Wittenberg leuchtet für Toleranz. Foto: Oleg Alimov

Wittenberg leuchtet für Toleranz. Foto: Oleg Alimov

20.11.2018

Hass im Netz führt offline zu Ausgrenzung und Gewalt

Wittenbergs Marktplatz leuchtete für Toleranz

Wittenberg (wg). Offenheit und Freundlichkeit gegen Hassreden in den „sozialen“ Netzwerken: Dienstagabend leuchtete der Wittenberger Marktplatz, trotz der winterlichen Kälte entzündeten etliche Bürger eine Kerze als Zeichen für Toleranz in der Stadt. 

Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) betonte, dass die Verrohung der Sprache längst kein Phänomen von Jugendlichen in den Netzwerken sei, sondern inzwischen alle gesellschaftlichen Schichten erreicht und sogar Einzug im Stadtrat gehalten habe: „Auf der Suche nach der Stadt Bestes ist das nicht förderlich.“ In der Anonymität des Internets gedeihe außer dem Hass auch das vorurteilsbehaftete Unwissen: „Viel Meinung, wenig Ahnung.“ 

Dass in der Nacht vom 9. auf dem 10. November, 80 Jahre nach der Reichspogromnacht, in der die Synagogen gebrandschatzt wurden, das Flüchtlingsboot am Schwanenteich offenkundig von Rechtsextremen in Brand gesetzt wurde, sei nicht hinnehmbar. 

„Gerade das Flüchtlingsboot war nicht dazu gedacht, die Stadtgesellschaft zu spalten, denn wir sind uns alle einig, dass es nicht gut sein kann, wenn sich viele Menschen mit so einem Seelenverkäufer auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen müssen“, erklärte Zugehör. Das Boot sei ein klares Bekenntnis für eine menschliche Flüchtlingspolitik. 

Mit Herbert Grönemeyers „Ein Stück vom Himmel“ beendete der OB seine Rede, darin heißt es zum Schluss: „Die Erde ist freundlich, warum wir eigentlich nicht?“ 

„Sprache ist gewortete Wirklichkeit“, sagte Stadtkirchenpfarrer Alexander Garth, „immer mehr Menschen, auch brave Bürger, sind für Hassbotschaften empfänglich.“ Wut führe zu Has und Hass zu unsäglichem Leid, deshalb dürfe man nicht zulassen, dass Wut in Hass umschlägt: „Hass ist zerstörerisch, Hass vermehrt sich und ist hochinfektiös, Hass eskaliert.“ 

Erst käme der Hass, dann Pöbeleien und dann Anschläge auf Symbole wie das Flüchtlingsboot - und schließlich würden wieder Menschen von einem aufgehetzten Pöbel durch die Straßen getrieben wie am 9. November 1938 auch in Wittenberg geschehen. Mit Hassbotschaften werde die Bundesrepublik, ein Land, auf das man stolz sein dürfe, zerstört. 

„Man darf auf Hass nicht mit Hass reagieren“, warnte Garth, „sondern muss Freundlichkeit, Offenheit und Toleranz dagegen setzen. Diese Eigenschaften machen unser Land sympathisch, sie machen uns sympathisch.“ 

Bürgermeister Jochen Kirchner (parteilos) erinnerte an die beeindruckende Gedenkveranstaltung zum 9. November im Alten Rathaus und an die Mahnung des Zeitzeugen und Wittenberger Ehrenbürgers Richard Wiener, rechtzeitig den Anfängen zu wehren, denn das Untier des Nationalsozialismus sei nicht erlegt, es schlafe nur.

Thomas Merten, Henrike Heierberg und Sven Paul vom SPD-Ortsverein Wittenberg, die zur Aktion „Wittenberg leuchtet für Toleranz“ auf den Markt eingeladen hatten, zitierten Hassreden aus dem Internet, meist abfällige Kommentare zu kommunalpolitischen Themen. Online verbreiteter Hass führt offline zu Ausgrenzungen und Gewalttaten.

„Auch im Vorfeld dieser Veranstaltung hat es im Netz Hasseinträge gegeben“, bestätigte Merten. Die Diskussionskultur müsse anders geführt werden, als sie gegenwärtig im Netz stattfinde. Es fehle die Bereitschaft, andere Meinungen zuzulassen und es fehle das Interesse, sich umfassend zu informieren, stattdessen dominierten Verschwörungstheorien. 

„Die Hassreden im Internet malen die Welt ausschließlich schwarz und weiß“, kritisierte Heierberg, „die Verrohung der Sprache erleben wir immer mehr auch in persönlichen Gesprächen.“ Gegenseitige Beschimpfungen dürften nicht zur Normalität werden, deshalb, so Paul, wolle man mit der Aktion „Wittenberg leuchtet für Toleranz“ dafür werben, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zuzuhören.




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