23.12.2018

Stadtkirchenpfarrer Johannes Block über die Ursprünge des Weihnachtsbaumes

Ein mit Äpfeln behängter Paradiesbaum

Wittenberg (wg). „Mit grünen Zweigen pocht es an: Tut auf, die sel’ge Zeit begann, Weihnacht, Weihnacht“, heißt es in einem alten Gedicht. Weihnachten ohne Tannenbaum und Lichterglanz sind heute undenkbar, und doch reicht dieser Brauch bei weitem nicht so weit zurück, wie viele annehmen, denn was die Entstehung des Weihnachtsbaumes betrifft, liegt vieles im Dunkeln. 

Das Grün gilt jeher als Symbol des Lebens: Der Brauch, Häuser in der Winterzeit, speziell zum Jahresende, mit Grün zu beschmücken, ist uralt. Eine genaue Festlegung auf eine bestimmte Herkunft bis hin zu der heute bekannten Form des Weihnachtsbaumes ist daher schwierig. 

„Der Weihnachtsbaum hat kirchliche Wurzeln, ist aber letztlich eine Erfindung des Bürgertums in protestantisch geprägten Städten“, erklärt Stadtkirchenpfarrer Dr. Johannes Block im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. In den Bürgerhaushalten war der Baum ein für die Ausgestaltung des weihnachtlichen Kinderfestes notwendiges Requisit, er diente der häuslichen Andacht und war wohl zum Teil auch ein Gegenstück zur katholisch geprägten Krippe. 

„Zurückzuführen ist der Brauch des Weihnachtsbaumes auf die kirchlichen Paradies- und Weihnachtsspiele im Mittelalter“, berichtet Block. Das Paradiesspiel wurde vor dem Krippenspiel aufgeführt und behandelte den Sündenfall aus dem Buch Genesis sowie die Erlösung der Sündigen durch den Kreuzestod Christi. 

Bestandteil dieser Spiele war ein immergrüner, mit Äpfeln geschmückter Baum. „Das Bürgertum hat diesen Paradiesbaum im 18. Jahrhundert aus der Kirche in die bürgerliche Wohnstube geholt“, sagt Pfarrer Block. Aus den Äpfeln am Paradiesbaum entwickelten sich die Weihnachtskugeln, überdies wurde der Baum mit Kerzen geschmückt, damals ein teures Vergnügen. 

Als strahlenden Lichterbaum und Mittelpunkt der Bescherung beschreibt ihn 1737 der Wittenberger Professor der Rechte Gottfried Kißling aus seiner Vaterstadt Zittau. Dort sei es Brauch gewesen, jedem Familienmitglied ein Christbäumchen aufzustellen, doch an deren Stelle sei ein großer Einzelbaum getreten, unter dem sich die ganze Familie vereine.

Dreißig Jahre später lernt Johann Wolfgang von Goethe solche Weihnachtsbäume in Leipzig kennen. In seinem Roman „Die Leiden des jungen Werther“ aus dem Jahr 1774 ließ Goethe seinen Protagonisten an einem Sonntag vor Weihnachten sich von einem aufgeputzten Baum mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln entzücken. 

Die grünen Zweige des Baumes stehen für die Hoffnung auf neues Leben, das Jesus Christus bringt. Auch das Kerzenlicht ist ein Symbol für den Gottessohn: So wie sich die Kerze, indem sie Licht spendet, selbst verbraucht, hat sich auch Christus für die Menschen hingegeben. Die Strohsterne stehen für die Futterkrippe, die roten Kugeln für das Blut Christi, die Nüsse für Gottes geheimen Ratsschluss, was es mit Weihnachten auf sich hat, die Engel sind die Botschafter der Weihnachtsfreude: „Die Geschichte von Weihnachten kann man sich nicht selbst erzählen, sie muss einem verkündet werden“, so Block.

Der Weihnachtbaum ist auch der Ort, an dem üblicherweise die Geschenke ausgebreitet werden, die Bescherung beginnt mit dem Entzünden des Lichts. „Weihnachten ist auch ein Lichterfest, da spielen allgemeine Bräuche eine Rolle“, erläutert Block. Überdies verbinde der Baum die bürgerliche Wohnstube mit der Natur, der Welt draußen. 

Aus der alten Tradition des Bescherbaumes herrührend, war der Weihnachtbaum zumeist auch mit Miniaturspielzeug, Backwaren und Süßigkeiten behangen, zum Dreikönigstag, dem Ende der Weihnachtszeit, durfte der Baum geplündert werden. Und damit trifft ihn jedes Jahr das Schicksal, das der dänische Märchenerzähler Hans Christian Andersen im 19. Jahrhundert in eine wehmütige Hommage an den Weihnachtsbaum gekleidet hatte, just zu einer Zeit, da der Baum seinen Siegeszug durch Europa und die Welt antreten sollte. 

Allgemeine Verbreitung und damit wirkliche Popularität erfuhr der Weihnachtsbaum durch den Krieg: erst den Deutsch-Französischen, dann den Ersten Weltkrieg. Zur Hebung der Kampfmoral befahl der Preußenkönig 1870 die Aufstellung geschmückter Bäumchen in den Lazaretten und Unterständen. Makabrerweise trat er dann von hier aus seinen Siegeszug rund um die Welt an - im positiven Sinne besetzt mit Heimweh und Familiengefühl, im negativen charakterisiert durch Siegessucht und Nationalstolz. 

„Erst um 1900 zieht der Weihnachtsbaum aus den Wohnstuben wieder zurück in die Kirchen, wo er einst als Paradiesbaum auszog“, so Block.

 Neue Figur für die Krippe 

Das Krippenensemble der Stadtkirchengemeinde mit Maria, Josef, dem Kind und dem Verkündigungsstern hat Zuwachs bekommen: Der polnische Künstler Kazimierz Kowalczyk, vor zwei Jahren Künstler-Stipendiat der Cranach-Stiftung, hat nunmehr einen Hirten aus Eichenholz geschnitzt, welches lange in Mooren gelagert war. „Auf einen König werden wir wohl noch einige Zeit warten müssen“, meint Pfarrer Block, „aber der Hirte war uns nicht zuletzt mit Blick auf die heutige Situation der Gesellschaft wichtig. Gerade die, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, die arm sind und frieren, sollen nicht nur an der Krippe, sondern auch in unseren kirchlichen Räumen willkommen sein.“ 

Am Heiligen Abend ist die nunmehr um einen Hirten erweiterte Krippe in der Stadtkirche zu sehen. Zu ihrer Finanzierung sind Spenden willkommen.





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