29.09.2018

13. Wittenberger Gespräche der Bethel-Begegnungsstätte gab es zum Thema „Trauma-Ambulanz“

Kontrolle gewinnen, Alltag zurückerobern

Wittenberg (wg). Ob ein Mensch nach einem extrem belastenden Erlebnis (Gewalttat, Vergewaltigung, Geiselnahme) psychisch erkrankt oder nicht, hängt entscheidend von sozialen Unterstützungsangeboten ab und wie der Betroffene das Erlebnis verarbeitet – oder nicht. „Trauma-Ambulanzen bieten schnelle psychologische Hilfe auf der Grundlage des Opferentschädigungsgesetzes (OEG) mit dem Ziel, chronischen Belastungsstörungen und anderen psychischen Spätfolgen vorzubeugen“, erklärte Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen, Ärztlicher Direktor Trauma-Ambulanz Berlin, bei den 13. Wittenberger Gesprächen der Bethel-Begegnungsstätte zum Thema „Trauma-Ambulanz“. Als Anlaufstelle für die Akutversorgung sollen diese Ambulanzen Betroffenen monatelange Wartezeiten bei niedergelassenen Fachärzten und Psychologen ersparen.

„Nicht nur Opfer von Gewalttaten, auch Angehörige oder Zeugen einer Gewalttat, die unter psychischen Belastungen leiden, können sich bei uns melden“, berichtete der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Den betroffenen Patienten/ Klienten entstehen keine Kosten, denn das OEG besagt, dass der Staat, der das Gewaltmonopol hat, für Schäden aufkommen muss, die entstehen, wenn dennoch Gewalt stattfindet.

Trotzdem, so Schulte-Herbrüggen, falle es Opfern von Gewalt oft schwer, therapeutische Angebote zeitnah in Anspruch zu nehmen. Scham- und Schuldgefühle tragen dazu bei, dass Patienten häufig erst dann in die Klinik kommen, wenn die extrem belastenden Ereignisse bereits psychische Spuren hinterlassen haben wie sogenannte posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS).

Sie treten erst Wochen oder Monate später auf und zeigen sich in unterschiedlichen Symptomen wie Depressionen, Alpträume, Panikattacken. 

Viele erleben das belastende Ereignis in ihrer Vorstellung immer wieder. Eine besondere Rolle spielen dabei Auslösereize wie zum Beispiel der Tatort, der zu einem neuen Angstgefühl führt oder dazu, dass man dort plötzlich Bilder vom Ablauf der Tat vor Augen hat. 

„Häufig baut sich dann schnell ein sogenanntes Vermeidungsverhalten auf“, erläuterte Schulte-Herbrüggen, „das heißt, diese Orte werden nicht mehr aufgesucht, manche Patienten trauen sich kaum noch aus der Wohnung. Und da können wir in der Trauma-Ambulanz helfen, dieses Vermeidungsverhalten wieder abzubauen.“ 

Ein weiterer Grund, warum Patienten nicht wieder gesund werden, sind offene, quälende Fragen wie: Warum gerade ich? Warum gerade an dieser Stelle? Warum gerade dieser Täter? „Opfer versuchen oft, für sich akzeptable Erklärungen zu finden“, so der Experte, „das gelingt aber in den seltensten Fällen. Es bleibt einfach etwas übrig, das man akzeptieren muss.“ 

Oft geben sich Opfer auch selbst die Schuld und finden damit eine vermeintliche Antwort auf die quälenden Fragen. Das Schuldgefühl ist wiederum ein Belastungsfaktor, der krank machen kann.

„Diagnostik, Resilienzförderung, Vorbeugung von psychosozialen Langzeitfolgen und Behandlung von Traumafolgeschäden sind die Aufgaben des ZPB“, berichtete Diplom-Psychologin Claire Würger. Alle Bemühungen in der Traumatherapie zielten darauf ab, eine adäquate Integration der zuvor fehlverarbeiteten traumatischen Erfahrungen zu erreichen, Ängste, dissoziatives Erleben und Vermeidungsverhalten zu vermindern. Vor Beginn der Traumatherapie erfolgt eine Abklärung der bestehenden Symptomatik und der Therapieindikation, anschließend werden Behandlungsplan und Therapieziele festgesetzt. Letztere bestehen darin, einen traumatisierten Menschen von einem hilflosen Opfer zu einem handlungsfähigen Menschen zu machen, die bestehenden Belastungssymptome zu lindern, das Sicherheitsgefühl und die Kontrollfähigkeit der Person wiederherzustellen und Folgestörungen vorzubeugen.

Dr. Dominik Ülsmann, Leitender Psychologe an der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik, informierte über die intensivierte Traumatherapie nach Arbeitsunfällen, die über das OEG erfolgen kann, wenn der Betroffene auf dem Weg zur Arbeit überfallen wurde oder während der Arbeit Opfer von Gewalt wurde, letzteres kommt immer häufiger in Notfallambulanzen der Kliniken vor. Ansonsten sind andere Kostenträger wie Kranken-, Renten- oder Unfallversicherung zuständig. Ziel ist es, eine drohende Berufsunfähigkeit zu verhindern oder diese wiederherzustellen.

Das ZPB bietet dazu eine ambulante und tagesklinische Behandlung an. Trauma-Ambulanzen gibt es nicht flächendeckend in Deutschland, insbesondere in Sachsen-Anhalt besteht eine unzureichende Versorgung. „Wir sind eine Klinik in Berlin, aber die Stiftung Bethel stellt sich der Gesamtverantwortung in Deutschland“, betonte Schulte-Herbrüggen. So sei man bereit, Patienten aus anderen Bundesländern zu behandeln und denke auch über Kooperationen mit anderen Trägern nach, um eine wohnortnahe Versorgung sicherzustellen. Überdies führe man Weiterbildungen in der Notfallpsychologie für Heil- und Blaulichtberufe durch. 

Ein weiteres Thema sei die Vernetzung von Trauma-Ambulanzen mit anderen Institutionen, die mit der Behandlung und Betreuung von traumatisierten Menschen befasst sind – wie Hausarzt, Psychotherapeut, Opferberatungsstellen, Notfallseelsorge, Weißer Ring, Polizei, Feuerwehr und DRK. 

Hintergrund

Die erste Trauma-Ambulanz in Berlin hatte 2012 an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus die Arbeit aufgenommen, ihr Leiter war Schulte-Herbrüggen. Da die Behandlungsplätze nicht ausreichten, wurde am 1. März 2018 mit dem Zentrum für Psychotherapie Bodelschwingh (ZPB) mit Trauma-Ambulanz in der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik in Wilmersdorf eine neue Einrichtung eröffnet, deren Ärztlicher Direktor Schulte-Herbrüggen ist.





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