Schüler des LMG aus dem Kunstkurs von Ulrike Kirchner haben in der Firma Wittenberger Edelstahltechnik fünf Stelen zum Gedenken an ermordete Wittenberger Juden gefertigt. Foto: Ulrike Kirchner

Schüler des LMG aus dem Kunstkurs von Ulrike Kirchner haben in der Firma Wittenberger Edelstahltechnik fünf Stelen zum Gedenken an ermordete Wittenberger Juden gefertigt. Foto: Ulrike Kirchner

05.11.2018

Reichspogromnacht: Stadtgesellschaft denkt an die Opfer

1938-2018: Wittenberg setzt Zeichen gegen das Vergessen

Wittenberg (wg). 80 Jahre sind vergangen, die Verbrechen keineswegs vergessen. „Die Reichspogromnacht entfaltete vom 9. auf dem 10. November ein grauenhaftes Ausmaß an staatlich organisierter und gelenkter Gewalt gegen jüdische Mitbürger durch die Nationalsozialisten“, erklärt Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos). „Organisierte Schlägertrupps setzten auch in Wittenberg Geschäfte und Wohnungen der jüdischen Nachbarn in Brand, jeder konnte sehen, wohin die NS-Ideologie führt.“ 

Die Reichspogromnacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit, das Gedenken daran möchten solche, die die NS-Diktatur für einen „Fliegenschiss in der deutschen Geschichte“ halten, am liebsten entsorgen. „In Zeiten, in denen das Nationale wieder im Vordergrund steht, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Menschenhass zunehmen und die offene Gesellschaft angegriffen wird, wollen wir als Stadtgesellschaft der Opfer gedenken“, betont Zugehör. 

Weil sich das Gedenken 2018 zu einer runden Zahl summiert, haben sich im Vorfeld viele Akteure zusammengefunden, darunter die Stadt Wittenberg, die Evangelische Stadtkirchengemeinde, die Evangelische Akademie, die Gymnasien der Stadt, das Deutsch-Israelische Koordinierungsbüro ConAct, die beiden Gymnasien sowie die Initiative „Wittenberg Weltoffen“ und haben ein umfangreiches Pogramm erarbeitet, das insbesondere junge Menschen einbezieht. 

Stelen und Stolpersteine 

 Am Luther-Melanchthon-Gymnasium (LMG) läuft in Kooperation mit der Evangelischen Akademie das fächerübergreifende Projekt „Stelen und Steine“, dessen Ergebnisse am 8. November zu sehen sein werden. „Die Schüler sollten sich mit der Aktion ‚Stolpersteine’ und den Biografien ermordeter Wittenberger Juden auseinandersetzen“, informiert Studienleiter Tobias Thiel. Für fünf der Ermordeten fertigten die Schüler mit Unterstützung der Wittenberger Edelstahltechnik fünf Stelen und gaben den Opfern anhand von Fotos ihr Gesicht zurück. 

Alle Interessierten sind am 8. November zu einem Rundgang gegen das Vergessen eingeladen, dabei kommen die Stelen zum Einsatz, Beginn ist um 14.30 und 15.30 Uhr in der Lutherstraße 17. Die Stelen werden später ihren Platz in der Evangelischen Akademie finden und können von anderen Schulen ausgeliehen werden. Vorher laden die Schüler zu einer Putzaktion der insgesamt 30 in Wittenberg verlegten Stolpersteine ein, Beginn ist um 13 Uhr am Markt 3. 

Sprachliche Grabsteine 

Am Donnerstag um 17 Uhr laden die Schüler des Lucas-Cranach-Gymnasiums in den Malsaal des Cranachhofes zu einer szenischen Lesung „Lyrik gegen das Vergessen“ ein. Rezitiert werden Gedichte, die der Germanist Michael Moll zusammengetragen hat – persönliche Vermächtnisse von KZ-Häftlingen, geschrieben unter Todesängsten. „Die Opfer waren ihren brutalen Peinigern ausgeliefert, aber sie waren nicht stumm“, berichtet Deutschlehrerin Claudia Schiefert-Damm, „sie haben ihr Leid in Worte gefasst und weil die meisten die Todeslager nicht überlebt hatten, erscheinen die Gedichte wie sprachliche Grabsteine.“

Die Cranach-Gymnasiasten hoffen, dass auch die beiden Ehrengäste ihre szenische Lesung besuchen werden: Der 91-jährige Erich Wiener, der in Rockville in den USA lebt, ist seit 2010 Ehrenbürger seiner alten Heimatstadt und musste als Kind erst nach England und dann in die USA flüchten. Ruth Friedmann ist Nachfahrin einer der beiden Frauen, die am 9. November 1938 vom grölenden Pöbel durch die Altstadt getrieben wurde, mit einem Schild um den Hals: „Ich bin eine Judensau, spuckt auf mich!“ 

Zeitzeugen erinnern sich 

 Die beiden Ehrengäste werden am 9. November um 17 Uhr auf dem Podium im Alten Rathaus zur offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt sitzen, ebenso Eleonore Kriegel, die ein Jahr Freiwilligendienst in Israel absolvierte. Moderiert wird die Veranstaltung, die auch Zeitzeugengespräche umfasst, von Mario Dittrich, der Wieners Biografie „Meine Reise ins Überleben“ herausgebracht hat. „Wegen des 9. Novembers 1938 verließ Wiener Wittenberg, wegen des Falls der Mauer am 9. November 1989 kehrte er in seine Heimatstadt zurück“, will Dietrich einen Bogen zwischen zwei konträren Ereignissen schlagen. 

Um 18.30 Uhr wird die Veranstaltung am Mahnmal an der Stadtkirche fortgesetzt: „Wir werden dabei symbolisch 40 Kerzen im Gedenken an die ermordeten Wittenberger Juden entzünden“, kündigt Stadtkirchenpfarrer Johannes Block an. Um 19 Uhr beginnt in der Stadtkirche ein Konzert mit hebräischen Melodien für Orgel und Bratsche, Ausführende sind Rebekka Zachner und Hans-Josef Loevenich.




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