11.12.2018

Kultursensible Pflege bei muslimischen Patienten

15. Wittenberger Gespräche

Wittenberg (wg). „Akzeptanz, Rücksichtnahme, Transparenz bei wichtigen Patienten-Informationen und eine feinfühlige, kultursensible Pflege“, empfiehlt Susan Faust im Umgang mit muslimischen Patienten in Kliniken, Altenpflegeheimen und Hospizen. Die Referentin arbeitet in Heidelberg in einem ambulanten Pflegedienst und hat an der Wiener Universität im Studiengang Palliative Care und Organisationsethik eine Masterarbeit geschrieben, die sich mit Patienten aus der muslimischen Kultur auseinandersetzt. 

Thema der gut besuchten 15. Wittenberger Gespräche im Malsaal der Cranach-Stiftung, die gemeinsam von der Bethel-Begegnungsstätte und dem Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt organisiert wurden, waren die Betreuung und Begleitung muslimischer Patienten und deren Angehörigen bei Krankheit, Sterben, Tod und Trauer. Der Islam steckt voller Rituale und wenn diese mit dem Alltag in den Einrichtungen aufeinandertreffen, kann es für Patienten, Ärzte und Pflegende schwierig werden.

Susan Faust rät zum Aufbau eines Qualitätsmanagements, das Religion und Lebenskultur beachtet, würdevolle Orte für den Abschied schafft, Adressen von Beerdigungsinstituten bereit hält, die auf muslimische Bestattungen eingestellt sind sowie bei Bedarf Adressen von Migrationsberatungsstellen und Imamen vermittelt. Vorzuhalten sind multikulturelle Teams und bewährt hat sich auch eine Checkliste, in der Biographie, Religionszugehörigkeit (Ernährungsgewohnheiten, religiöse Praktiken), Sprachkenntnisse, Migrationshintergrund, Familienhierarchie und andere Aspekte erfasst werden.

 „Wir brauchen mehr Verständnis und mehr Wissen über den Islam“, betonte Faust, „und können von Moslems im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer lernen, dass in dieser schwierigen Phase Familienzusammenhalt und Hilfsbereitschaft sehr groß sind, Menschen aufeinander zugehen und der Umgang mit der Trauer sehr viel offener als in unserem Kulturkreis ist.“ Ganz wichtig sei Vertrauen, und dieses entstehe, wenn man zusammenarbeite.

Im Klinikalltag überwiegen Konflikte, die vor allem auf sprachliche und kulturelle Verständigungsschwierigkeiten beruhen: Muss sich ein Patient trotz seiner Krankheit an die Regeln des Ramadans halten? Muss er Medikamente einnehmen, die Alkohol oder Gelatine enthalten? Die wichtigste Verantwortung eines gläubigen Muslims ist es, auf Gesundheit und Körper zu achten. Es ist Pflicht, eine entsprechende Körperhygiene einzuhalten, ebenso wie medizinische Maßnahmen zur Bewahrung oder Wiederherstellung der Gesundheit zu ergreifen, weil Körper und Gesundheit von Gott gegeben sind. Die religiösen Prinzipien sind daher im Notfall und wenn keine Alternativen vorhanden sind aufgehoben, denn das Leiden soll nicht unnötig verlängert und eine schnelle Genesung herbeigeführt werden.

Oft übernimmt ein Familienangehöriger die Funktion eines Dolmetschers: Übersetzt dieser korrekt oder verschweigt der Sohn aus Respekt gegenüber seinem Vater unangenehme Wahrheiten? Alte Menschen genießen im Islam hohes Ansehen, weshalb man ihnen schlechte Nachrichten ersparen möchte. Oder wenn der Ehemann beim Gynäkologen die Dolmetscherrolle übernimmt: Sexualität und familiäre Probleme sind Tabuthemen, über die man mit Außenstehenden nicht spricht.

Ein weiteres Problem ist das Überschreiten der Intimsphäre. „Muslime haben gelernt, ihren Körper so wenig wie möglich der Außenwelt preiszugeben“, erläuterte Faust. „Intimpflege, aber auch die Behandlung sollten deshalb immer von gleichgeschlechtlichen Pflegepersonen und Ärzten vorgenommen werden, wenn dies im Klinikalltag organisierbar ist.“

Das tägliche Gebet stellt eine Pflicht dar, es soll fünf Mal am Tag durchgeführt werden. Es besteht aus der Rezitation von Koranversen, Bittgebeten und bestimmten körperlichen Bewegungen wie Verbeugen, Knien, Sitzen, Stehen. „Ein kranker Muslim kann die von ihm nicht ausführbaren Körperbewegungen auch nur andeuten, zum Beispiel im Bett liegend“, so Faust.

Der Muslim darf erst dann beten, wenn er selbst rituell rein ist, dies erfordert das Waschen des Gesichtes, der Arme bis zum Ellenbogen, das Anfeuchten der Haare und das Waschen der Füße. „Falls der Patient bettlägerig ist, sollte ein Wasserkrug zum Waschen neben das Bett gestellt werden, damit der Patient die rituelle Reinheit herstellen kann“, sagte Faust. 

Ein weiteres Konfliktfeld ist der Umgang mit Besuch, denn es gehört zum guten Ton und zur religiösen Pflicht, dass Angehörige, aber auch Freunde und Nachbarn einen Kranken besuchen. Für den Kranken wiederum ist der Besuch ein Zeichen für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. „Es geht darum, dem Kranken Ehre und Beistand zu gewähren“, erklärte Faust. Die vielen Besucher, die meist auch Essen mitbringen, führen nicht nur auf Intensivstationen zu Problemen, sondern können auch in normalen Krankenzimmern von Mitpatienten als belastend empfunden werden und den Stationsablauf beeinträchtigen. Hier, so Faust, helfen nur Kompromisse. 

Besonders wichtig ist der Besuch beim Sterbenden, letzte Gelegenheit, sich gegenseitig Rechtsverletzungen und Vergehen zu verzeihen und um Vergebung zu bitten. „Nach den Regeln des Islams darf ein Sterbender nicht alleine gelassen werden“, berichtete Faust. Die Sterbebegleitung sollte in der Regel über den Imam erfolgen. Nur nahe Verwandte dürfen dem Verstorbenen die Augen schließen. Eine nicht-muslimische Krankenschwester darf dies nur mit Handschuhen und unter Beachtung der rituellen Vorschriften.

Dass Krankheiten geheilt oder zumindest gemildert werden müssen, darüber sind sich alle Ärzte in allen Kulturen und Religionen einig. Unterschiedlich ist, wie man an die Sache herangeht, weil es in den Lebenswelten verschiedene Sichtweisen auf Krankheiten und ihre Ursachen gibt. 2019 sollen die Wittenberger Gespräche fortgeführt werden, ein Thema werden kulturelle Missverständnisse am Krankenbett sein.




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