20.12.2018

Übernutzung gefährdet ökologische Funktion des Waldes

Zehn Jahre Holzkraftwerk: Dreckschleuder in Piesteritz

Wittenberg (wg). „Die steigende Nachfrage nach dem Brennstoff Holz führt zur Übernutzung der Natur und hat zur Folge, dass der Bedarf kaum noch gedeckt werden kann“, berichtet Siegfried Jahn, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) „Pro Wald“, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die BI ist inzwischen in mehreren Bundesländern präsent und engagiert sich für das komplexe Ökosystem Wald (der Wittenberger Sonntag berichtete). 

 „Seit zehn Jahren ist das Holzkraftwerk Piesteritz der Leipziger Stadtwerke am Netz und benötigt circa 200.000 Festmeter Holz pro Jahr und das bei einer geplanten Mindestlaufzeit von 20 Jahren“, rechnet Jahn vor. Das Werk setze pro Jahr rund 140.000 Tonnen Kohlendioxid frei: „Da kann niemand mehr von Klimafreundlichkeit sprechen. Warum solche Dreckschleudern mit Steuermitteln durch das Erneuerbare Energien Gesetz subventioniert werden, ist nicht nachvollziehbar.“ 

Sowohl die BI „Pro Wald“ als auch der BUND, die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, der NABU und Bürger hätten damals vergeblich versucht, den Bau der Anlage zu verhindern. Innovative Verfahren zur Biogaserzeugung, wie sie von einem hiesigen Unternehmen entwickelt wurden, seien nicht zum Zuge gekommen. 

Im Sinne der forstlichen Nachhaltigkeit sei es möglich, circa zwei Millionen Festmeter Holz pro Jahr in Sachsen-Anhalt einzuschlagen, errichtet worden seien jedoch holzverbrauchende Industrie-Anlagen, die jährlich fünf Millionen Festmeter benötigten. Der Hunger nach Holz hat zu einer direkten Rohstoff-Konkurrenz zwischen der stofflichen (Industrieholz) und der energetischen Verwertung (Verbrennung) geführt, dazu kommt ein drastisch zunehmender Bedarf der Kleinversorger, die das Holz im heimischen Kamin oder Pelletheizungen verfeuern. Insbesondere das Verbrennen von Holz führt zu erheblichen Feinstaubbelastungen, die Gesundheit und Umwelt schwer schaden. 

„Bei dem angegebenen Verbrauch des Holzkraftwerkes Piesteritz müssen stündlich circa zehn Festmeter eingesetzt werden, das entspricht mehr als sechs Buchenstämmen bei den von den Leipziger Stadtwerken gewünschten Durchmessern“, so Jahn. Eine solche Buche produziere über die Photosynthese pro Jahr 4.500 Kilogramm Sauerstoff und entziehe der Luft mit Hilfe der Sonnenenergie circa 6.000 Kilogramm Kohlendioxid. „Die Waldbäume filtern die Luft und versorgen uns unter anderem über die Tiefbrunnen in der Dübener Heide mit Trinkwasser und sichern über viele Funktionen unser Leben“, betont Jahn.

Klimawandel

Eine nachhaltige Forstwirtschaft wahre die Interessen von Umwelt, Klima und Artenschutz, inzwischen diene der Wald aber nur noch als Rohstofflieferant. Um die Nachfrage zu bedienen, würden vorwiegend schnell wachsende Fichten und Tannen gepflanzt und überdies die gefällten Bäume immer mehr vollständig genutzt: „Die einst bei der Verrottung humusbildenden Baumkronen fehlen dem Waldboden als Mineralstofflieferant, was sich negativ auf die künftige Baumentwicklung auswirken wird“, warnt Jahn. Auch das in der Forstwirtschaft verstärkt eingesetzte schwere Gerät habe negativen Einfluss auf die Bodenstruktur.

In Zeiten des Klimawandels könne es sich der Mensch nicht mehr leisten, den Wald dem Energie- und Rohstoffhunger der Industrie und der privaten Haushalte zu opfern, verweist Jahn auf die derzeit in Katowice stattfindende UN-Klimakonferenz, wo über den 2015 in Paris vereinbarten Weltklimavertrag verhandelt wird. Der Wald könne seine wichtige Funktion als Senke des Klimagases Kohlendioxid nur wahrnehmen, wenn er schonend behandelt und nicht übernutzt werde. 

Von allen Ökosystemen haben Wälder das größte Senkenpotenzial, bei Übernutzung werden sie jedoch zu einer Kohlendioxid-Quelle. „Alte und artenreiche Wälder sind deshalb die besten Klimapuffer“, sagt Jahn und plädiert dafür, zusätzlich zu den vorhandenen Wäldern sogenannte Klimaschutzwälder anzulegen, um die vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen wenigstens annähernd zu kompensieren. „Die Realität zeichnet aber ein anderes Bild“, kritisiert Jahn, „in Deutschland werden täglich 70 Hektar Fläche der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung entzogen, pro Jahr weltweit 13 Millionen Hektar Wald abgeholzt.“

Feinstaub und Ruß

Der durch Holzfeuerungsanlagen verursachte Feinstaub übertrifft die Abgasbelastungen aller Diesel-Pkw und –Lkw. Außer den großen Holzkraftwerken gibt es circa elf bis 13 Millionen private Holzfeuerungsanlagen in Deutschland. Das Umweltbundesamt spricht sogar von 15 Millionen, europaweit sind es 70 Millionen. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sind sie für 56 Prozent der europäischen Rußemissionen verantwortlich, während der Straßenverkehr 22 Prozent beiträgt. 

Auch beim Feinstaub sorgt die Holzverbrennung mit einem Viertel für den größten Ausstoß und übertrifft den des Verkehrs (rund 15 Prozent). Die Europäische Umweltagentur EEA beziffert die Zahl der vorzeitigen Todesfälle durch erhöhte Feinstaubbelastungen auf 430.000 pro Jahr.





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