Bilder: Stephan Zöllner, Leiter der Bethel-Begegnungsstätte in Wittenberg, Dietmar Kokott, Vorstandsmitglied des WZGE und ehemaliger Globaler Personalchef der BASF SE und Daniel Hannemann, Kaufmännischer Geschäftsführer des Wittenberger Start-up-Unternehmens Tesvolt. Fotos: Bethel

Bilder: Stephan Zöllner, Leiter der Bethel-Begegnungsstätte in Wittenberg, Dietmar Kokott, Vorstandsmitglied des WZGE und ehemaliger Globaler Personalchef der BASF SE und
Daniel Hannemann, Kaufmännischer Geschäftsführer des Wittenberger Start-up-Unternehmens Tesvolt. Fotos: Bethel

26.11.2018

Flache Hierarchien, werteorientierte Unternehmensführung, Personalmarketing

Wittenberger Gespräche: Diakonie und Wirtschaft können voneinander lernen

Wittenberg (wg). „Diakonie, Kirche, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sind verschiedene Systemwelten, die mit Hilfe geeigneter Projekte in gut funktionierende Kooperations-Gemeinschaften überführt werden können“, erklärte Stephan Zöllner, Leiter der Bethel-Begegnungsstätte, in seiner Einführung zu den 14. Wittenberger Gesprächen im Malsaal der Cranach-Stiftung, die sich dem Thema „Personalgewinnung durch Unternehmensbotschafter – Was kann Diakonie von Wirtschaft lernen?“ widmeten. 

Personalgewinnung durch Unternehmensbotschafter könne dann gelingen, wenn Mitarbeiter zu Mitunternehmern werden. Dabei gehe es um Mitwissen, Mitdenken, Mithandeln, Mitentscheiden und Mitentwickeln. Nur wer im Dialog authentisch auf allen Führungs- und Mitarbeiterebenen eine nach christlichen Grundwerten orientierte Haltung erfahre, werde in diakonische Unternehmen und darüber hinaus eine Botschafterrolle einnehmen, die nach innen und außen eine zukunftsweisende Signalwirkung entfalten könne. 

 Führung ohne Führungskräfte 

Dass dabei Akteure in Wirtschaft und Diakonie voneinander lernen können, zeigte das Beispiel des Wittenberger Start-up-Unternehmens Tesvolt, dessen Kaufmännischer Geschäftsführer Daniel Hannemann das Konzept „Führung ohne Führungskräfte“ vorstellte. In herkömmlich strukturierten Firmen mit klarer Hierarchie und einem Chef an der Spitze werde die Organisation schwerfällig durch die vielen Abstimmungsrunden, Formalismen und andere Zeitfresser: Je komplexer die Pyramide, desto geringer sei die Funktionsfähigkeit. „In selbststeuernden Einheiten organisieren sich die Teams selbst, herrschen demokratische Strukturen und wirkt eine starke Mission“, betonte Hannemann. Menschen handelten aus eigenem Antrieb, um mit Begeisterung gemeinsame Ziele zu erreichen, wobei sich die Teams immer wieder neu zusammensetzen, sobald sich die Anforderungen geändert haben. Das herkömmliche System des klassischen Industriezeitalters sei mechanistisch und Top-down gemanagt, während das System „Führung ohne Führungskräfte“ auf die Anforderungen des Wissenszeitalters reagiere und team-basiert arbeite. 

In diesem System, so Hannemann, werde nicht auf Führung, wohl aber auf Führungskräfte verzichtet, Führungsaufgaben würden auf die Mitarbeiter verteilt, wobei jeder seine Potenziale entfalten könne. Entscheidungen erfolgten weitestgehend durch die Mitarbeiter nach definierten Regeln, wobei jeder Zugang zu allen notwendigen Informationen erhalte. Eine derart agile Organisationsform kontrolliere sich durch seine Selbstkorrekturfähigkeit. 

Kompass für Führungskräfte

Wie können Führungskräfte im Lichte von Wettbewerbs- und Zeitdruck, Ressourcen-Knappheit und kulturellen Unterschieden verantwortlich handeln? Wie lässt sich ein ethischer Kompass für verantwortliche Führung im Alltag entwickeln? Mit diesen Fragen befasste sich Dietmar Kokott, Vorstandsmitglied des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik (WZGE) und ehemaliger Globaler Personalchef der BASF SE. 

In der Praxis werde Führung im Zuge wachsender Ungewissheiten zunehmend wichtiger, zugleich werde Führung immer schwieriger, weil auch bewährte Orientierungen unter Druck gerieten. Umso mehr seien Entscheidungsträger heute auf einen ethischen Kompass angewiesen, der ihnen Anhaltspunkte für gute Führung vermittele - dessen Leitprinzip laute „Do no harm“, das heißt, Schädigungen anderer zu vermeiden. 

Dieses Leitprinzip gebe die grundlegende Antwort auf die Frage, was Menschen legitimerweise voneinander erwarten könnten. Dieses Prinzip im täglichen Leben verlässlich zu beachten, stelle eine Grundbedingung gelingender gesellschaftlicher Zusammenarbeit dar und werde damit auch zu einem unverzichtbaren Element guter Führung. 

Generationen-, hierarchie-, berufsgruppen- und geschlechterübergreifend organisiert ist die Diakonische Gemeinschaft Nazareth der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, die Diakon Joachim Hood vorstellte. Beim externen Personalmarketing setze man auf Schulpartnerschaften, auf das Betheljahr, auf Berufsrückkehrer, Fachkräfte aus dem Ausland sowie auf Kooperationen mit Gesundheitsschulen. 

Beim internen Personalmarketing gehe es um Transparenz und Mitbestimmung. Mit der Qualifizierung von Hilfskräften zu Fachkräften, dem Bildungsangebot „Pflege und Assistenz“ sowie der Weiterentwicklung durch Qualifizierung reagiere man auf demographischen Anforderungen, während man in der Organisation auf flexible Arbeitszeitmodelle setze.

 Fachkräftemangel und Demographie 

Der Pflegeberuf werde als unattraktiv erlebt, gleichzeitig wachse die Anzahl der Pflegebedürftigen, der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt nehme zu, freie Stellen seien immer länger vakant. „In Deutschland sind mehr als 25.000 Fachkraft-Stellen in der Alten- und Krankenpflege unbesetzt“, erklärte Petra Krause von den Gesundheitsschulen am Evangelischen Klinikum Bethel, „auf je 100 offene Stellen kommen rechnerisch nur 21 arbeitslose Fachkräfte.“ 

Wichtigste Kriterien, sich für einen Ausbildungsplatz in der Pflege zu entscheiden, seien: leistungsgerechte Bezahlung, Sicherheit des Arbeitsplatzes, abwechslungsreiche Tätigkeit und Weiterbildungsangebote. Für Arbeitgeber wesentliche Voraussetzungen seien Leistungsbereitschaft, gute Umgangsformen, psychische Stabilität und fachliche Qualifikation.

„Ein Zusammenwirken von Diakonie und Wirtschaft ist möglich, beide Seiten können voneinander lernen, nachhaltiger Unternehmergeist kann auch im Sozial- und Gesundheitswesen integriert werden“, resümierte Stephan Zöllner die Ergebnisse der sehr gut besuchten Veranstaltung im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. Dietmar Kokott lobte das Format der Wittenberger Gespräche und will gemeinsam mit Bethel das Thema Personalgewinnung und –orientierung voranbringen. Überdies, so Zöllner, plane die Tesvolt GmbH eine Projektbeteiligung mit den von Bodelschwinghschen Stiftungen.





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