsflächen zu schaffen.

Bauhaus und DDR-Design 

Mit der Ausstellung „Präsent 20“ will sich das Haus der Geschichte am Bauhaus-Jubiläum beteiligen, im Fokus steht das DDR-Design. Erst in den 1960er Jahren wurde das bis dato offiziell verpönte Bauhaus-Erbe in der DDR wiederentdeckt, 1968 Bauhaus-Ausstellungen in Berlin und Dessau organisiert. Diese Periode bescherte dem DDR-Design eine Blütezeit. 

Aus Sicht vieler Formgestalter ließen sich bezahlbarer Wohnraum (serielles Bauen) sowie die Schaffung praktischer Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände nach am ehesten mit den Ideen des Bauhauses umsetzen. Auch wenn die SED-Führung im sogenannten Formalismusstreit abstrakte Formen und eine nüchterne Bauweise in Kunst und Architektur als westlich-dekadent diskreditierte, blieben viele Formgestalter den Bauhaus-Grundsätzen treu. 

Beispiele dafür sind die Geschirrserien von Margarete Jahny, die im Volksmund als „Mitropa-Geschirr“ bezeichnet wurden, die Zylindervasen von Hubert Petras, die Teekannen von Georg Eckelt oder das schlichte, zeitlose Alltagsgeschirr von Hedwig Bollhagen, der in Form und Dekor eine zwanglose Verbindung bäuerlicher Tradition und Bauhaus-Ästhetik gelang. „Ohne unseren Fundus könnten wir diese für Juni 2019 geplante Ausstellung nicht bestücken“, sagt Panzig.

Unter dem Motto „Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit“ wurde 1958 ein Programm zur Umwandlung von Erdöl in Plastik entwickelt, das als Material für Alltagsprodukte zum Einsatz kommen sollte. Parallel zur Plastikproduktion anerkannte die SED-Führung ab 1960 auch die Formgestaltung als Wirtschaftsfaktor an, auch mit dem Ziel, den devisenbringenden Export zu steigern. 

Dank des Chemieprogramms konnte die Kunstseide Dederon produziert werden, das Perlon des Ostens. Wie alle modischen Dinge hatten Dederon-Stoffe hohe Preise und konnten nie in ausreichender Zahl im Handel angeboten werden, weil die DDR von Beginn an ihre Konsumgüter in das westliche Ausland exportierte, um den Mangel an Devisen zu kompensieren. Mode in der DDR war immer auch ein Politikum, das seinen besonderen Ausdruck im Verbot vom Tragen bestimmter Kleidungsstücke wie der Westjeans in den 1960er Jahren ebenso fand wie in der propagandistisch groß aufgezogenen Kreation des neuen Rundstrickstoffes aus Polyester – das „Präsent 20“ als Geschenk zum 20. Jahrestag der DDR 1969.




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